Marokko · High Atlas (Jebel Toubkal)
Shukran Morocco
Ausgabe 2012 · Text: Sandra Lahnsteiner · Fotos: André Schönherr · 4 min Lesezeit

Bei Marokko denkt man an Wüste, an Sand und Meer und an orientalische Souks. Doch in dem nordwestafrikanischen Königreich lockt auch die Bergwelt des Hohen Atlas mit acht Viertausendern. Dort wollten …
Bei Marokko denkt man an Wüste, an Sand und Meer und an orientalische Souks. Doch in dem nordwestafrikanischen Königreich lockt auch die Bergwelt des Hohen Atlas mit acht Viertausendern. Dort wollten wir, Melissa Presslaber und ich, einen Skitrip der exotischen Art unternehmen. Im März flogen wir nach Marrakesch, und unsere Skischufe im Handgepäck sorgten für einige Verwunderung bei den mitreisenden Touristen. Manche schauten sogar kurz auf ihre Bordkarte, um sicher zu gehen, am richtigen Gate zu stehen. In der Wüstenregion im Südwesten Marokkos herrscht das ganze Jahr über warmes bis heißes Klima. Die „Perle des Südens“, wie Marrakesch auch genannt wird, empfing uns mit sommerlichen 30 Grad Celsius.
Wir mussten einen Temperaturunterschied von mehr als 40 Grad Celsius verkraften und packten schnell unsere warmen Mützen weg. Der strenge, schneereiche europäische Winter lag hinter uns. Über das Internet aktuelle Informationen zur Schnee- und Wetterlage im Atlasgebirge zu bekommen, war fast unmöglich gewesen. Einzig Anas, ein bergfanatischer junger marokkanischer Student, den wir über Facebook kennengelernt hatten, bestätigte, dass der Winter im Toubkal-Nationalpark gut sei und die Schneedecke ab etwa 3.000 Meter Seehöhe geschlossen. Dieser Information vertrauten wir. Das kleine Bergsteigerdorf Imlil, 70 Kilometer südlich von Marrakesch auf etwa 1.700 Meter Höhe gelegen, ist Ausgangspunkt vieler Trekkingtouren im Toubkal-Nationalpark.
Hier begannen wir unseren Trek zum Refuge Les Mouflons auf 3.107 Metern, dem Ausgangspunkt unserer Freeridetouren. Trotz des andauernden Regens genossen wir den Aufstieg auf den schmalen Maultierpfaden durch das zur Schlucht verengte Mizane Tal. Kinder aus den kleinen Berberdörfern wagten sich neugierig heran, während wir, beeindruckt von der einsamen Bergwelt, jedes Detail der Wanderung in uns aufnahmen. Nach gut zwei Stunden erreichten wir die Pilgerstätte Sidi Chamharouch auf 2.300 Metern, die höchste Siedlung des Tales. In diesem abgelegenen, besinnlichen Ort leben etwa 15 Berber, die alle herbei eilten, uns Europäer begrüßten, unsere „eigenartig breiten“ Ski begutachteten und versuchten, Souvenirs zu verkaufen.
Gestärkt mit dem „Nationalgetränk“ der Marokkaner, einem stark gesüßten und im liebevollen Ritual zubereiteten Minztee, wanderten wir weiter. Genau wie unser Facebook-Freund angekündigt hatte, lag die Schneegrenze bei etwa 3.000 Metern. In Marrakesch bei plus 30 Grad Celsius aufgebrochen, waren wir wieder im tiefsten Winter angekommen. Ein aufkommender Schneesturm erschwerte das Vorankommen, so dass uns die letzte Stunde einiges abverlangte. Nach fast fünf Stunden Aufstieg waren wir froh, im Refuge anzukommen, wo uns die Berber gastfreundlich empfingen. Die Nacht und den nächsten Tag über herrschte schlechtes Wetter. Graupelschauer, Stürme und kurze, heftige Gewitter wechselten sich ab. Nur während der Mittagszeit beruhigte sich das Wetter.
Schnell schnappten wir die Skier und nutzten die Zeit für eine kleine Erkundungstour. Wir stiegen zwei steile Rinnen auf und genossen die ersten Schwünge im afrikanischen Schnee, bevor uns ein neuerliches Gewitter zurück in das Refuge trieb. Den Rest des Tages studierten wir Kartenmaterial des Toubkal-Nationalparks und ließen uns von der hervorragenden Küche verwöhnen. Der Jebel Toubkal, mit 4.167 Meter höchster Gipfel im Atlasgebirge, war unser Ziel am nächsten Tag. Über Nacht hatte es etwa 15 Zentimeter geschneit und laut Abdol, dem Manager des Refuge, sollte es um die Mittagszeit schön werden. Wir starteten in der Morgendämmerung, und die Orientierung in der Dunkelheit und im Nebel war anfangs gar nicht so leicht.
Etwa 200 Meter oberhalb der Hütte querten wir teilweise bereits mit Schmelzwasser gefüllte Gräben. Die folgende steile Nordostflanke konnten wir dank des Neuschnees ohne Harscheisen durchsteigen. Oberhalb eines vereisten Wasserfalls ging es durch ein steiles, immer breiter werdendes Kar weiter. Langsam wurde es heller, und zwischendurch blitzte schon die Sonne durch die Wolken. Dann zog wieder dichter Nebel auf und sorgte für totales Whiteout. Auf zirka 3.600 Meter erblickten wir erstmals den Gipfelaufbau des Toubkal und gelangten über eine steile, breite Rampe in den Sattel Tizi Toubkal auf 3.940 Metern. Über den Südwestgrat spurten wir abwechselnd weiter zum Gipfel.
Der Toubkal ist technisch kein schwieriger Viertausender, nur knapp unterhalb des Gipfels mussten wir wegen des frischen Triebschnees unsere Spur sorgsam anlegen. Alles ging gut, und wir erreichten den „Berg der Berge“, wie der höchste Punkt Nordafrikas in der Sprache der Berber heißt. Wie vorhergesagt, zeigte sich die Sonne immer häufiger, und wir konnten vom mit einem vierbeinigen Stahlpodest markierten Gipfel – kein Kreuz im Land der Muslime –, einen unglaublich weiten Ausblick genießen. Ganz im Süden ließ sich sogar die Sahara erkennen. Die Schneeverhältnisse in der 40 Grad steilen Nordostrinne waren nahezu perfekt, der Neuschnee hatte sich durch die starke Sonneneinstrahlung bereits etwas gesetzt.
Am Ende des Hauptcouloirs fanden wir ein mit Felsen durchsetztes Nordface – und gut 1.000 Höhenmeter Abfahrt im feinsten afrikanischen Powder. Zurück im Refuge wartete ein schmackhaftes, kräftiges Omelette und eine Überraschung. Anas, unser Facebook-Freund, war aus Casablanca angereist und aufgestiegen, um uns persönlich kennen zu lernen. Am nächsten Tag konnten wir bei Sonnenschein weitere interessante Couloirs befahren, bevor wir tags darauf abstiegen. Innerhalb der kurzen Zeit hatte sich die Landschaft deutlich verändert. Überall floss das Schmelzwasser in starken Bächen ab, der Weg war teilweise von herabgestürzten Felsblöcken blockiert. Das Tal leuchtete in intensiven Farben wie aus dem Bilderbuch.
Fasziniert von den Eindrücken im Hohen Atlas machten wir uns auf den Weg nach Essaouira. Die kleine Hafenstadt an der marokkanischen Atlantikküste sollte den Abschluss unseres exotischen Skitrips bilden. Marokko ist auch für Freerider eine Reise wert: „Shukran Marokko!“





Fahrer: Sandra Lahnsteiner, Melissa Presslaber
