BACKLINE Magazin
EN

Japan · Mount Rishiri

Promises Across the Sea

Ausgabe 2025 · Text: Riki Nakajima · Fotos: Takahiro Nakanishi · 4 min Lesezeit

Promises Across the Sea

Als während der Corona-Pandemie die Welt stillstand, Flugzeuge am Boden blieben und Grenzen geschlossen wurden, verengten sich meine Horizonte auf die Küstenlinien Japans. Ich packte Surfbrett und Harpune ins Auto und fuhr die Küste entlang, Bucht für Bucht. Eines Tages begegnete ich einem jungen …

Als während der Corona-Pandemie die Welt stillstand, Flugzeuge am Boden blieben und Grenzen geschlossen wurden, verengten sich meine Horizonte auf die Küstenlinien Japans. Ich packte Surfbrett und Harpune ins Auto und fuhr die Küste entlang, Bucht für Bucht. Eines Tages begegnete ich einem jungen Paar, das auf einem Segelboot lebte. Dieses Bild ließ mich nicht mehr los. Jahrelang war ich ständig unterwegs gewesen, zahlte Miete für ein Haus, in dem ich kaum wohnte. Plötzlich war mir klar: Leben, wo die Elemente den Alltag bestimmen. In einem vergessenen Hafen auf Hokkaido fand ich einen alten 10-Meter-Katamaran und restaurierte ihn. Als Skifahrer kam mir die Idee, Berge anzusteuern, die ich vom Meer aus besteigen konnte.

In Japan sind die meisten schneebedeckten Gipfel ans Straßennetz angebunden. Doch im Norden liegt die Insel Rishiri – mit einer 60 Kilometer langen Küste um einen einzigen Vulkan, der 1.721 Meter direkt aus dem Meer ragt. Bekannt ist sie als die „Insel des Windes“. Für mich lag der Reiz auf der Hand: in die Abgeschiedenheit segeln, um dann vom Boot bis zum Gipfel aufzusteigen. Eine Reise, die nur der Wind in Gang setzen konnte. Im April 2024 brachte ich mein Boot von Hakodate an der Südspitze Hokkaidos in mehreren Etappen nach Otaru – die Überfahrt musste ich um meine beruflichen Verpflichtungen herum planen. Früher hatte ich mich auf erfahrene Skipper verlassen, diesmal stand ich allein am Ruder.

Beim Auslaufen begleiteten mich Delfine, als wollten sie mir Glück wünschen. Die Strecke – mit dem Auto in vier Stunden zu schaffen – dehnte sich auf vier sturmgepeitschte, verregnete Tage auf See aus. Am 30. April brach ich endlich Richtung Rishiri auf. Vor einigen Jahren wäre dies die perfekte Zeit für Frühjahrsskitouren gewesen. Doch die Winter endeten zuletzt abrupt, und in diesem Jahr beschleunigte ein warmer, unbarmherziger Wind die Schneeschmelze. In zwei Tagen war ein Sturm angesagt. Ich musste mich beeilen. Als der Wind auffrischte, tauchte Rishiri am Horizont auf – gerade rechtzeitig. Im rosa Licht des Sonnenuntergangs wuchs der Berg mit jeder Welle. Mein Puls stieg. Als ich die Südküste erreichte, war es tiefste Nacht.

Körperlich und geistig erschöpft, schlief ich sofort ein. Um 3 Uhr morgens riss mich ein Alarm aus den Träumen. Der Sturm kam näher. Ich umrundete die Insel zur nördlichen Seite, wo der Hafen geschützter lag

und der Zugang zum Berg einfacher war. Selbst im Windschatten hob und senkte sich das Boot heftig, der Wind zerrte an mir. Knapp vor dem Sturm erreichte ich den Hafen – später wäre es vielleicht zu spät gewesen. Jahre zuvor hatte ich zwei Freunden, die hierhergezogen waren, versprochen, eines Tages mit meinem eigenen Boot anzukommen. Im vergangenen Winter verunglückte einer von ihnen tödlich beim Skifahren. Zu spät für ein Wiedersehen – aber jetzt stand ich hier. Auf dem Steg flüsterte ich: „Ich habe mein Versprechen gehalten.“ Nun aber fegten erst einmal tagelang Sturmböen über die Insel. Ich sah, wie der Schnee unter der warmen Luft weniger wurde und erkannte doch ein Muster – ein geschützter Hang hier, ein Grat, der standhielt.

Mit meinem verbliebenen Freund auf Rishiri plante ich die Route. Mit den Skiern am Rucksack stieg ich einen kahlen Pfad hinauf. Weiter oben kämpfte ich mich durch dichtes Gestrüpp, bis erste Schneeflecken auftauchten. Von dort stieg ich mit Fellen weiter bis auf eine breite, sonnige Flanke. Unter dem Firn war der Schnee noch hart – Zeit für Steigeisen. Im Couloir herrschte Stille. Kein Wind, nur das Knirschen meiner Schritte. Auf rund 1.200 Metern trat ich hinaus auf den Hauptgrat – und in den heulenden Wind. Unter mir zeichnete sich eine makellos gerade, weiße Linie ab – vom Grat bis in den Hafen zu meinem Boot. Ich fuhr los. Der Frühjahrsfirn war perfekt: buttrig, schnell,

gleichmäßig. In Japan heißt es, guten Frühjahrsfirn zu finden sei schwerer als tiefen Powder. Unten am Meer öffnete ich eine Flasche Irenka-Wein, derselbe Name wie der meines Boots und abgeleitet vom Ainu-Wort für „Hoffnung“ oder „Ideal“. Inzwischen hatte der Berg sich wieder in Wolken gehüllt. Am Abend stand ich am Ufer. Die Wellen wirkten so einladend, dass ich am nächsten Morgen mit dem Surfbrett in die kalte See hinauspaddelte. Ich hatte alles realisiert, wofür ich gekommen war. Vielleicht hatte mein verstorbener Freund alles von oben arrangiert. Ich faltete die Hände zum Gebet, bat um seinen Frieden und erzählte ihm von meinem Abenteuer. Dann richtete ich den Bug zurück gen Süden.

Promises Across the Sea
© Takahiro Nakanishi
Promises Across the Sea
© Takahiro Nakanishi
Promises Across the Sea
© Takahiro Nakanishi
Promises Across the Sea
© Takahiro Nakanishi
Promises Across the Sea
© Takahiro Nakanishi

Fahrer: Riki Nakajima

Mehr aus Japan