Tadschikistan · Darvoz Range (Vanj)
A Blessing in Disguise
Ausgabe 2020 · Text: Max Kroneck · Fotos: Max Kroneck · 5 min Lesezeit

Der Himmel reißt auf. Die Sonne wärmt die Haut, die letzten Schneekristalle, die noch in der Luft liegen, glitzern wie verrückt, und vor uns tut sich eine schier endlose Rinne auf. Scheint so, als ob …
Der Himmel reißt auf. Die Sonne wärmt die Haut, die letzten Schneekristalle, die noch in der Luft liegen, glitzern wie verrückt, und vor uns tut sich eine schier endlose Rinne auf. Scheint so, als ob wir nochmal richtig Glück haben. Denn das war nicht immer so. Wir sind in Tadschikistan, in Zentralasien. Was uns hierher verschlagen hat? Das war Joi, der gerade vor mir spurt und schnaufend auf die Rinne deutet. Er ist berüchtigt für seine Vorliebe für Google Earth. Vor einiger Zeit hatte er eine Skiregion ausgespäht, die wir uns nicht besser erträumen hätten können. Nicht so viele Hütten, dafür ein Gletschercamp auf etwa 4.300 Metern. Wenig Lifte, dafür Unmengen an Rinnen, wie man sie nur aus Alaska kennt.
Und keine Menschenseele, die einem irgendeine Linie streitig machen könnte. Vor über zwei Wochen wurden wir von unserer Gastfamilie in Empfang genommen. Der kleine Talort Vanj liegt im paradiesischen Grün direkt am Fluss. Direkt da, wo wir den Ausgangspunkt für unsere kleine Expedition vermuteten. Die einzigen Karten von dieser Gegend sind noch aus alten UdSSR-Zeiten, Maßstab 1:250 000. Laut Google Earth wäre ein 4.500 Meter hoher Sattel zu überwinden, bevor wir unser Basecamp im nächsten Gletscherbecken aufschlagen können. Die erste Etappe ging von dem kleinen Dorf in ein Seitental hinein. Die Wege waren im letzten Winter größtenteils weggespült worden. Die Esel waren überfordert, und wir verbrachten die meiste Zeit mit Wegebau statt Vorwärtskommen.
An den folgenden Tagen transportierten wir dann unseren Proviant in vielen Etappen auf den Gletscher. Wir wollten uns mindestens zwei Wochen dort einnisten und von dort aus Skifahren gehen. Nach vier Tagen schwerster Schlepperei konnten wir endlich die um uns liegenden 5.000er in Augenschein nehmen. Die Schneebedingungen schienen ideal. Pillows in der Größe von Reihenhaussiedlungen. Doch dann häuften sich die Probleme. Zum einen waren von unserem fünfköpfigen Team nur noch drei „tragefähig“. Fabi, unser Schlüssel zur hiesigen Kultur, da er Persisch gelernt hatte, hatte Knieprobleme und konnte außer Yoga nicht mehr viel machen. Lindsey fühlte sich ausgerechnet jetzt auch nicht besonders gut. Doch zum Glück hatten wir Simon als Kameramann dabei.
Seine Kamera lief ständig und er war trotz Snowboard nicht zu stoppen. Nach fettem, nächtlichem Neuschnee lösten wir schließlich kurz unterhalb des Tors zu unserem Freerideparadies noch ein kleines Schneebrett aus. Nichts Großes, dennoch zeigte es sehr gut, wie wechselhaft hier Wetter und Schnee sein konnten. Keine 100 Meter weiter unten war die Verbindung mit der Altschneedecke noch top gewesen. Schlussendlich machte uns auch noch der Wetterbericht einen Strich durch die Rechnung: geschätzte 1,5 Meter Neuschnee für die nächsten Tage. Abbruch und in einer Nacht- und Nebelaktion nichts wie raus aus dem Tal. Wieder am Ausgangspunkt, genossen wir die Zeit bei unserer Gastfamilie. Eine vergangene Welt.
Außer Telefon, Fernseher und ein paar Autos im Dorf schien hier alles wie vor 100 Jahren. Die Bauern bestellen ihre Felder noch von Hand und mit Ochsen. Vor der Schule bringen die Kinder in Schuluniform schnell die Hühner raus. Die kleineren Kids helfen beim Schlachten. Einmal die Woche backt das halbe Dorf zusammen Brot. Die grenzenlose Freundschaft dieser Menschen war für uns das Bemerkenswerteste. Es schien fast schon ein kleiner Wettstreit unter den Dorfbewohnern zu sein, wer uns öfters zum Tee einladen durfte. Und so ließen wir es uns gut gehen. Wir wuschen unsere Kleidung, gingen mit den Eseln reiten, ließen uns von den Kids beim Fußball besiegen, tranken Tee und verfolgten den Wetterbericht.
Als Joi, Simon und ich von einem Wetterfenster erfuhren, starteten wir einen neuen Versuch auf der anderen Talseite. Kleines Team, leicht bepackt und ab in Richtung einer Rinne, die wir gesichtet hatten. Nach einem Tag im Nieselregen durch Geröllfelder laufen und zwei Tagen Skitour standen wir endlich kurz unter der Rinne. Statt einem Tag Aufstieg waren wir bereits den dritten Tag unterwegs. Zwischendurch hatten wir befürchtet, wir wären im falschen Tal gelandet, aber als die Wolkendecke endlich aufriss, schien doch alles zu passen. Am nächsten Morgen tapsten wir im Dunkeln aus dem Zelt und fellten auf. Wir hingen im dichten Nebel, waren aber guter Dinge, dass es bald aufklaren würde.
Auf dem Weg nach oben verabschiedeten wir uns von Simon, der es sich auf einem gegenüberliegenden Hügel gemütlich machte, um von dort aus besser filmen zu können. Die Rinne war doch größer als angenommen. Mittlerweile waren schon wieder gut drei Stunden vergangen, aber wir waren noch im ersten Drittel. Dazu wurde aus dem Nebel dichter Schneefall. Joi wühlte sich vor mir durch den Schnee hinauf... „Achtung, Sluff!“. Schön langsam ging es ans Gemüt. Alle paar Minuten mussten wir zur Seite springen. Ein kleiner Abgang nach dem anderen. Wir machten eine kurze Pause unter einem Felsvorsprung auf knapp 5.000 Metern und funkten zu Simon hinüber. Bei ihm regnete es bereits. Im gleichen Moment bemerkten auch wir dicke Tropfen auf unseren Jacken.
Oh verdammt, wenn es jetzt noch wärmer wird, müssen wir schnell raus! Und schon wieder rumste es gewaltig. Dieses Mal war es ein ausgewachsenes Schneebrett. Fluchtartig verließen wir die Rinne, holten Simon ab und beeilten uns, wieder ins Tal zu kommen. Der Tag unserer Abreise brach an. Ähnlich wie bei der Ankunft wärmte uns die Sonne in der kühlen Frühlingsluft. Die Verabschiedung von den Dorfbewohnern fiel uns schwer. Irgendwie hatten wir uns aneinander gewöhnt. Auf dem Weg in die Hauptstadt Duschanbe erreichte uns der neueste Wetterbericht: Die nächsten Wochen gibt es Kaiserwetter. Aufgrund der Coronakrise werden wir heuer keine Möglichkeit haben, einen neuen Versuch zu starten. Aber den riesigen Sack mit Tütensuppen, den wir oben zurückgelassen haben, werden wir uns dennoch bald wieder holen!





Fahrer: Lindsey Dolan, Joi Hoffmann, Fabian Lentsch, Simon Thussbas, Max Kroneck

