Tadschikistan · Pamir Mountains (Fedschenko-Gletscher)
The Flow of the Fedchenko
Ausgabe 2014 · Text: Vince Shuley · Fotos: Vince Shuley · 5 min Lesezeit

Das Gefühl in meinen Fingern kommt langsam zurück, als die Sonne über den Bergen im Osten aufgeht. Nachdem wir gewissenhaft um 4:30 morgens aufgestanden waren und den Gletscher unter Sternenhimmel …
Das Gefühl in meinen Fingern kommt langsam zurück, als die Sonne über den Bergen im Osten aufgeht. Nachdem wir gewissenhaft um 4:30 morgens aufgestanden waren und den Gletscher unter Sternenhimmel überquert haben, beginnen wir nun den Aufstieg zu einem der zahlreichen Berggipfel, die uns umgeben. Ich folge Zebs Aufstiegsspur und konzentriere mich darauf, die Atmung meinen Schritten anzupassen. „Lawine! Lawine!“ Zebs zweiter Warnausruf ist deutlich leiser. Er wird mitgerissen. Ich fixiere seine gelbe Jacke, während er in der weißen Masse verschwindet, und sehe aus dem Augenwinkel eine zweite Abrisskante direkt über mir. „Lawine! Die nächste!“ Beim Versuch, mich umzudrehen und zu entkommen, stolpere ich über meine Ski.
Meine Aufstiegshilfe hakt sich in die verkrustete Schneeoberfläche ein, als ich versuche, mich gegen die auf mich zu rollende Schneewalze abzustützen. Der Fedschenko-Gletscher liegt in den Pamir-Bergen Tadschikistans, einer riesigen Bergkette, die den Himalaya mit dem Tienschan, Karakorum, Kunlun und Hindukusch verbindet. Mit dokumentierten 77 Kilometern Länge ist er der größte nicht-polare Gletscher der Welt, wobei sein rasches Schrumpfen diese Aussage mittlerweile in Frage stellt. Hunderte kleinerer Nebengletscher fließen in den und aus dem Fedschenko. Mit seinen nach wie vor intakten vier Kilometern Breite zieht er nach Norden und sucht sich seinen Weg in das benachbarte Kirgisistan.
Unser Plan war, Ausrüstung und Nahrung für 28 Tage auf Schlitten zu laden und diese über den Fedschenko zu ziehen. Das klang recht einfach, aber die Praxis sah anders aus. Jedes Teammitglied begann nach dem Ausladen des GAZ-66-Transporters – ehemals eine Stütze des sowjetischen Militärs – mit mehr als 90 Kilogramm Essen, Bekleidung und Ausrüstung. Als wir am Fuß des Russian Geographical Society Gletschers (RGS), unseres Tors zum Fedschenko, ankamen, glaubten wir noch fest daran, über den ersten Bergrücken zu kommen und unser Lager auf dem Schnee aufschlagen zu können. Wir schafften gerade einmal 400 Meter, bevor wir auf die erste Hürde stießen.
Der Fluss Abdulkahor führte aufgrund der Schneeschmelze im Mai viel zu viel Wasser, so dass wir den Nachmittag damit verbrachten, eine Seilrutsche über die Reste einer Brücke zu bauen und unsere Vorräte auf die andere Seite zu schaffen. Die kalkulierten vier bis fünf Tage Zustieg zum Fedschenko waren deutlich zu knapp angesetzt. Eine Woche später war der RGS zu einer nicht enden wollenden Nemesis geworden, die wir schließlich doch überwanden. Die Gruppe schleppte in Zwölfstundentagen die Ausrüstung bis zur ersten Felswand, der letzten Hürde, bevor wir die Schlitten beladen und unsere Fedschenko-Überquerung beginnen konnten.
Das Lagerabbrechen, Schlittenziehen und Lageraufbauen zehrte an uns bei unserem täglichen Marsch – starrend auf die Gipfel am Horizont. Das Team war sich einig, ein Basiscamp einzurichten und einige Gipfel in Angriff zu nehmen. Als sich der Schnee ein paar Tage gesetzt hatte, ging es endlich los. Von unserem Zeltplatz hatten wir verlockende Linien ausgemacht und dachten, mit einem frühen Start abfahren zu können, bevor der Schnee in der Mittagshitze zu instabil würde. Das Schneebrett zieht mir die Füße weg, aber schon Sekunden später verlangsamt es sich. Ich stecke bis zur Brust im Schnee und versuche verzweifelt, mich mit den freien Armen zu den Füßen durchzugraben, um aus den Bindungen zu kommen.
Emelie steht weiter unten und ruft den anderen zu, ihre LVS-Geräte auf Suche umzustellen. Wenigstens wurde keines der drei Mädels von der Lawine erfasst, doch von Zeb kann ich kein Zeichen erkennen. Selena kommt mir zur Hilfe, aber ich rufe ihr zu: „Mir geht's gut, sucht IHN! HOLT IHN DA RAUS!“ Ich versuche weiter, aus den Bindungen zu kommen. „Ich habe ihn! Hier drüben“, ruft Emelie. Bevor die Lawine zum Stillstand kam, konnte Zeb einen Arm durch den Schnee stoßen. Jetzt schließt er seine Hand verzweifelt immerwieder schnell zur Faust, um auf sich aufmerksam zu machen. Endlich komme ich dazu. Emelie schützt Zebs Gesicht, während Selena und Holly seinen Kopf in Windeseile vom Schnee frei schaufeln. Wir ziehen Zeb heraus.
Er ist wie durch ein Wunder unverletzt, und wir finden sogar all unsere Ski und Stöcke im Lawinenfeld. Der Vorfall macht zwar unsere Skipläne für die restlichen 13 Tage so gut wie zunichte, aber wir sind dankbar, wenigstens die Gletscherüberquerung beenden zu können. Eine Woche später hatten wir die Langeweile eines Fünf-Tage-Sturms überstanden, Erfrierungen und Höhenkrankheit bekämpft und nach wie vor unser Hauptziel vor uns. Die Hoffnung auf eine Erstbefahrung reduzierte sich wegen der schlechten Schneelage, die sogar kleine Klettertouren auf Felsgrate zu einem unnötigen Risiko machte, auf ein Minimum. Aber wir wollten noch nicht aufgeben. Am letzten Tag brach ein Sturm los, und die Temperaturen fielen auf minus 30 Grad Celsius.
Da alles von den Wasserflaschen bis zu den Klettergurten einfror, wurde es ein schmerzhafter Aufbruch. Nicht einmal die aufgehende Sonne kam gegen die bittere Kälte an, aber wir hatten nur diese eine Chance. Der einzige Ausweg war, tapfer gegen den eiskalten Gegenwind anzukämpfen. Ein paar Kilometer vor dem Basiscamp verabschiedete sich Selena. Sie war die letzten Tage krank gewesen und hielt es nicht mehr in dieser Höhe aus. Wir übrigen vier hielten weiter auf den zackigen Grat des Peak Revolution (6.954 Meter) zu, der uns die nötige Inspiration schenkte. Als wir die große Senke am Ende des Fedschenko erreichten, beschlossen wir, auf einen westlich gelegenen Pass zu steigen, um zu sehen, was sich auf der anderen Seite befand.
Dort, auf 5.500 Metern, grüßte uns die Weite des Yazgulom-Tals. Ein riesiger Gletscher floss gen Westen, umgeben von zerklüfteten Gipfeln und überhängenden Gletscherbrüchen, wie wir sie noch nie zuvor gesehen hatten. Unsere Frustration darüber, auf der Expedition kaum zum Skifahren gekommen zu sein, ließ nach, als wir realisierten, wie weit und hoch wir nach zwei Jahren Planung und drei Wochen extremster Anstrengungen gekommen waren. Am nächsten Morgen erwarteten uns fünf Tage Abstieg über spaltendurchzogene Gletscher, durch Flussbetten und Geröllfelder. Zufrieden standen wir am Rand des Fedschenko und genossen ein weiteres Mal unseren Erfolg.





Fahrer: Zeb Blais, Holly Walker, Emelie, Selena

