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Argentinien · Cerro Crestón (Patagonien)

The Windy Empire

Ausgabe 2018 · Text: Lucas Swieykowski · Fotos: Javier Procaccini · 5 min Lesezeit

The Windy Empire

Patagonien, meine Heimat. Einer der wenigen Orte auf der Welt, die noch nicht komplett erforscht sind. Stürme, Natur pur und Abenteuer erwarten dich hier. Wir fuhren die mehr als 1.500 Kilometer von …

Patagonien, meine Heimat. Einer der wenigen Orte auf der Welt, die noch nicht komplett erforscht sind. Stürme, Natur pur und Abenteuer erwarten dich hier. Wir fuhren die mehr als 1.500 Kilometer von Bariloche nach El Chaltén auf der Ruta 40. Die Straße deckt von Norden nach Süden ganz Argentinien ab. Wir wollten unterschiedliche Orte erkunden, die bisher nur wenige Menschen besucht haben, und dort natürlich auch Ski fahren. Es war schon lange mein Traum, neben den massiven Granitwänden des Fitz Roy Gebirges – von denen in der Regel nur erfahrene und wirklich abenteuerlustige Kletterer träumen – Ski zu fahren.

Das unbeständige Wetter und unvorhersehbare Bedingungen in meiner Heimat setzen voraus, dass man sich richtig vorbereitet, um so einen Plan überhaupt umzusetzen. Wir verließen Bariloche zu fünft in einem voll beladenen Auto. Kameraausrüstung, Camping- und Skisachen, Kletterausrüstung und Kisten voller Lebensmittel waren an Bord. Wir hatten für 25 Tage gepackt. Zu unserer Gruppe gehörten Thibaud Duchosal, Joi Hoffmann, der Fotograf Javier Procaccini, der Filmer Laurent Jamet und ich. Die Fahrt durch Patagonien ist für sich allein schon eine tolle Erfahrung. Die eindrucksvollen Landschaften, die man durchquert, machen jeden Reisenden sprachlos. Die Sonnenauf- und untergänge sind einzigartig. Unterwegs hielten wir an, um in El Foyel Ski zu fahren.

Wir waren zu Gast auf der riesigen Ranch von Hubert, in deren Umgebung großartiges Skitourengelände zu finden ist. Für den Zustieg in die Täler nahmen wir Pferde und planten dann mehrere Nächte in einer der Berghütten, die es dort gibt. Auch wenn die Schneeverhältnisse nicht die besten waren – der Wind hatte zusätzlich zu den hohen Temperaturschwankungen den Schnee ziemlich in Mitleidenschaft gezogen – konnten wir einige fantastische Linien realisieren. El Foyel verwöhnte uns mit Bowls, Couloirs und epischen Panoramen. Die Kombination Pferd und Skifahren ist etwas ganz Besonderes. Nachdem wir ein paar Tage lang verschiedene Täler auf Fellen erkundet hatten, war es an der Zeit weiterzuziehen.

Wir fuhren den ganzen Tag und erreichten „La cueva de las Manos“, eine außergewöhnlich schöne Schlucht, beliebt bei Kletterern aus aller Welt. Wir campierten zwischen den Felswänden, machten ein Lagerfeuer und ruhten uns aus. Am nächsten Tag ging die Reise weiter. Als wir in El Chaltén ankamen, wurden wir von starken Winden empfangen und hatten keinerlei Sicht. Das Wetter in Patagonien kann launisch und unberechenbar sein. Man weiß nie, was passieren wird, also muss man immer bereit sein, sich anzupassen und zu improvisieren. Wir wussten, dass wir geduldig und ständig bereit sein mussten, zum richtigen Zeitpunkt loszugehen. Für El Chaltén hatten wir mehrere Pläne, aber eines unserer Hauptziele war der Cerro Crestón.

Diese Abfahrt wirkt auf ziemlich jeden Skifahrer ebenso sexy wie beängstigend. Mit mehr als 500 Höhenmetern Abfahrt, Abschnitten über 50 Grad und großen Gletscherfeldern ist der Berg eine echte Herausforderung. Unser erster Versuch, den Cerro Crestón zu befahren, begann mit einem Aufstieg um 4 Uhr morgens. Wir wollten vor Sonnenaufgang die Baumgrenze erreichen, den Hang erst einmal richtig begutachten, unsere Linien finden und dann bei guter Sicht über den Gletscher steigen. Der dichte Wald im unteren Bereich war extrem beeindruckend, so grün und natürlich. Man fühlt sich isoliert, weit weg, verloren in der Natur Patagoniens. Das Wetter war perfekt, blauer Himmel und windstill. Die Gletscherüberquerung ging schnell voran, dann kam der Wind.

Am Horizont konnten wir bereits die Wolken sehen. Als wir den letzten Grat erreicht hatten, zog es sich zu. Wir waren schon fast auf dem Gipfel, also entschieden wir uns den Gipfel mitzunehmen. Die dichten Wolken ließen leider keine vernünftige Abfahrt zu. Vorsichtig ging es langsam nach unten und wir freuten uns, wenigstens ein paar Schwünge gemacht zu haben. Zufrieden waren wir aber nicht. Ein weiterer Versuch war somit vorprogrammiert, allerdings wollten wir perfekte Bedingungen abwarten. In den folgenden Tagen war das Wetter nicht kooperativ, was in Patagonien normal ist. Wir machten unterschiedliche andere Touren, aber das Wetter entwickelte sich zu dem Psychospiel, das man hier spielen muss.

Endlich wurde ein interessantes Wetterfenster angesagt. Vor Sonnenaufgang machten wir uns bei Schneefall auf den Weg. Nach Sonnenaufgang sollte es aufklaren, zumindest hofften wir das. Glücklicherweise hörte es tatsächlich auf zu schneien, als wir zum Gletscher kamen und die Felle aufzogen. Dank 30 Zentimeter Neuschnee waren wir langsamer als beim letzten Mal unterwegs, aber wir fühlten uns sehr gut und waren zuversichtlich. Bald erreichten wir den ersten Grat. Der nun auffrischende Wind vertrieb alle Wolken. Als wir nach einem sicheren Platz für eine Pause suchten, brach der gesamte Hang buchstäblich unter unseren Füßen zusammen. Wir standen weniger als zehn Zentimeter oberhalb der Abrisskante.

Eine Lawine dieser Größe in einem solchen Hang kann tödlich sein, wenn man davon mitgerissen wird. Wäre uns dies bei der Abfahrt passiert, hätten wir wahrscheinlich weniger Glück gehabt. Wir hielten eine Weile inne und erholten uns für ein paar Minuten von dem Schock. Dann beschlossen wir abzufahren, um unser Glück nicht überzustrapazieren. Für heute reichte es. Es blieben nur noch wenige Tage Zeit, um unseren Traum zu realisieren. Warten aufs nächste Wetterfenster: Schließlich hatten wir Glück und wurden erlöst. Was für ein toller Tag! Diesen Hang komplett unter perfekten Bedingungen zu fahren, ist etwas, an das ich mich für immer erinnern werde.

Mein Körper zitterte vor Aufregung, jeder in der Gruppe hatte für den Rest des Tages ein riesiges Lächeln im Gesicht. In Patagonien ist die Natur sehr präsent. Unendlich weit, isoliert, extreme Bedingungen. Aber die Schönheit des Landes macht dich sprachlos. Ein Ort, den jeder einmal im Leben besuchen sollte. Viel Spaß! Besonderer Dank gilt den Locals, die mit mir in Chaltén essen, trinken, Ski fahren und mir oft mit entscheidenden Ideen und Lösungen meine Abenteuer ermöglichen: Carolina, Marcela, Annabel, Conny, Max, Astro, Jimmy, Agustin, Lucho, Merlin und Leo – sie stehen für die wahren skifahrenden Entdecker im Tal des Vueltas Flusses und El Chaltén.

The Windy Empire
© Javier Procaccini
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© Javier Procaccini
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© Javier Procaccini
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© Javier Procaccini
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© Javier Procaccini

Fahrer: Thibaud Duchosal, Johannes Hoffmann, Lucas Swieykowski, Joi Hoffmann

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