BACKLINE Magazin
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Argentinien / Chile · Cerro Tronador (Patagonien)

The Fire of Patagonia

Ausgabe 2014 · Text: Lucas Swieykowski · Fotos: Stefan Schlumpf · 5 min Lesezeit

The Fire of Patagonia

Bergsteiger verbindet eine Leidenschaft, die Außenstehenden schwer zu erklären ist. Dank dieser Leidenschaft bleiben wir abenteuerlustig. Dafür die richtigen Begleiter zu finden, ist nicht einfach …

Bergsteiger verbindet eine Leidenschaft, die Außenstehenden schwer zu erklären ist. Dank dieser Leidenschaft bleiben wir abenteuerlustig. Dafür die richtigen Begleiter zu finden, ist nicht einfach. Vor ein paar Jahren traf ich Stefan. Wir wurden sehr gute Freunde, hatten den gleichen Ansatz und die gleiche Einstellung. Seitdem erkunden wir neue Regionen und leben unseren Traum. Wir sind heiß darauf, die Grenzen des Sports immer neu zu setzen. Nach vielen Touren in den Alpen begannen wir, Ziele auf der südlichen Halbkugel zu suchen. Weniger bekannte Gegenden mit unendlichen Möglichkeiten. Im August 2013 fuhren wir nach Neuseeland, trafen interessante Menschen, sahen großartige Berge und wunderbare Natur. Das war ein unvergessliches Erlebnis.

Und es sollte erst der Anfang sein. Als der Winter in Europa zu Ende ging, wollten wir mehr. Wir beschlossen, in meine Heimatstadt Bariloche zu reisen. Im Gepäck hatten wir viele Pläne und Ideen... Patagonien ist ein unwirtlicher Platz, und das Wetter ändert sich sehr schnell. Die starken Winde vom Pazifik machen große Projekte und Bergtouren zu echten Herausforderungen. Bariloche ist meine Heimat, eine großartige Stadt in den Bergen, umgeben von beeindruckender Natur und Nationalparks. Dieses Jahr hatten wir einen seltsamen Winter mit extrem wenig Schnee, verglichen mit den Jahren davor. Das Wetter war wechselhaft, warm und sehr windig, was die Schneedecke instabil machte, und auf Schneefall folgte meist Regen.

Ende August kam Stefan mit hohen Erwartungen nach Bariloche. Er war heiß darauf, anständigen Tiefschnee zu fahren. Nach all den Geschichten, die er von mir und anderen Freunden gehört hatte, freute er sich auf richtig gutes Gelände. Wir hatten alles geplant, aber das instabile Wetter zwang uns dazu, einzusehen, dass nur wenige unserer Vorhaben realisierbar sein würden. Um trotz der miesen Schneelage und der Wärme nicht untätig zu sein, bestiegen wir ein paar Gipfel rund um Bariloche. Manchmal gingen wir in kurzen Hosen und mit den Ski an Rucksack los, was sich eher wie Sommer anfühlte. Doch verloren wir nicht die Hoffnung und wussten, dass der Schnee irgendwann kommen musste.

Wir beschlossen, über die Grenze nach Chile zu fahren und den Volcano Casablanca (1.990 Meter) zu besteigen. Es wurde ein schönes Abenteuer mit einer außergewöhnlichen Nacht unter freiem Himmel am Fuß des Vulkans. Aber die Verhältnisse waren richtig schlecht – dickes Eis und schwarzes Vulkangestein erinnerten uns eher an die Mondoberfläche. Wir schafften den Gipfel und genossen einen ausgezeichneten Ausblick auf alle Vulkane ringsum – auch auf den Cerro Tronador, einen Berg, der ganz oben auf unserer Liste stand. Als wir nach Bariloche zurückkamen, meldete der Wetterbericht Schneefall mit einem anschließenden Schönwetterfenster.

Endlich bekamen wir guten Schnee, suchten in der Umgebung nach Powder, genossen die Faceshots und fühlten uns, als sei der Winter zurückgekehrt. Am Tag darauf starteten wir zum Cerro Tronador. Wir wollten das viertägige Wetterfenster ausnutzen. Der Berg, ein alter Vulkan an der Grenze zwischen Argentinien und Chile, ist mit 3.454 Metern der höchste Gipfel um Bariloche. Unser Plan sah vor, den argentinischen Gipfel des Tronador (3.310 Meter) zu erreichen – eine echte Herausforderung und eine lange Tour, zu der wir bereit waren. Los ging es von Pampa Linda am Fuß des Tronador: Im Tal lag kein Schnee, also trugen wir die Ski. Am Anfang kamen wir langsam voran, und die schweren Rucksäcke machten es nicht einfacher.

Ab der Schneegrenze wurden wir trotz des schweren Nassschnees schneller. Nach sechs Stunden Aufstieg erreichten wir müde und hungrig im letzten Tageslicht die Hütte. Mit den anderen Bergsteigern genossen wir das Abendessen und bereiteten unsere Ausrüstung für den nächsten Tag vor. Der Wecker klingelte um 4 Uhr 30. Wir gingen bei Dunkelheit los und hofften auf den Wetterbericht und darauf, dass sich der heftige Wind nach einer Weile beruhigen würde. Mehrere Male wollten wir fast umdrehen, denn Sturm und Wolken schränkten unsere Orientierung ein und zerstörten die Hoffnung, den Gipfel zu erreichen, der sich hinter dicken Wolken verbarg. Wir stiegen weiter, und als das Tageslicht die Nacht ablöste, kam die Sonne heraus.

Endlich sahen wir den Gipfel und waren von dem fantastischen Anblick fast geschockt. Jetzt wussten wir, dass wir trotz des Sturms auf dem richtigen Weg waren. Wir konnten es schaffen! Einige Stunden überwanden wir in riesigen Eisfeldern Spalten und haushohe Eisblöcke, dann kamen wir zum letzten Anstieg. Wir wechselten auf Steigeisen und nahmen die Eisäxte heraus. Die letzten Meter blieben wegen des Eises und des heftigen Windes anspruchsvoll. Wir waren angespannt. Nach mehr als sechs Stunden erreichten wir den Gipfel und waren sprachlos. So viele Jahre hatte ich von jedem Winkel aus auf diesen Berg geblickt. Nun hatte ich es endlich geschafft! Dieser Moment war ein ganz besonderer – umso mehr, da ich ihn mit meinem guten Freund teilen konnte.

Wegen des anhaltenden Windes hielten wir uns nicht lange auf dem Gipfel auf. Die Abfahrt machte richtig Spaß. Wir fanden lange Rinnen mit gutem Schnee und konnten ein paar schnelle, weite Schwünge setzen – ein großartiges Gefühl nach dem anstrengenden Aufstieg. Als wir an der Hütte ankamen, schmerzten die Beine und wir waren fertig, doch das Grinsen auf unseren Gesichtern war es wert. Wir hatten etwas Besonderes geschafft, bei schwierigen Verhältnissen durchgehalten und waren dafür belohnt worden. Den Sonnenuntergang genossen wir auf der Hütte, wo wir den anderen Bergsteigern von unserem Erlebnis erzählten. Am nächsten Morgen schien die Sonne wieder. Es war windstill, und die Verhältnisse waren ideal für einen großartigen Skitag.

Wir erkundeten einige Täler entlang des Gletschers, und mit jeder Minute wurde der Tag besser und unser Lächeln breiter. Beim Blick auf den Tronador wusste ich, dass er nun ein Teil unserer Geschichte war. Ein großer Erfolg, der unsere Leidenschaft widerspiegelte. Zurück in Bariloche warteten wir erneut auf Schnee. Wir hatten noch zwei Wochen vor uns mit weiteren Herausforderungen auf der Suche nach dem echten patagonischen Abenteuer.

The Fire of Patagonia
© Stefan Schlumpf
The Fire of Patagonia
© Stefan Schlumpf
The Fire of Patagonia
© Stefan Schlumpf
The Fire of Patagonia
© Stefan Schlumpf
The Fire of Patagonia
© Stefan Schlumpf

Fahrer: Lucas Swieykowski