BACKLINE Magazin
EN

Griechenland · Pindos (Olymp / Smolikas)

In Search of the Ancient Gods

Ausgabe 2017 · Text: Alberto Sciamplicotti · Fotos: Alberto Sciamplicotti · 5 min Lesezeit

In Search of the Ancient Gods

Mit dem Skistock öffne ich die Bindung und schnalle ab. Ich sehe nach unten. Unsere Aufstiegsspur folgt dem breiten Grat, der hierher nach oben führt, auf den Mount Skala. Auf den letzten 150 …

Mit dem Skistock öffne ich die Bindung und schnalle ab. Ich sehe nach unten. Unsere Aufstiegsspur folgt dem breiten Grat, der hierher nach oben führt, auf den Mount Skala. Auf den letzten 150 Höhenmetern war der Schnee hart und verblasen. Nicht wirklich angenehm zum Spuren, und wahrscheinlich auch nicht angenehm bei der Abfahrt. Aber ich bin mir sicher, dass der harschige Schnee weiter unten wunderbarem Frühjahrsfirn weicht, der Art von Schnee, die unvergessliche Schwünge garantiert. Dann sehe ich langsam und fast demütig nach oben. Der eigentliche Gipfel ist nur einen Steinwurf entfernt, nur sieben Meter höher als die Stelle, an der ich gerade stehe. Aber es ist weiter, als es aussieht.

Wir müssten erst wieder nach unten und dann wieder hinaufklettern. Mühsam. Und nicht einfach. Ich habe keine Lust. Viel lieber sitze ich hier im Schnee und starre auf den steilen Felsaltar, durch den der italienische Kletterer Emilio Comici in den 1930ern eine elegante Route zum Gipfel fand. Auf den Olymp. Wortlos scannen meine Augen das Kalkgestein. Wo ist er, der Sohn von Kronos und Rhea, der oberste olympische Gott, der Blitzschleuderer, Verführer von Göttinnen, Nymphen und Sterblichen? Der unsterbliche Zeus? Auch sehe ich weder Hera noch Aphrodite, Ares, Athene oder Hermes. Ich bin mir sicher, dass ihre Seelen anwesend sind.

Sie sind für die Geschichte Europas so wichtig, dass man nicht an diesen Berg denken kann, ohne die Aura der Mythologie zu spüren. Trotz der Tatsache, dass ich schon viel höhere und schwerere Berge bestiegen habe, ergreift ein Gefühl von mir Besitz, das ich so noch nie gespürt habe. Ein Gefühl, das lange vor meiner Geburt erschaffen wurde, aber noch genauso stark ist wie damals, als Homer es in Worte fasste. Hier ist der Ursprung dessen, was wir heute sind. Die Quelle unserer Kultur, das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft. Noch einmal sehe ich zum Gipfel des Olymps hinauf. Nach wie vor niemand. Nur eine Dohle breitet ihre Flügel aus und hebt ab.

Sie beschleunigt ihren Flügelschlag, gewinnt an Höhe, bleibt dann mitten in der Luft stehen, bevor sie schließlich in Richtung des Golfs von Thessaloniki aus meinem Blickfeld verschwindet. Wer weiß, vielleicht war das Zeus in einer seiner vielen Gestalten. Ich ziehe die Felle von meinen Skiern und schnalle an, mache meine Stiefel zu und fahre los. Es ist der letzte Tag unseres Abenteuers. Morgen steigen wir in den Flieger und werden nach ein paar Stunden wieder zuhause sein. Aber der Flug ist nicht die eigentliche Reise. Wir kehren vielleicht zu unseren Familien zurück, aber auch zum Alltag. Die eigentlich Reise ist die Auseinandersetzung mit sich selbst und den Dingen, die man unterwegs erlebt.

Nur so macht die Rückkehr nach Hause Sinn: Es ist nicht das Ende eines Abenteuers, sondern nur ein Moment auf einem kreisförmigen Weg. Die Rückkehr zu dem, wo alles begann und wo die Reise schließlich verarbeitet und erzählt werden kann. Das Hier und Jetzt zu verlassen, Griechenland, den Geburtsort von Homers Odysseus – der ursprünglichsten aller Reiseerzählungen – bringt mich uralter Geschichte und der griechischen Mythologie näher. Auf unserem Weg durch Epirus und über drei Gebirgsketten wurden wir nicht mit Tiefschnee verwöhnt, dafür aber mit traumhaftem Firn. Die Art von butterweichem Frühlingsschnee, die mehr Spaß macht als alles andere. Wir trafen ein paar andere Skifahrer und erfuhren, dass es auch in Griechenland eine Backcountry-Szene gibt.

Es gibt nicht viele, aber diese wenigen sind großartige Alpinisten und verspüren den gleichen Drang, die schneebedeckten Berge zu erforschen. Das Gebirge mit Tymphe, Smolikas, Lakmos und Olymp ließ uns wahre Wildnis erleben. Wir stießen auf die Spuren von Bären und Wölfen, weniger auf die anderer Skifahrer: Orte, an denen die Zeit langsamer läuft als anderswo. Griechenland war schon immer ein magischer Ort für mich. Jedes Mal, wenn ich hierher komme, habe ich Kindheitserinnerungen. Damals, in den frühen 1960ern, nahmen mich meine Eltern immer mit aufs italienische Land, an Orte mit beeindruckender Geschichte. Ich lernte, mit der Umgebung zu verschmelzen, anstatt Tourist zu sein.

Während ich nun die Hänge des Olymps befahre, verschmelze ich auch mit ihm und ein weiterer Kreis schließt sich. Die Reise innerhalb der Reise. Die Reise in die Tiefen meiner Gefühlswelt. Ein paar Tage zuvor hatten wir gemeinsam mit einer Gruppe griechischer Backcountry-Skifahrer den Berg Goura bestiegen. Das war im Rahmen des „Timfi Dressed in White“, einer Veranstaltung, die von zwei wunderbare Menschen aus Ioannina organisiert wird, Mara und Vassili. Wir trafen Constantine Papanicolaou, einen griechisch stämmigen Fotografen und Filmer aus Kalifornien, der „Frozen Ambrosia“ produziert hatte, den ersten Film über Tourengehen in den griechischen Bergen. Ein wunderbarer Streifen, der mit viel Gefühl und Passion gemacht ist.

Unterwegs verbrachten wir zwei Tage im Dorf Samarina und übernachteten im Hotel von Lakis, einem sehr angenehmen Zeitgenossen, der uns mit leckerem Essen und vielen Gläsern Tsipouro verwöhnte. Eine weitere Tour war der Skolia. Erst ging es durch einen gigantischen Kiefernwald, dann spurten wir uns unseren Weg nach oben und wurden schließlich mit einem unvergleichbar beeindruckenden Ausblick belohnt. Auf dem Weg nach unten genossen wir abermals feinsten Firn. Von Metsovo aus bestiegen wir den Mount Lakmos. Dort fanden wir uns inmitten eines menschenleeren Gletschertals wieder. Die Szenerie dort braucht sich nicht vor unseren heimischen Alpen verstecken.

In dieser Nacht bekamen wir einen Einblick in die Kultur und Festlichkeiten der Aromanier, einer Volksgruppe, die angeblichen direkt von den römisch-dakischen Truppen abstammt. All diese Erlebnisse brachten uns schließlich hierher zum Olymp. Einen Tag, bevor wir Griechenland wieder verlassen. Auf dem Weg vom Mount Skala hinunter lassen wir den Firn richtig spritzen. Wir genießen die Geschwindigkeit, den blauen Himmel und die Wärme, die andeutet, wie nah der Golf von Thessaloniki ist. Ich beuge bei jedem Schwung schulbuchmäßig meine Knie. Mit dem Rhythmus des Auf und Ab schießt mir eine Melodie in den Kopf. Mein Herz beginnt, Sirtaki zu tanzen...

In Search of the Ancient Gods
© Alberto Sciamplicotti
In Search of the Ancient Gods
© Alberto Sciamplicotti
In Search of the Ancient Gods
© Alberto Sciamplicotti
In Search of the Ancient Gods
© Alberto Sciamplicotti
In Search of the Ancient Gods
© Alberto Sciamplicotti

Fahrer: Massimo Cipolloni, Giorgio Maddaluno, Alberto Osti Guerrazzi, Elisabetta Preziosi

Mehr aus Griechenland