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Albanien · Albanian Alps (Valbona-Tal / Kukaj)

A Hamlet in Albania

Ausgabe 2015 · Text: Timothée Théaux · Fotos: Arthur Bertrand · 5 min Lesezeit

A Hamlet in Albania

Es ist 8 Uhr 30 am Morgen. Mit einem Glas Raki in der Hand stoßen wir mit unserem Gastgeber Tahir an, neben dem warmen Holzofen, um den unsere Klamotten zum Trocknen hängen. Nichts Ungewöhnliches …

Es ist 8 Uhr 30 am Morgen. Mit einem Glas Raki in der Hand stoßen wir mit unserem Gastgeber Tahir an, neben dem warmen Holzofen, um den unsere Klamotten zum Trocknen hängen. Nichts Ungewöhnliches, sieht man einmal davon ab, dass es vielleicht noch etwas früh ist, um diese albanische Tradition zu pflegen. Doch wir sind bereits von unserem frühmorgendlichen Ausflug zurückgekehrt. Regen und instabiler Schnee haben uns nach wenigen Höhenmetern für heute die Tour vermasselt. Den Rest des Tages verbringen wir damit, mit Flori, Tahirs Sohn, Domino zu spielen und eine Runde Raki nach der anderen zu trinken. Dabei beobachten wir, wie der Regen in Schnee übergeht, und unsere Hoffnung kehrt zurück.

Unsere Reise beginnt mit einer späten Ankunft bei gerade noch ausreichend Licht, um die Berge zu erkennen. Wir sind auf dem Weg ins Valbona-Tal im Nordosten Albaniens, an der Grenze nach Montenegro und zum Kosovo. Und wir sind überwältigt. Die Berge sind riesig, ja majestätisch: mit steilen Wänden, überdimensionalen Felszacken und großartigen Hängen. Wir sind froh, endlich am Ziel zu sein, einem von der Außenwelt abgeschnittenen Bauernhof im Talgrund, kurz vor dem Ort Rrogam. Der Besitzer erzählt uns, dass das Tal im Sommer mittlerweile gut besucht ist, da immer mehr Touristen zum Wandern kommen. Im Winter jedoch ist es leer, und man trifft nur auf die Einheimischen und ihre Tiere.

Am nächsten Tag steigen wir in der Hoffnung auf einen Gipfelerfolg auf der rechten Seite des Tals auf. Ohne wirklichen Plan. Was wir die Nacht zuvor noch sehen konnten, gab uns einen ersten Eindruck des großartigen Ski-Potentials der Berge, aber uns wurde auch klar, dass man alpine Erfahrung mitbringen muss. Nach zweieinhalb Stunden und nur 300 Höhenmetern erreichen wir die Baumgrenze. Endlich freie Sicht. Wir wählen eine enge Scharte, die schon vom Tal aus zu sehen war. Nach etwas über 1.000 Höhenmetern ziehen wir die Felle ab und nehmen die Scharte mit den Ski am Rucksack in der Direttissima in Angriff. Rund 45 Grad steil geht es bergauf, aber wir können ohne große Mühe Stufen in den Schnee schlagen und auf Steigeisen und Eispickel verzichten.

Der Beginn der Tour liegt gut fünf Stunden zurück, als uns das schlechte Wetter einholt. Da wir zum Mittagessen wieder im Tal sein wollen, beschließen wir, die 1.500 Meter, die wir uns nach oben gekämpft haben, wieder abzufahren. Aber der Schnee ist problematisch, hart wie Glas, und das Terrain ist steil, eng und V-förmig. Obwohl die meisten von uns Steilabfahrten lieben, ist diese Abfahrt alles andere als angenehm. Geht etwas schief, gibt es keine Rettungsdienste in der Nähe, die uns helfen könnten. Wir beschließen, kein Risiko einzugehen. Nach einem wahren Festmahl und etwas Ruhe auf dem Hof brechen wir zu unserem nächsten Ziel auf. In den Valbona-Bergen gibt es keine Biwaks oder Berghütten, deswegen übernachten wir erneut bei Einheimischen.

200 Meter höher und ein paar Kilometer weiter kommen wir zu einer winzigen Siedlung. Es regnet. Willkommen in Kukaj – drei Häusern, zwei Familien. Tahir wurde unsere Ankunft nicht angekündigt, so dass er – wie wir auch – ein wenig von der Rolle ist. Wir erleben eine verrückte Situation, denn wir können uns nicht verständigen. Tahir und seine Familie sprechen nur Albanisch, und die einzigen uns bekannten Wörter sind „Hallo“, „Auf Wiedersehen“ und „Danke“. Da stehen wir also, zurückversetzt in die Vergangenheit unserer Großeltern, im tiefsten Albanien. Die Siedlung liegt auf 1.150 Metern und bis in den April unter Schnee. Der nächste Ort ist Valbona, ein paar Kilometer weiter unten im Tal.

Die Menschen hier leben mit ihren Tieren, Kühen, Pferden und Hühnern. Der Winter erscheint uns übermäßig gut ausgerüsteten Westlern hart und kompliziert. Tahirs Familie lebt einfach, aber sie sind trotz der Schwierigkeiten voller Lebensfreude. Problemlos gewöhnen wir uns an ihren Lebensstil und bleiben trotz der Verständigungsschwierigkeiten entspannt, locker und abenteuerlustig. Das Wetter wird besser, und wir können aufgrund der Lage Kukajs auf der Nordseite des Tales Skitouren in Richtung Montenegro machen. Entlang der Grenze ist über einfachere Hänge sogar eine Rundtour möglich. Der Blick von der Passhöhe auf die Gipfel und die Scharte, die wir einige Tage zuvor befahren haben, ist beeindruckend.

Auch der Ausblick auf das Hochtal jenseits der Grenze und auf die Berge Montenegros, die ebenso majestätisch, steil und unberührt sind wie ihre albanischen Nachbarn, lässt uns staunen. Nach einigen eigentlich unerlaubten Tiefschneeschwüngen im Grenzgebiet steigen wir zurück auf eine zweite Passhöhe und gelangen von dort wieder nach Albanien und hinab zu Tahirs Hof. Von der Grenze haben wir gute Sicht auf die fantastischen Hänge am Ende des Tales von Kukaj und können die nächsten Tage planen: Wir entdecken ein Labyrinth aus großartigen Hängen und den wohl besten Spot der Region. Nachdem aus Regen Schnee wurde, beschert uns der Himmel nun herrlichsten Sonnenschein. Mit einem breiten Grinsen gehen wir die letzten Tage unserer Reise an.

Dieser alpine Spielplatz ist einfach überwältigend, doch wir werden von den Schneebedingungen überrascht und befinden uns außerdem in unbekanntem Terrain. Die lokale Beschaffenheit des Schnees kennen wir aus unseren Breiten nicht; vereiste Bereiche auf weniger exponierten Passagen veranlassen uns zur Vorsicht. Wir ändern unsere Pläne und beschließen, mit weniger extremen Touren vorlieb zu nehmen. Trotzdem sind wir alles andere als enttäuscht und genießen jeden Augenblick, den uns diese tollen Berge schenken. Der Schnee staubt über unsere Köpfe, als wir die Hänge um Kukaj abfahren. Was für eine Reise!

Wir haben ein völlig neues Gebirge mit unglaublichen Möglichkeiten entdeckt und die Gastfreundschaft der Einheimischen in einem Land genossen, dessen Zukunft erst noch geschrieben werden muss. Als Freerider und als Reisende werden wir uns noch lange daran erinnern.

A Hamlet in Albania
© Arthur Bertrand
A Hamlet in Albania
© Arthur Bertrand
A Hamlet in Albania
© Arthur Bertrand
A Hamlet in Albania
© Arthur Bertrand
A Hamlet in Albania
© Arthur Bertrand

Fahrer: Alex de Leymarie, Quentin Lombard, Timothée Théaux