Spitzbergen / Svalbard · Trygghamna Fjord
Black Mines, Blue Glaciers, White Mountains
Ausgabe 2018 · Text: Fredrik Schenholm · Fotos: Fredrik Schenholm · 4 min Lesezeit

„Willkommen in Russland! Bitte beachten Sie die hier geltenden Preise: Ausgehender Anruf 1,55 Euro pro Minute, eingehender Anruf 1,55 Euro pro Minute.“ Obwohl Spitzbergen zu Norwegen gehört …
„Willkommen in Russland! Bitte beachten Sie die hier geltenden Preise: Ausgehender Anruf 1,55 Euro pro Minute, eingehender Anruf 1,55 Euro pro Minute.“ Obwohl Spitzbergen zu Norwegen gehört, erscheint diese Nachricht auf unseren Telefonen, als unser Boot in Barentsburg einläuft. Vom Hafen aus führt eine lange, zerlöcherte Holztreppe vorbei an baufälligen Holzhäusern hinauf in höhere Lagen. Eine leere Schaukel schwingt im Wind hin und her. Der Blick nach Süden trifft auf schwarze Kohlehaufen. Im Dorf gibt es eine kleine Hauptstraße mit ein paar Häusern, eine Schule, ein Hotel, das schon bessere Zeiten gesehen hat, und eine Kneipe. Die Gruppe will ein „Arctic Beer“ trinken. Wir gehen in die angeblich nördlichste Brauerei der Welt.
Die Bar ist leer, die einzige Person der junge Russe hinter dem Tresen namens Kiril. Er zapft sieben lokal produzierte IPAs für insgesamt 15 Euro, in etwa der Preis für ein einziges Bier in Oslo. „Rund 450 Menschen arbeiten in der Kohlengrube“, sagt Kiril... „Die Arbeiter kommen normalerweise mit Dreijahresverträgen hierher, aber ich kenne einen, der schon seit 15 Jahren hier ist.“ Barentsburg liegt etwa 60 Kilometer westlich von Longyearbyen, einer kleinen Bergbaustadt auf der Insel Spitzbergen im gleichnamigen norwegischen Archipel. Der Kohlebergbau ist die dominierende Wirtschaft, aber in letzter Zeit bringt auch die Tourismusindustrie den Einheimischen ein wenig Geld ein.
Der Name Barentsburg stammt vom niederländischen Entdecker William Barentsz, der Spitzbergen 1596 entdeckte. Ab 1932 waren die Sowjetunion (heute Russland) und die Firma Trust Arktikugol für den Bergbau in Barentsburg verantwortlich. Fünf Tage zuvor reisten wir mit dem Flugzeug von Oslo nach Longyearbyen, einem Dorf direkt am Eisfjord auf der Westseite von Spitzbergen. Bereits vom Flieger aus konnten wir einen Vorgeschmack darauf bekommen, was uns erwartete: weiße Berge, blaues Wasser und riesige Gletscher. Für die nächsten Tage wäre die Strønstad, ein Boot, unser Zuhause. Wir – das sind die erfahrenen schwedischen Bergführer Christian Edelstam und Magnus Lindor Strand, zehn begeisterte Skifahrer und vier Crewmitglieder.
Wegen der fehlenden Infrastruktur auf Spitzbergen ist ein Boot der beste Weg, um auf den Inseln Ski zu fahren. Kurz vor unserem ersten Abendessen versammelten die Guides alle in der Kantine zu einem Briefing: „Wir kennen hier drei Gefahren: Lawinen, Spalten und Eisbären. Wenn ein Eisbär auftaucht, ist es wichtig, dass wir in einer Gruppe zusammenstehen und laut schreien. Höchstwahrscheinlich wird der Bär dann verschwinden.“ Bergführer Christian machte eine kurze Pause und fuhr fort: „Wenn das nicht funktioniert, benutzen wir unsere Signalpistole. Verschwindet er immer noch nicht, schießen wir einen Warnschuss mit unserem Gewehr. Sollte der Eisbär trotzdem auf uns zukommen, wisst Ihr wahrscheinlich, was als nächstes passiert.
Das ist sehr unwahrscheinlich, ... aber es ist möglich.“ Nach dem Abendessen verließ die Strønstad den Hafen in Richtung Westen über den Isfjord zum Trygghamna-Fjord. Nach einer wackeligen dreistündigen Fahrt erreichten wir das ruhige Wasser des Fjords. Unser Skipper Ivar warf den Anker und ging ins Bett. Am nächsten Morgen machte sich die Gruppe bereit für die erste Skitour in der herrlichen arktischen Landschaft rund um unser Boot – massive Gletscher bis zum Fjord und scharfe, weiße Gipfel ringsum. Christian und Magnus klammerten sich an ihre Ferngläser und suchten den Küstenstreifen nach Eisbären ab. Die Gruppe wartete darauf, das Beiboot zu besteigen, das uns an die Küste bringen würde.
Spitzbergen besteht aus vielen Inseln, die größte ist Spitzbergen, gleichnamig wie der Archipel. Alle Inseln zusammen haben etwa 1/10 der Größe Frankreichs, 60% der Landfläche besteht aus Gletschern. Auf der Westseite von Spitzbergen, wo der kommerzielle Skisport größtenteils stattfindet, beträgt der durchschnittliche Niederschlag 400 Millimeter pro Jahr. Auf der abgelegeneren Ostseite sind es bis zu 1.000 Millimeter. Die durchschnittliche Jahrestemperatur liegt selten über 0 Grad Celsius, was bedeutet, dass die Niederschläge meist als Schnee am Boden ankommen. Wir wollten den 849 Meter hohen Protector Mountain befahren. Alle sprangen schnell aus dem Beiboot und es wurde keine unnötige Zeit in der Eisbärenzone verbracht.
Je höher wir kamen, desto besser wurde die Aussicht. Vom Gipfel aus sahen wir die Hochebenen auf der anderen Seite des Isfjords, Teil des Trygghamna Fjords, mit Gletschern, die bis zum Wasser reichen. Uns lief das Wasser buchstäblich im Mund zusammen. So viele Möglichkeiten und so wenig Zeit! Wir schafften zwei Abfahrten, eine über die Westhänge bis zum Meer und eine steilere nördlich orientierte nach Protectorbreen. Der Schnee variierte von perfektem Frühlingsfirn bis zu leichtem Harsch auf der Nordseite. Neun Stunden später, saßen wir erschöpft und zufrieden wieder im Beiboot und fuhren zurück zur Strønstad. Die Berge auf Spitzbergen sind im Allgemeinen nicht sehr hoch.
Entlang der Westküste erreichen sie kaum 1.000 Meter, Ski fährt man größtenteils auf Höhenlagen von 500 bis 800 Metern über dem Meeresspiegel. Das mag niedrig klingen, die Abfahrten sind jedoch vom Feinsten. Die höchsten Berge liegen im nordöstlichen Teil von Spitzbergen im Atomfjella-Gebirge mit dem höchsten Gipfel, dem 1.713 Meter hohen Newtontoppen. Der Anker war gelichtet und wir verließen Trygghamna. Die nächsten Tage wollten wir auf Prinz-Karl-Vorland und den Bergen um Ny-Ålesund Ski fahren. Prinz Karl ist eine schmale, lange Insel westlich von Spitzbergen mit jeder Menge Tourenmöglichkeiten. Wenn wir gerade nicht Ski fuhren, verbrachten wir unsere Zeit mit Spielen, Sauna, Jacuzzi oder anderen Dingen.
Dazwischen sahen wir gelegentlich ein Walross, vielleicht auch einmal einen Eisbären, eine Robbe oder einen Eisberg. Die Reise war ein unglaubliches Outdoor-Erlebnis mit Weltklasse-Skitouren. Einfach ein Muss für jeden Skibergsteiger, der etwas sucht, das schwer zu überbieten sein würde. Was könnte denn noch spektakulärer sein als Spitzbergen?





Fahrer: Christian Edelstam, Johan Engebratt, Kersti Lord
