Bolivien · Anden
A Quest beyond Summits
Ausgabe 2024 · Text: Andri Bieger · Fotos: Mountain Tribe · 4 min Lesezeit

Die Anden – ein majestätisches Gebirge, das nicht nur mit seiner Höhe, sondern auch mit kultureller Vielfalt beeindruckt. In Bolivien und Peru sind die Berge heilig, und wer sie besteigen will, muss ihnen mit Respekt begegnen. Unsere kleine Gruppe aus Österreichern, Deutschen und Schweizern wollte …
Die Anden – ein majestätisches Gebirge, das nicht nur mit seiner Höhe, sondern auch mit kultureller Vielfalt beeindruckt. In Bolivien und Peru sind die Berge heilig, und wer sie besteigen will, muss ihnen mit Respekt begegnen. Unsere kleine Gruppe aus Österreichern, Deutschen und Schweizern wollte nicht nur steile Abfahrten meistern, sondern auch von den Einheimischen lernen, denn sie öffneten uns die Tore zu diesen magischen Orten. Die Reise führte uns zu den höchsten Gipfeln der Region, wo wir an physische und mentale Grenzen stießen. Trotz dünner Luft, gesundheitlicher Beschwerden und unberechenbarem Wetter erlebten wir unvergessliche Momente. Es waren nicht nur die Abfahrten, die uns prägten, sondern vor allem die Menschen, die uns mit ihrem Wissen und ihrer Gastfreundschaft begleiteten.
Mein Puls rast, während die Steigeisen durch die dünne Schneeschicht brechen und auf Eis treffen. Ich zwinge mich, drei weitere Schritte zu gehen, bevor ich erschöpft anhalte, um nach Luft zu schnappen. Der Schwindel lässt nach. Mein Blick wandert die Wand hinauf zum Gipfel. Seit der letzten Pause habe ich kaum 15 Meter zurückgelegt. Immerhin sind die Magenkrämpfe verschwunden. Das Antibiotikum scheint zu wirken.
Unsere erste Station ist La Paz, die pulsierende Großstadt auf über 3.600 Metern. Es riecht nach Gewürzen und gebratenem Fleisch. Cholitas bieten am Straßenrand Waren an, Minibusse rasen durch die Gassen und Straßenhunde dösen im Schatten. Die ersten Wochen verbringen wir damit, uns zu akklimatisieren und unsere Mägen an die lokale Küche zu gewöhnen. Schließlich sind wir bereit für den 6.088 Meter hohen Huayna Potosi. Sergio, unser lokaler Skiguide, führt uns durch goldene Grassteppen, in denen Lamaherden weiden. Wir tragen die Ski auf 5.200 Meter zur Gletscherkante, wo endlich Schnee liegt. Trotz Beschwerden erreiche ich den Gipfel. Wir sitzen keuchend da, bis ein Wolkenfenster die Abfahrt erlaubt. Anfangs mit hakeligen Schwüngen, beginne ich die Abfahrt, dann wächst das Vertrauen, und der Spaß zeigt sich in flüssigen, harmonischen Kurven.
Nach diesem Erfolgserlebnis setzen wir unsere Reise in Peru fort, wo wir den 5.752 Meter hohen Pisco und den 6.035 Meter hohen Tocllaraju trotz prekärer Schneeverhältnisse befahren. An den Ruhetagen tauchen wir in die reiche Kultur der Quechua und Aymara, der lokalen Bergvölker, ein. Seit Francisco Pizarro im 16. Jahrhundert das mächtige Inkareich zerschlagen hatte,
kamen die Europäer vor allem als Eroberer. Gipfelnamen wie „Pico Austria“ zeugen von diesen kolonialen Bestrebungen. Es ist verständlich, dass viele Einheimische Abneigung gegenüber Touristen empfinden, die ihre heiligen Berge entweihen. Noch vor wenigen Jahren war die Region um den 6.074 Meter hohen Chachacomani in Bolivien, unserem letzten Ziel, für Ausländer „off-limits“. Heute jedoch profitieren die Einheimischen gerne vom Tourismus und helfen uns als Träger, unsere Sachen durch ein atemberaubend schönes Hochtal zwei Tage lang zum High-camp zu bringen. In geklebten Sandalen und mit je 30 Kilogramm Gepäck bringen sie die Ausrüstung in einem unvorstellbaren Tempo auf über 5.200 Meter. Sie sind die wahren Helden dieser Expedition, und wir sind voller Dankbarkeit und Respekt.
In der Nacht brechen wir zum Gipfel des Chachacomani auf. Der Aufstieg führt durch ein riesiges Labyrinth von Gletscherspalten. Mehrmals müssen wir im Schein der Stirnlampen unseren Weg über enge Schneebrücken suchen.
Beim ersten Tageslicht sind wir ernüchtert: Das Face, das wir befahren wollten, ist viel eisiger und steiler als erwartet. Dennoch klettern wir in der Hoffnung, irgendwo eine fahrbare Linie zu finden, durch die Südwand zum Gipfel. Die Aussicht raubt uns den Atem: In der Ferne erstreckt sich der nebelverhangene Amazonas, das endlose Altiplano breitet sich vor uns aus, und am Horizont leuchtet der Titicacasee in tiefem Blau. Unter uns gähnt die Leere der Südwand. Mascht fährt als erster ein und
steuert direkt durch die Wand, vorbei an bedrohlichen Gletscher- abbrüchen. Vali wählt eine furchteinflößende, felsendurchsetzte Route, die erst 2018 erstbestiegen wurde, während ich mich für eine Abfahrt entlang des imposanten Grats entscheide. Die Freude, als wir unten auf dem Gletscher wieder vereint sind und uns umarmen, ist unbeschreiblich. Durch sumpfigen Schnee kämpfen wir uns mit letzter Kraft zurück zum Pass, wo Paul und Sergio uns erwarten.
Dass wir mit unseren Erstbefahrungen einen ihrer Gipfel „ent- zaubert“ haben, nimmt uns Sergio nicht übel, denn uns verbindet etwas, das stärker ist als alle sprachlichen, geografischen und kulturellen Unterschiede: die Liebe zu den Bergen.
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Fahrer: Andri Bieger, Martin Kogler, Paul Schweller, Valentin Werner-Tutschku

