Kosovo · Albanische Alpen
The Unknown Face of Kosovo
Ausgabe 2024 · Text: Simon Schöpf · Fotos: Simon Schöpf · 3 min Lesezeit

Die Albanischen Alpen im Dreiländereck zwischen Kosovo, Montenegro und Albanien, die sind schon ziemlich verflucht. „Accursed Mountains“, mal frei übersetzt mit „verflucht“, mal mit „verwunschen“, das kann man sich je nach Gemütslage aussuchen. Noch vor nicht allzu langer Zeit war dieses …
Die Albanischen Alpen im Dreiländereck zwischen Kosovo, Montenegro und Albanien, die sind schon ziemlich verflucht. „Accursed Mountains“, mal frei übersetzt mit „verflucht“, mal mit „verwunschen“, das kann man sich je nach Gemütslage aussuchen. Noch vor nicht allzu langer Zeit war dieses Territorium eine unzugängliche No-Go-Area, bekannt für Banditen und den Jugoslawienkrieg. Der Legende nach soll der Name auf die geologische Schroffheit der Gipfel zurückzuführen sein, die es den Hirten und Schmugglern schwer machte, sie zu überqueren.
Heutzutage empfinden wir das aber durchaus als etwas Ästhetisches: Im Sommer gibt es seit einigen Jahren einen etablierten Wandertourismus, der sich hauptsächlich um den wunderschönen Weitwanderweg „Peaks of the Balkans“ abspielt, der derzeit sehr en vogue ist. Das hat auch zur Folge, dass sich alte Hirtenhütten zu einfachen Gästehäusern wandeln, lokale Wanderführer ausgebildet werden, improvisierte Bierbuden am Wegesrand auftauchen. Aber im Winter ist hier – nichts. Das Dreiländereck im Balkan ist für Skitourengeher bisher unbekanntes Terrain. Dort, wo jede Tour Grenzen überschreitet und verbindet, was einst verfeindet war. Warum eigentlich?
Eine traumhaft verschneite Landschaft mit kleinen Almhütten, kupiertes Gelände mit einem lichten Kiefernbestand, schroffe Felswände im Hintergrund. Kurzum, ideales Skigelände, wie man es aus den Zentralalpen kennt.
Nur eines findet man hier nicht: andere Menschen. „Hier im Kosovo haben wir so 30 bis 40 aktive Tourengeher“, sagt Alb Berisha, der uns in der kommenden Woche als Guide begleiten wird. „Es ist also ziemlich unwahrscheinlich, dass du auf der Skitour hier anderen Menschen begegnest. Eher noch einem Bären.“ Der 25-jährige Kosovare mit dem schulterlangen Haar und dem breiten Dauergrinser, den alle nur Albi nennen, ist einer dieser wenigen Aktiven.
Kosovo, das Land, dessen Nordgrenze zu Serbien auf Google Maps als gestrichelte Linie dargestellt ist. Das Land, das erst 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt hat, wird inzwischen von zwei Dritteln aller Staaten anerkannt, aber immer noch von fünf Staaten in Europa nicht. Das Land, das vor 25 Jahren einen Krieg erlebte, der 13.000 Menschen das Leben kostete und ganze Städte verwüstete, darunter auch Albis Heimatstadt Pejë.
Kosovo ist das Land, das man in Mitteleuropa in den Nachrichten höchstens mit den Worten „Konflikt“ oder „Unruhen“ in Verbindung bringt. Was aber, wie so oft, nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit ist. Ein weitaus größerer Teil der Wirklichkeit ist das, was wir während unserer Skitourenwoche mit eigenen Augen sehen: Gastfreundliche Menschen, herrlicher Pulverschnee und eine Winterlandschaft, die für Skitourenabenteuer geradezu prädestiniert ist. Verlockend an den Accursed Mountains ist auch, dass sie sich über drei Balkanländer erstrecken: Kosovo, Montenegro und Albanien.
Und dass man unkompliziert allen drei Ländern einen Besuch abstatten kann: Vom Gacaferi Guesthouse im Kosovo geht es in gut zwei Stunden Aufstieg durch lichten Wald auf den Trekufini-Gipfel (2.366 Meter), den Dreiländergipfel. Wenn man drei Füße hätte, könnte man hier in allen Ländern gleichzeitig stehen.
Zur Linken Albanien, zur Rechten Montenegro – wohin es uns zunächst verschlägt, durch feinsten Pulverschnee geht es hinunter nach Babino Polje. Es ist einer dieser rar gewordenen Orte, an denen es kein Handynetz, kein Internet gibt. Nur sich selbst, den Fluss und die Tourenski – und das unglaublich üppige Essen. Frisch gerollter Burek, Kacamak, wie immer viel zu viele Ćevapčići. So geht es gut genährt am nächsten Tag weiter nach Albanien, in die Hochalm-Siedlung Dobërdol, die ein wenig nach schottischem Hochland anmutet. Wie in einem riesigen Kessel sind die schneebedeckten Hüttchen hier von
Und so tun wir ungestört das, was man auf einer Skitour eben so tut: Felle auf die breiten Latten kleben, damit einen Berg hinaufstapfen, genüsslich wieder hinunterwedeln. Und wir gönnen uns noch ein letztes Tourenziel, bevor wir unsere Runde vollenden und in den Kosovo zurückmarschieren, den Maja Kershit Kocajve (2.397 Meter). Wir balancieren über seinen schönen Grat zum Gipfel, jauchzen entfesselt – und ziehen genüsslich unsere Spuren hinab in die weiße Einsamkeit dieser Verfluchten Berge.





Fahrer: Martin Chester, Jasiek Ksiazek, Tom Rabl
