BACKLINE Magazin
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Kirgisistan · Tien-Shan Mountains (Kumtor)

Kumtor’s White Gold

Ausgabe 2017 · Text: Michael Trojer · Fotos: Julia Brunner · 4 min Lesezeit

Kumtor’s White Gold

Wir stehen am Straßenrand einer Schotterpiste inmitten des Tian-Shan Gebirges. Wir trauen unseren Augen nicht. Vor uns eröffnet sich eine Arena aus imposanten Steilwänden, scharfen Eisflanken, weiten …

Wir stehen am Straßenrand einer Schotterpiste inmitten des Tian-Shan Gebirges. Wir trauen unseren Augen nicht. Vor uns eröffnet sich eine Arena aus imposanten Steilwänden, scharfen Eisflanken, weiten Gletscherfeldern und unberührten Schneehängen. Unter verheißungsvollen Linien klafft eine große Wunde: Kumtor, Kirgistans zweitgrößte Goldmine und die höchstgelegene Mine der Welt, 4.100 Meter über dem Meeresspiegel. Gewaltige weiße Schneisen ziehen sich durch Fels und Eis und bohren sich wie eine Spirale in die Tiefe. Unterhalb des schneebedeckten Geländes sind von Weitem Muldenkipper und bizarre Schutthalden zu erkennen. Daneben beginnen die Deiche des großen Giftsees, in dem die chemischen Abfälle der Goldgewinnung gelagert werden.

Umweltschützer nennen ihn eine „tickende Zeitbombe“. Die Mine ist eindrucksvoll. Wir bekommen die positiven aber auch negativen Folgen des Rohstoffbaus für Mensch und Natur zu Gesicht. Was uns ebenfalls beeindruckt, ist die Infrastruktur, die es uns erst ermöglicht hat, so weit in diese abgelegene Region vorzudringen. Unsere Versuche, auf das Minengelände zu gelangen enden jedoch bereits am Eingangstor. Das weiße Gold von Kumtor wird uns wohl verborgen bleiben. Stattdessen fahren wir auf einer einsamen Straße nach Süden, bis wir an eine verlassene Brücke kommen. Wir ziehen die Felle auf. Zwei Stunden lang marschieren wir durch die Berglandschaft. Vor uns türmen sich gewaltige Felswände auf.

Wir erreichen das Talende, das von zwei Moränen geteilt wird. Müde schlagen wir unsere Zelte im Talkessel auf. Froh, nichts mehr von der furchteinflößenden Mine zu sehen, reißt uns ein explosionsartiges Geräusch mit einem Schlag aus der Ruhe. Die unheimliche Mine ist auch hier noch gegenwärtig. Doch der freie Blick nach Osten auf die Hochebene Kumtors beschenkt uns mit einem friedlichen Sonnenuntergang. Eine 400 Meter hohe Nordwand hatte schon von der Straße aus unser Interesse geweckt. Ost- und nordseitig sind alte Selbstauslösungen deutlich zu erkennen. Verunsichert umgehen wir den Wandfuß und wagen erste Blicke in die Schneedecke.

Die 30 Zentimeter Neuschnee haben sich wie ein Schleier auf die fragilen Schichten aus harten Schmelzkrusten und eingelagerten Kristallkugeln gelegt. Einen halben Meter tiefer treffen wir auf eine alte Bekannte, die kirgisische Schwimmschneeschicht. Diese gefährliche, 60 Zentimeter dicke Schicht bedeckt das blanke Gletschereis. Kein gutes Zeichen. Auch wenn uns die steileren Passagen sicherer erscheinen, so bleibt doch ein Restrisiko in den Ausläufen und Flachstücken. Bedrückt kehren wir zurück ins Camp und schmieden Alternativpläne. Etwas südlich vom Camp grenzt ein langer Kamm das benachbarte Tal von der Hochebene ab. Von hier wagen wir die ersten flacheren Abfahrten. Die Schneedecke verhält sich still.

Joi wagt die erste Einfahrt in eine steile Eisflanke. Die oberflächlichen Schneemengen rauschen polternd an ihm vorbei. Mehr aber auch nicht. Motiviert und mit einem guten Gefühl marschieren wir auf dem Rücken weiter in das Tal hinein. Während die Hänge nach Westen hin flach in die Hochebene einfallen, ziehen in östlicher Richtung anspruchsvolle Linien in das Gletscherbecken. Es dauert nicht lange, bis Mitch seine gefunden hat. Er fährt durch eine steile Rinne auf einen Eisrücken. Es folgen dynamische Schwünge auf der Kante, bevor er schließlich flüssig die Eiswand hinunterzieht. Was für eine Fahrt! Was für ein Tag! Am nächsten Tag beschließen wir, zurück an den Issykul See zu fahren, um uns auszuruhen und das anschließende Wetterfenster zu nutzen.

Bei der Rückfahrt macht uns der Füllstand unseres Tanks zu schaffen. Das Auto, ein russischer UAZ Hunter Geländewagen, weist eine beachtliche Mängelliste auf, darunter auch eine defekte Tankanzeige. Doch auf die wichtigen Fähigkeiten des Autos ist Verlass: Robustheit, Geländetauglichkeit und Zuverlässigkeit. Zurück im Camp konzentrieren wir uns auf die noch offenen Linien. Erneut ist das Ziel die markante Nordwand. Fabi und Mitch steigen über die Westseite auf die Schulter. Nach zwei Schwüngen überwindet Fabi den steilsten Teil mit einem riesigen Driftturn, um anschließend im weicheren Schnee kurz den Speed zu kontrollieren und mit hoher Endgeschwindigkeit den Wandfuß hinauszuschießen.

Ungewollt überbietet Mitch diese Darbietung mit noch weniger Schwüngen. Beim dritten Turn verliert er jedoch den Grip und saust wie ein Komet mit seinem Schweif zwei Drittel der Wand hinunter, um sich im weicheren Teil erneut zu stabilisieren. Die letzten Skitage verbringen wir wieder auf dem langen Bergrücken. Fabi seilt sich über eine Wechte in einen steilen Hang ab. Flüssig und zügig fährt er danach seine Linie. Er traversiert über einem Felsband zu einer kleinen Rampe. Aufgrund der hohen Temperaturunterschiede innerhalb der Schneedecke fängt der Schnee unterhalb seines Skibelags an zu stollen. Er verliert das Gleichgewicht und stürzt über die Felsen, landet aber glücklicherweise weich im darunterliegenden Schnee. Glück gehabt.

Erleichtert und voller Freude kehren wir zum Camp zurück. Noch steht uns der schwierigste Teil des Tages bevor: wie schaffen wir es mit unserem Geländewagen zurück auf die Straße? Hat doch das warme Wetter dem Untergrund auf der Hochebene erheblich zugesetzt. Die Bäche sind weiter angeschwollen, die Wiesen aufgeweicht, die Eisdecken brüchig. Nach zwei Stunden mühsamer Fahrt erreichen wir endlich die Minenstraße. Erschöpft, aber glücklich sehen wir ein letztes Mal zurück auf die große, schrecklich faszinierende Wunde in der Hochebene – die Kumtor Mine.

Kumtor’s White Gold
© Julia Brunner
Kumtor’s White Gold
© Julia Brunner
Kumtor’s White Gold
© Julia Brunner
Kumtor’s White Gold
© Julia Brunner
Kumtor’s White Gold
© Julia Brunner

Fahrer: Fabian Lentsch, Mitch Tölderer, Michael Trojer