Takahiro Nakanishi
Ausgabe 2014 · Text: Wolfgang Greiner · Fotos: Takahiro Nakanishi · 4 min Lesezeit

Der japanische Fotograf Takahiro Nakanishi: Schnee, Stille und Backcountry – ein Porträt.
Seine Bilder wirken schwarz-weiß, sieht man jedoch genauer hin, merkt man, dass es sich um Schnee handelt. Richtig viel Schnee – am Boden, in der Luft, auf Bäumen und Felsen. Diese Art von Fotos macht Takahiro Nakanishi besonders gerne. „Ich fotografiere am liebsten bei bewölktem Himmel, wenn es kaum Schatten gibt. Und am besten, wenn es so richtig dick schneit.“ Die Winter in Japan bieten ideale Bedingungen für diese Art Fotos, die sein Markenzeichen sind. Das Fotografieren ist für Takahiro, den Autodidakten aus Tokoname in Japan, mehr als ein Job. Es ist echte Leidenschaft, und das Backcountry ist sein Zuhause – nicht nur in seinem Heimatland.
Takahiro fotografiert rund um die Welt und hat seine Fotos bereits in Magazinen in Japan, Neuseeland, Australien und den USA veröffentlicht, darunter auch im Powder Magazine. Takahiro Nakanishi Takahiro liebt Schnee. Zunächst wollte er als Snowboarder in den professionellen Snowboard-Zirkus einsteigen, wechselte dann mit Anfang 30 auf Telemarkski. Zu diesem Zeitpunkt musste er sich eingestehen, wohl nicht verrückt genug zu sein, um in der BigMountain-Snowboardszene wirklich Erfolg zu haben. Er hing weiter mit seinen alten Kumpels in den Bergen ab, und da ihn Beruf und Alltagsleben nicht reizten, beschloss er, sich erst einmal als Skibum durchzuschlagen.
Immer mit dabei war seine erste Kamera, eine Fuji Cardia Travel Mini Dual-P, die er bei einem Fußballturnier in der Schule gewonnen hatte. Der abenteuerliche Lebensstil gefiel ihm. Takahiro spielte mit seiner Kamera und brachte sich alles selbst bei. Schon bald löste eine Spiegelreflexdie Pocketkamera ab, und seine Fotos fanden bei Fahrern wie Magazinen Anklang. Heute benutzt er eine digitale Ausrüstung, aber er hat immer noch analogen Film für Porträts und Lifestyle-Shootings in der Schublade. „Ich mag die weichen Linien von Schwarzweißfilmen.“ Was als Übergangslösung begann, wurde schnell zu einem Job.
Nun hatte er also doch einen Beruf. 2006 erschien sein erstes Foto im japanischen Magazin Fall Line; gemacht hatte er es in Treble Cone in Neuseeland. Auf die Frage nach einem Idol nennt Takahiro den Kanadier Steve Ogle. „Er ist einer meiner Lieblingsfotografen und ein guter Freund. Seine Fotos sehen immer wunderschön und friedlich aus.“ Das wird auch über Takahiros Fotos gesagt, die für ihre Perspektiven und natürlichen Farben bekannt sind. Ihn selbst schätzt man wegen seines angenehmen, ruhigen und ausgeglichenen Charakters. Ein Typ, mit dem man gerne unterwegs ist. Und einer, der tolle Fotos macht, die sich von anderen unterscheiden. Takahiro versucht neben der Action auch die Atmosphäre einzufangen.
Wenn er im Backcountry unterwegs ist, hält er ständig Ausschau nach Motiven. Findet er eine Stelle, die seinen Vorstellungen entspricht, geht die Suche nach der richtigen Perspektive weiter. „Manchmal kommt dabei nicht das heraus, was ich wollte, aber es macht immer Spaß und bleibt spannend“, sagt er. Eine echte Herausforderung bei der BackcountryFotografie ist das, was keiner auf dem Foto sieht: Vorbereitung und Wartezeiten, die Zahl der Einstellungen für das richtige Ergebnis. Das braucht Zeit und viel Geduld. Takahiro erzählt von einem Shooting im Backcountry von Asahidake auf Hokkaido vor einigen Jahren. Am Tag vor dem Shooting hatte er einen Hang ausgespäht. Tags darauf kam er mit drei Skifahrern und einem Filmer zurück.
„Es war eiskalt und bewölkt. Ich hatte ein Cliff gewählt, unter dem sich der Filmer und ich positionierten.“ Obwohl es bitter kalt war, mussten alle auf bessere Lichtverhältnisse warten. Die Sonne brauchte dreieinhalb Stunden, um für fünf Minuten ein paar Strahlen auf das Cliff zu werfen. Doch für diese wenigen Minuten war das Licht perfekt, und die Fotos wurden großartig. „Den Fahrern muss so kalt gewesen sein“, erinnert er sich an den Tag. Es war ein besonderes Erlebnis, denn Takahiro realisierte, worum es bei der OutdoorFotografie wirklich geht: „Man muss entspannt bleiben und den richtigen Moment abwarten können.“ Ruhe bewahren ist auch das Motto, wenn es um die Gefahren am Berg geht, denen sich Fahrer und Fotografen aussetzen.
Sich selbst beschreibt Takahiro als vorsichtigen Menschen: „Ich habe höchsten Respekt vor der Gefahr. Oft bin ich ein echter Pessimist.“ Takahiro hält sich immer mit Wetterund Lawinenberichten auf dem Laufenden, aber noch mehr traut er seinen Freunden und seinem eigenen Bauchgefühl. „Vor einem Shooting spreche ich mit meinen Freunden aus der Bergführerszene und hole mir alle Infos, die ich bekommen kann. Dann inspiziere ich Terrain, Hanglage, Neuschneemenge und Wind. Außerdem suche ich nach Felsen und anderen Hindernissen unter dem Schnee.“ Dabei kommt ihm seine Erfahrung als ehemaliger, semiprofessioneller Snowboarder sehr zugute. Manchmal kommen seine Vorhaben bei den Fahrern nicht besonders gut an.
„Ab und zu habe ich echt verrückte Vorstellungen, und meine Fotoideen kennen manchmal keine Grenzen. Dann passiert es auch mal, dass die Fahrer sich weigern, wenn ich ihnen davon erzähle.“ Outdoor-Fotograf zu sein, ist für Takahiro ein Segen. Er kann Skifahren gehen, draußen in der Natur arbeiten und Plätze auf seinen Fotos zeigen, die andere Menschen vielleicht niemals selbst sehen könnten. Außer in den japanischen Bergen war er bisher in Neuseeland, Kanada, Frankreich, Argentinien und Norwegen unterwegs. La Grave mit seinen außergewöhnlichen Bergen und seiner einmaligen Skiszene hat ihm dabei am besten gefallen. „Ich liebe die Alpen.
Dort gibt es echte Herausforderungen, und sie haben jede Menge zu bieten“, sagt er, fügt aber gleich hinzu: „Wer etwas entspannter Skifahren möchte, muss nach Japan kommen. Wir haben hier viel weicheren und tieferen Schnee! Und unsere Kultur sollte man auch erleben.“ Diesen Winter möchte er wieder nach La Grave und das Derby de la Meije fotografieren. Außerdem steht Russland auf seiner Wunschliste. Takahiro ist durchaus offen für andere Motive. „Manchmal fotografiere ich bereits Architektur. Ich kann mir auch vorstellen, in Afrika Tiere abzulichten“, erklärt er.
Der Wintersport bleibt dennoch seine größte Leidenschaft – im Beruf wie privat: „Ich gehe auch gerne mit Freunden zum Skifahren, aber es ist wohl eine Berufskrankheit, dass ich meine Kamera immer dabei habe. Ohne meinen Fotorucksack fühle ich mich einfach nackt.“ Was immer die Zukunft bringen mag, eines wird sich nicht ändern: Takahiro Nakanishis Liebe für den Schnee und außergewöhnliche BackcountryFotos. „Ich hoffe, meine Bilder erzählen schöne Geschichten, die die Menschen erfreuen.“ Daran haben wir keinen Zweifel.





