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Chile · Cerro Castillo Mountain (Patagonien)

Immersion in Patagonian Lands

Ausgabe 2014 · Text: Timy Theaux · Fotos: Jeremy Bernard · 5 min Lesezeit

Immersion in Patagonian Lands

Die Carretera Austral ist die einzige Straße durch den Norden Patagoniens und Lebensader für die Gauchos, Lachsfarmarbeiter und alle anderen Bewohner der Region. Die Chilenen nennen sie „el camino …

Die Carretera Austral ist die einzige Straße durch den Norden Patagoniens und Lebensader für die Gauchos, Lachsfarmarbeiter und alle anderen Bewohner der Region. Die Chilenen nennen sie „el camino mas espectacular de Sud America”. Für drei Wochen wird diese Straße unser Zuhause sein, Kompass, Ziel und Spielplatz. Wir werden ihr folgen, um Skiabfahrten zu finden und intensive Gefühle zu erleben. Der Plan meines chilenischen Freundes, die Region Aysen Coyhaique auf Ski und ohne andere Hilfsmittel zu erforschen, nur auf unsere eigenen Kräfte gestellt, war großartig. Aber ich sah auch die unkalkulierbaren Wetterverhältnisse, fragwürdigen Notfalloptionen – und dass es viel zu wenig Information über diese im Winter kaum besuchten Berge gab.

Starke Emotionen prägten meine Reise, oft an der Grenze des Erträglichen. War das Zufall, Schicksal oder die bittere Wirkung der Region, die Patagonien heißt? Ich kann hier keine Antwort geben, nur unsere Geschichte erzählen. Unter 2.000 Metern regnet es eine Woche lang pausenlos. Dann stürmt es über zwei Tage. Unsere Reise beginnt nicht wirklich positiv. Um das Schicksal zu testen, die Langeweile zu bekämpfen und die Hoffnung am Leben zu halten, fahren wir nach Süden. Die Carretera Austral ist die einzige Verbindung zwischen den Dörfern und den Menschen, die in dieser abgelegenen Gegend leben. Man fühlt die Einsamkeit. Das schlechte Wetter desillusioniert und macht unsere Skipläne hinfällig. Die Moral ist am Boden.

Wir fühlen uns hilflos und sind am Tiefpunkt unserer Reise angelangt. Dann gibt der Wetterbericht ein Quäntchen Hoffnung auf Sonne. Wir kehren zurück zu unserem eigentlichen Plan: den Bergen von Cerro Castillo. Die imposanten Felstürme am Horizont umgibt eine mystische Stimmung. Der Cerro Castillo greift nach uns. Alles muss für morgen bereit sein. Wir gehen bei Sonnenaufgang los. Unsere Pferde sind in der patagonischen Wildnis bitter nötig. Der Zugangsweg ist lang, sehr lang. Er führt bis zum Ende des Waldes am Talschluss, zum Campamento Neocelandes. 16 Kilometer, mit 40 Kilo Gepäck pro Person. Wir dürfen die Tiere nicht mit in das Naturschutzgebiet nehmen und müssen 300 Meter weiter unten als erhofft anhalten.

Die Ausrüstung alleine und auf einmal zu schleppen erscheint unmöglich. Es bleiben zwei Optionen: Mehrmals gehen oder wie Mulis bepackt im Schneckentempo vorankommen. Egal wie, der Weg ist ein Hindernisparcours durch Bachbette und Unterholz. Für 600 Höhenmeter brauchen wir sechs Stunden. Wir sind am Ende, aber glücklich, als wir diesen wohl anstrengendsten Marsch unseres Lebens hinter uns haben. Es ist spät, als wir das Camp am Waldrand auf 1.100 Metern aufbauen. Es bietet den nötigen Komfort, Holz fürs Feuer und einen Bach ganz in der Nähe. Und es ist umgeben von beeindruckenden Felstürmen und weißen Bergspitzen. Der Cerro Castillo, der „Schlossberg“, steht wie eine Festung hoch über uns und macht seinem Namen alle Ehre. Dieser Ort ist unglaublich.

Unendlich viele Abfahrten scheinen möglich. Und der Berg gehört uns jetzt ganz alleine. In einem überwältigenden Augenblick verspüre ich eine unglaubliche Freiheit. Das Schicksal verwöhnt uns mit Sonne und Windstille – absolut selten hier in Patagonien –, und jeder Tag wird zum Glückstag für jemand anderen. Am Tag eins bin ich dran. Wir entscheiden uns für die südwestliche Flanke des Cerro Castillo und teilen uns in drei Gruppen auf. Nach 300 Metern Aufstieg mit Fellen wird der Hang sehr steil. Zur Vorsicht wechsle ich auf Steigeisen und nehme die Eispickel zur Hand. Der Schnee fühlt sich gut und sicher an, ich werde zuversichtlicher, aber im Hinterkopf blinkt das Warnlicht weiter. Im Vergleich zu den Schweizern läuft es bei mir gut.

Sie teilen über Funk mit, dass sie an der Stabilität der Schneedecke zweifeln und drehen auf halber Strecke um. Ich gebe durch, dass ich weitergehen werde. Nach fünf Stunden Aufstieg habe ich 1.000 Höhenmeter gewonnen. Zum ersten Mal auf diesem Trip stehe ich ganz oben, sehe über das Tal im Süden auf die Festung und ihre Türme um mich herum. Diesen Glücksmoment kann ich mit niemandem teilen. Die Sonne geht langsam unter, es ist Zeit für die Abfahrt. Die ersten Schwünge – alles bleibt stabil. Ich gebe Gas, genieße jeden Schwung. Zurück im Camp bin ich bestens gelaunt. Die Abfahrt wie der Aufstieg haben meine Adern mit Adrenalin gefüllt, und meine Ski schenkten mir den puren Kick in dieser atemberaubenden Umgebung.

Nach Tagen der Anstrengung und Zweifel hatte ich endlich ein echtes Skiabenteuer. Der nächste Tag gehört den Schweizern. Sie gehen um 4 Uhr morgens los, in Skistiefeln, die nach einer Nacht im Zelt mit -15 Grad Celsius hart wie Stein sind. Im Schein ihrer Stirnlampen steigen sie 700 Höhenmeter auf, kennen das Gelände nur vom Vortag und dem Blick durch das Fernglas. Respekt! Vor allem, weil die letzte Passage extrem steil ist. Loris fährt als erster ab und lässt es richtig krachen. Seine Linie ist wunderschön. Nico ist nach einer harten Nacht angeschlagen und verzettelt sich, was seine Linie ruiniert. Zurück im Camp erzählen sie, dass es das Steilste war, was sie je gefahren sind. Am letzten Tag schlägt die Stunde der Chilenen.

Sie steigen 1.300 Meter auf, die zwischen dem Camp und dem Gipfel des Cerro Castillo und seiner Westflanke liegen. Es kostet sie siebeneinhalb Stunden mit Steigeisen und Eisgeräten, bis sie auf der anderen Seite des Berges das Dorf Villa Cerro Castillo sehen. Erschöpft, aber kraftvoll fahren sie ohne anzuhalten vom Gipfel bis ins Camp ab. Wir beobachten, wie sie sich durch die oberen Felswände schlängeln und dann rasend schnell in das breite Tal am Fuß des Berges schwingen. Es sieht nach viel Spaß aus. Wir empfinden es als Segen, dieses Leben in diesen wunderbaren Bergen erleben zu dürfen. Der Weg zurück ist so beschwerlich wie der Weg hinauf. Unsere Beine brennen unter dem Gewicht der Rucksäcke.

Wir freuen uns, die Pferde wiederzusehen, aber selbst auf deren Rücken ist der Weg ins Dorf anstrengend. Wir sind dankbar, für die Schwierigkeiten der Reise entschädigt worden zu sein. Ich spüre Zufriedenheit und Frieden in mir, wenn ich an unsere Erlebnisse denke. Natürlich hat jeder seine eigene Geschichte erlebt. Für die einen war es der härteste Trip, für die anderen der schönste und erlebnisreichste. Und für mich? Ich habe noch nie zuvor auf einer einzigen Reise so viele Emotionen durchlebt. Patagonien habe ich als ein Land der Natur und Einfachheit kennengelernt, als einzigartige Gegend mit großartigen Skimöglichkeiten, aber auch mit extrem schwierigen Zugangswegen. Jetzt ist es Zeit, nach Hause zu fahren. In der Stadt erwarten uns die Festivitäten des chilenischen Nationalfeiertages.

Immersion in Patagonian Lands
© Jeremy Bernard
Immersion in Patagonian Lands
© Jeremy Bernard
Immersion in Patagonian Lands
© Jeremy Bernard
Immersion in Patagonian Lands
© Jeremy Bernard
Immersion in Patagonian Lands
© Jeremy Bernard

Fahrer: Christian Anguita, Nicolas, Loris Falquet, Adolfo Santa Maria, Timy Theaux

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