BACKLINE Magazin
EN

Russland · Caucasus Mountain Range (Terskol / Elbrus)

Balkan Express

Ausgabe 2015 · Text: Andreas Vigl · Fotos: Andreas Vigl · 5 min Lesezeit

Balkan Express

Um zwei Uhr in der Früh haben wir endlich die Passformalitäten hinter uns gebracht. Nach einem Zwischenstopp in Istanbul sind wir in Mineralnyje Vody gelandet, einer kleinen Stadt am südwestlichsten …

Um zwei Uhr in der Früh haben wir endlich die Passformalitäten hinter uns gebracht. Nach einem Zwischenstopp in Istanbul sind wir in Mineralnyje Vody gelandet, einer kleinen Stadt am südwestlichsten Zipfel Russlands. Gemeinsam mit Matthias Haunholder und Stefan Ager aus Innsbruck habe ich dem Fernweh in Richtung Gebirgskette des Kaukasus nachgegeben. Jetzt treten wir hinaus in die kühle russische Nacht und werden von einigen Taxifahrern empfangen, die eifrig unser Skigepäck von den Schultern nehmen wollen. Mit einem „Net, spasibo“ lehnen wir dankend ab. Einige Freunde aus Innsbruck sind nämlich in der Gegend, gerade aus Arkyz hierhergekommen.

Sie haben für die nächste Woche das gleiche Ziel wie wir und wollen die Elbrusregion an der georgischen Grenze erkunden. Die Jungs haben einen Kleinbus mit Fahrer organisiert, und während wir in Richtung Auto marschieren, scherzen sie, wir sollten uns auf etwas gefasst machen. In Russland laufe alles ein bisschen anders. Als ich die Schiebetür des Kleinbusses aufziehe, wird klar, was sie meinen: Die Türe löst sich komplett und fällt mit lautem Krachen zu Boden... Nachdem alles verstaut ist, geht es los. Wir freuen uns auf den Trip in die kaukasischen Berge. Bis zur nächsten Kreuzung. Als der Fahrer zurückschaltet, kracht es laut aus der Hinterachse. Fluchend fährt er an den Straßenrand und telefoniert.

Wir haben keine Ahnung, was passiert und warten ab. Einige Zeit später werden wir von einem Abschleppwagen ins Industriegebiet gezogen. Verwundert fragen wir uns, was passieren wird. Doch unser Fahrer steigt ganz entspannt ins Führerhaus, schaltet die Lichter aus und legt den Kopf aufs Lenkrad. Sieht so aus, als würden wir im Auto übernachten. Eng aneinander gequetscht und fröstelnd schlafen wir irgendwann ein. Ich wache erst durch laute Klopfgeräusche wieder auf. Verschlafen schaue ich aus dem Fenster und erkenne eine trostlose Gegend, wo zwischen halb fertiggebauten Häusern ein paar Hunde streunen. Das Klopfen kommt von unserem Fahrer, der mir durch das Fenster breit entgegen grinst.

Er ist schon mit allerlei Werkzeug an der Unterseite des Autos zugange. Offensichtlich hat er das passende Ersatzteil besorgt und baut es nun ein. So wie er sich anstellt, macht er das nicht zum ersten Mal. Ich muss schmunzeln. Das ist der berühmte „Russian Style“. Wir sind noch keine zwei Kilometer vom Flughafen entfernt und bereits mittendrin im Abenteuer! Nach der erfolgreichen Reparatur und einer langen Fahrt kommen wir endlich am Ziel an: in Terskol, einem kleinen Bergdorf am Ende eines langen, schroffen Tales. Es liegt nahe der georgischen Grenze, am Fuß des Elbrus. In allen Richtungen erhebt sich die vergletscherte Bergwildnis des kaukasischen Hauptkammes.

Das Gelände erinnert mich an die Stubaier Alpen zuhause, nur dass hier alles um Dimensionen größer ist. Vor unserer Ankunft gab es etwas Neuschnee, und für die kommende Woche ist ein stabiles Wetterfenster vorhergesagt. Ideale Bedingungen, um ein paar alpine Freeridetouren zu unternehmen. Nach einigen Tagen Eingewöhnung starten wir zum Highlight unseres Trips. Vom Tal aus haben wir unser Ziel ins Auge gefasst, eine Rinne wie aus dem Bilderbuch. Ästhetisch und steil zieht sie zwischen den Felsen nach unten und uns magisch an. Die Einheimischen nennen sie den „Balkan Express“. Ein passender Name, überwindet sie doch ganze 1.000 Höhenmeter schnurgerade an einem Stück. Wir brechen zeitig auf, denn der Zustieg ist lang und anspruchsvoll.

Während des Aufstiegs im ersten Morgenlicht schwanke ich zwischen Müdigkeit, Anspannung und Vorfreude. Wir müssen den langgestreckten Grat bis knapp unter den Gipfel des Cheget hinter uns bringen, um den Einstieg in die Rinne zu erreichen. Irgendwann müssen die Ski auf den Rucksack, im felsigen Gelände kommen wir nur langsam voran. Vom Grat weg haben wir freie Sicht auf die imposanten Kaukasus-Berge. Die Gegend birgt ein schier unerschöpfliches Potenzial. Schade, dass wir nur so kurz hier sind. Es gäbe viel zu tun! Immer wieder unterschätzen wir die Dimensionen. Die nächste Kuppe, die eine Stunde entfernt scheint, erreichen wir erst nach der doppelten Zeit. Ein Hindernis nach dem anderen bremst unseren Weg. Einmal seilen wir kurz ab.

Vor dem letzten Gegenanstieg müssen wir ein Stück abfahren. Eine willkommene Abwechslung zum nunmehr knapp siebenstündigen Aufstieg! Umso mehr, als wir perfekten Pulver vorfinden. Ein letztes Mal kommen die Ski auf den Rucksack, ein kurzer Anstieg noch, dann endlich kommen wir erschöpft oben an und inspizieren die Rinne. Mir verschlägt es kurz den Atem. Gleich zu Beginn muss eine Wechte übersprungen werden. Die Abfahrt ist im oberen Teil sehr steil, an die 50 Grad. Erst 1.000 Meter unter uns sehen wir den Talboden. Wir halten uns nicht lange auf und machen uns abfahrtbereit. Die Vorfreude steigt, wir wollen unsere Kanten in den Schnee setzen und die Schwerkraft spüren, die uns nach unten zieht.

Hauni fährt als Erster und verschwindet nach ein paar langen Schwüngen hinter den Felsen. Stefan springt als Nächster in die Rinne. Nun bin ich ganz alleine und warte ein paar Minuten. Die Anspannung wird immer größer, bis ich mich endlich abstoße und nach unten schwinge. Im oberen Teil liegt guter Schnee, also lasse ich die Ski laufen, den Rest übernimmt die Schwerkraft. Sofort bin ich im Flow! Für diesen Moment hat sich der mühsame Aufstieg gelohnt! Das Couloirfahren überwältigt mich jedes Mal wieder. Es hat etwas Beängstigendes und Magisches zugleich: Zwischen zwei Felswänden eingekeilt zu sein und dem schmalen Schneeband zu folgen ist ein wunderschönes Gefühl. Weit unter mir erkenne ich Hauni und Stefan als winzige Punkte.

Hauni ist in einem Zug durchgefahren! Das schaffe ich nicht, muss immer wieder anhalten. Meine Oberschenkel brennen wie Feuer. Die Rinne will einfach kein Ende nehmen! Als ich endlich unten ankomme, bin ich schweißgebadet und überglücklich. Wir fallen uns in die Arme und sind uns einig: Für jeden war es eine der besten Linien, die wir bisher gefahren sind.

Balkan Express
© Andreas Vigl
Balkan Express
© Andreas Vigl
Balkan Express
© Andreas Vigl
Balkan Express
© Andreas Vigl
Balkan Express
© Andreas Vigl

Fahrer: Matthias Haunholder, Stefan Ager

Mehr aus Russland