Österreich / Frankreich / Schweiz · Verwall / Mont-Blanc-Massiv / Ötztal
Three girls on snow
Ausgabe 2012 · Text: Petra Rapp · Fotos: Franz Faltermaier · 4 min Lesezeit

Tine Huber (Innsbruck, Tirol), Angelika Kaufmann (Zug am Arlberg) und Liz Kristoferitsch (Dalaas, Vorarlberg): Diese drei Mädels aus Österreich verbindet ein und dieselbe Leidenschaft: Freeriden mit …
Tine Huber (Innsbruck, Tirol), Angelika Kaufmann (Zug am Arlberg) und Liz Kristoferitsch (Dalaas, Vorarlberg): Diese drei Mädels aus Österreich verbindet ein und dieselbe Leidenschaft: Freeriden mit Anspruch. Alle drei sind gute Alpinistinnen und steigen dorthin auch zu Fuß auf, wo sie anschließend abfahren wollen. Im vergangenen Frühjahr zogen sie gemeinsam los. Ihr Ziel war eine spannende Durchquerung mit ausgewählten Gipfeln und steilen Rinnen in Frankreich, Italien und der Schweiz. Doch es sollte anders kommen. Zum „Warmlaufen“ für die höheren Ziele starten Angelika, Liz und Tine im Tiroler Pitztal. Sie kommen frühmorgens am Gletscherplateau an und brechen Richtung Fernerkogel (3.300 Meter) auf. Die Temperaturen sind bereits frühlingshaft warm.
Sie müssen die Gletscherspalten weit umgehen. Die Mädels klettern mit Steigeisen und Pickel über den Gletscher und weiter den felsigen Grat entlang. Immer wieder greift Angelika, die vorangeht, zum Seil und sichert in den schwierigen Passagen die zwei nachkommenden Mädels und den Fotografen... „Unglaublich, diese Fernsicht! Es gibt nichts Erfüllenderes, als nach einem anstrengenden Anstieg am Gipfel eines Berges zu stehen, den Augenblick mit Freunden zu teilen und zu wissen, dass man die Abfahrt noch vor sich hat“, meint Tine sichtlich glücklich. Trotz genauer Planung und intensivem Kartenstudium sehen die Felsformationen und die Einfahrt in die geplante Route vom Gipfel dann doch immer etwas anders aus.
Auch hier am Fernerkogel wird die Abfahrt zur spannenden Herausforderung. Doch bei besten Firnbedingungen können die drei jeden Schwung hinunter genießen. Nach einem weiteren Aufstieg lassen die Mädels die Zeit im Pitztal bei Suppe und Tee vor dem Winterraum der Braunschweiger Hütte ausklingen. Jetzt sind sie gerüstet für die geplante Durchquerung des Mont-Blanc-Massivs. Das Ziel in Frankreich: Zuerst zur Refuge d'Argentière und am nächsten Morgen über das Col de Chardonnet zum Grande Lui (3.509 Meter) aufsteigen. Schon am Parkplatz in Argentière bei Chamonix müssen die Mädels feststellen, dass ab etwa 2.500 Metern Höhe der Wind mit rund 130 Kilometer pro Stunde bläst.
Beim Aufstieg auf das Col de Chardonnet werden sie immer wieder von den Sturmböen regelrecht umgeworfen. Dazu kommt erhebliche Lawinengefahr. Alles kein Zuckerschlecken, aber sie beißen sich durch. Oben am Col de Chardonnet die Entschädigung: Ein atemberaubender Ausblick auf die weite französische Gletscher- und Felslandschaft, der die Strapazen des Aufstiegs vorerst vergessen lässt. Doch die Wolken verdichten sich, die Sicht wird schlechter und die Sturmböen rauben dem Trio die Kräfte. Die Routenwahl führt sie über eine Felswand zur tiefsten Verschneidung des Grates... „So ein verdammter Mist“, flucht Angelika beim Vorsteigen, weil die Felsplatten sehr wenig Halt bieten. Doch sie kommen sicher am Grat an.
Nach einer Abseilstelle über eine kleine Felswand fahren sie bei wechselhaften Schneebedingungen ab. Müde und ziemlich durchgefroren erreichen Tine, Angelika und Liz die Cabane de l'A Neuve (2.735 Meter). Am nächsten Morgen schneit es stark, dann gibt es strömenden Regen, so dass sie vollkommen durchnässt in La Fouly die Ski abschnallen. Die Mädels sehen ein, dass ein weiterer Anstieg auf den Mont Dolent (3.823 Meter) bei diesen Verhältnissen zu gefährlich ist. Schweren Herzens müssen sie die geplante Durchquerung abbrechen. „Das kann es jetzt nicht gewesen sein“, denkt Tine und führt ein paar Telefonate. Sie fahren zurück nach Österreich. Neues Ziel: der Patteriol am Arlberg (3.056 Meter).
„Schon seit Jahren habe ich diesen Berg im Visier: Ich habe so viele Leute befragt und alle haben mir von verschiedenen Routen im Sommer erzählt. Aber es muss doch auch möglich sein, diesen schönen, felsdurchzogenen Berg im Winter mit Ski zu befahren!“ Die Bedingungen zu Hause scheinen perfekt zu sein. Tine möchte sich den Skitraum am Patteriol jetzt gemeinsam mit ihren Freundinnen erfüllen. Die Mädels starten frühmorgens von der Konstanzer Hütte ins weiße Abenteuer. Über ihnen ein atemberaubender Sternenhimmel. Ziemlich müde von der kurzen Nacht setzen sie langsam einen Ski vor den anderen. Jede versucht, ihren Rhythmus zu finden und richtig wach zu werden.
Sie erreichen einen markanten Fels am östlichen Fuß des Patteriols und kommen auch ohne Harscheisen erstaunlich gut vorwärts. An einer felsigen Stelle montiert Angelika ihre Ski auf den Rucksack. „Auweh!“ Tine schnallt ebenfalls ab und will ihre Ski in den Schnee stecken. Sie stößt auf Fels. Der Ski geht auf und saust mit hoher Geschwindigkeit den Hang hinab... „So ein Mist!“ Im winzigen Schein der Stirnlampe sucht sie fluchend ihren Ski. Kurz vorm Verzweifeln kommt Angelika zu Hilfe. Gemeinsam finden sie den Ski, den das noch aufgezogene Fell gottseidank gestoppt hat. Erleichtert steigen beide wieder den Hang hinauf. Schritt für Schritt, bis es langsam heller wird und die Sonne hinter den Berggipfeln aufgeht.
Mit Steigeisen bewältigen sie einen weiteren Hang und gelangen zu einer steilen Rinne. Dank der Pickel kommen sie schnell höher. Die Sonne erwärmt den Schnee unter ihren Füßen immer mehr. Es wird Zeit, sich ein bisschen zu beeilen, sonst werden die Verhältnisse zu gefährlich. Zwischen Horn und Hauptgipfel angekommen, wartet auf den letzten 50 Höhenmetern ein ausgesetzter Felsgrat, den die Mädels kletternd überwinden. Trotz des warmen Wetter und der starken Sonneneinstrahlung bleibt die Nordrinne des Patteriols von der Sonne verschont. Eine lange Abfahrt bei nahezu perfekten Pulverschneebedingungen wartet auf die Freeriderinnen...
„Wir konnten erst nach der Hälfte den unteren Teil der steilen Rinne vollständig einsehen und auch dort gab es feinsten Pulverschnee“, erzählt Angelika später begeistert. Danach folgen noch ein paar langgezogene Schwünge über die breiten Firnhänge hinab ins Schön-Verwall. Gegen Mittag erreichen Tine, Angelika und Liz wieder die Konstanzer Hütte. Sie sind müde, glücklich und um ein großartiges Skierlebnis in traumhafter Natur reicher.



Fahrer: Tine Huber, Liz Kristoferitsch, Angelika Kaufmann
