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Russland · Kamtschatka (Tolbatschik)

Kamchatka – The Peninsula of Fire and Ice

Ausgabe 2013 · Text: Anders Wingqvist · Fotos: Fredrik Schenholm · 5 min Lesezeit

Kamchatka – The Peninsula of Fire and Ice

Weniger als 20.000 Touristen verirren sich jährlich auf die russische Halbinsel Kamtschatka zum Heliskiing, Fischen oder Bergsteigen. Fotograf Fredrik Schenholm, Skifahrer Oscar Hübinette und ich …

Weniger als 20.000 Touristen verirren sich jährlich auf die russische Halbinsel Kamtschatka zum Heliskiing, Fischen oder Bergsteigen. Fotograf Fredrik Schenholm, Skifahrer Oscar Hübinette und ich hatten keinerlei Interesse daran, Braunbären zu begegnen oder Lachse zu fangen, genauso wenig hatten wir das Budget, Heliskiing zu buchen. Daher beschlossen wir, möglichst preiswert und auf eigene Faust zu reisen und auf einem Vulkan namens Tolbatschik Ski zu fahren. Das östlichste Eck Russlands übertraf unsere Erwartung an endlos fließenden Wodka, King-Crab-Dinner und Plattenbauten.

Der Aufenthalt bot aber auch unerwartetes Abenteuer: Skitouren, heiße Lava, wütende Stürme und eine zehntägige Wartezeit während ihrer atemberaubend schönen und gefährlichen Reise auf die Halbinsel aus Feuer und Eis. Nach der Landung des riesigen russischen M18 Transporthubschraubers am Fuß des 3.682 Meter hohen Tolbatschik ordnen wir unsere Ausrüstung. Der aktive Vulkan mit seinen Rauchfahnen sieht beeindruckend schön und gefährlich aus. Mit uns flogen der russische Bergführer Alexander „Sasha“ Bichenko, der als Ranger im Tolbatschik-Park arbeitet, und seine drei Kunden. Sasha führt uns sofort zum Lavastrom, nur wenige hundert Meter vom Camp entfernt.

Er steckt einen soliden Metallstab in die glühende Lava, hebt einen Batzen heraus und legt uns die honigähnliche Masse vor die Füße. Während Sasha mit der Lava spielt, fängt sein Stiefel an zu schmelzen. Sasha grinst breit – ein ansteckendes, kindliches Grinsen. Man glaubt kaum, dass dieser fünfzigjährige Mann den Everest bestiegen hat, und auch auf dem 4.750 Meter hohen Kljutschevskaja Sopka, dem höchsten der 160 Vulkane Kamtschatkas, stand er. Oben am Kraterrand traf ihn das Gestein eines kleinen Ausbruches, und er verlor ein paar Zähne, wie er lachend erzählt. Als sich die Nacht über die Vulkanlandschaft legt, stehen wir still am Krater des Tolbatschik und staunen den Sonnenuntergang und das austretende Magma an.

Sobald das geschmolzene Gestein aus dem Krater geschleudert wird, nennt man es Lava, die nun in roten Bächen bergab fließt. Es ist ein sehr ursprüngliches Naturerlebnis. Die Erschaffung der Planeten. Flüssiger Fels. Hitze. Die Hölle. Das Innere der Erde. Und dies ist keine TV-Dokumentation. Wir sind wirklich in Kamtschatka, im nordöstlichsten Winkel Asiens, weit weg von zuhause. Nach einer Woche mit Skifahren, leichten Touren im Skigebiet von Moroznaya, King-Crab-Abendessen mit heimischem Wodka und Sightseeing in Yelizovo und Petropavlovsk beginnt endlich unser Abenteuer: Skifahren auf dem Vulkan.

Wir entschieden uns für die 464.275 Quadratkilometer große Halbinsel Kamtschatka, nachdem wir in der Fernsehdokumentation „Wildes Russland“ ihre schneebedeckten Vulkane und magischen Landschaften gesehen hatten. Wäre Kamtschatka ein eigenständiges Land, würde es der Größe nach noch vor Neuseeland an 75. Stelle der Welt rangieren. Wir wollten im Zelt schlafen und Skitouren auf Vulkane unternehmen. Da wir lieber ohne Reiseagentur unterwegs sind, begann unser Abenteuer mit jeder Menge Vorbereitungen. Nützliche Informationen auf Englisch waren schwer zu finden, so wurden wir Profis in der Benutzung von Google Translate. Das alles ist jetzt vergessen, als wir nach einer bitterkalten Nacht mit bis zu -30 Grad Celsius aufwachen.

Das Schlafen war noch kein Problem in jeweils zwei Schlafsäcken, Unterwäsche und Mütze. Doch schon beim Frühstück sehen wir uns mit den ersten Schwierigkeiten konfrontiert: Die Skistiefel sind steinhart und die Wasserflaschen komplett eingefroren. Wir stellen beides neben die heiße Lava: Problem gelöst. Endlich können wir das machen, warum wir hierhergekommen sind: wir brechen zum Tolbatschik-Gipfel auf. Der Schnee mutiert von weiß zu schwarz. Die frisch gefallene Asche malt verblüffende Muster in den Schnee. Vorsichtig setzen wir die Ski auf, um die Felle nicht unnötig zu strapazieren. Asche kann wie feine Glaspartikel der Ausrüstung schwer zusetzen. Der aktive Vulkan grummelt hinter uns, als wir Richtung Kraterrand spuren.

Wolken ziehen auf, und als es langsam dunkel wird, brechen wir ab, ohne den Gipfel erreicht zu haben. Die Abfahrt ist surreal. Vor uns der Lava spuckende Krater, unter uns feinster Powder. Hitze und Kälte. Feuer und Eis. Wir fahren zum Camp ab. Der Beginn der Hölle in Kamtschatka. In der Nacht frischt der Wind auf, und am Morgen trifft uns ein massiver Sturm. Unsere Zeltstangen brechen. Wir versuchen sie zu reparieren, doch es ist ein Spiel, das wir nicht gewinnen können. Glücklicherweise sind wir nicht allein und ziehen um zu Sasha und seinen Kunden. Wir können kaum schlafen bei dem tobenden Wind, der Vulkangestein und Sand auf unsere Zelte schleudert. Als wir aufwachen, ist der Sturm vorbei. Ruhe. Am Abend soll uns der Hubschrauber abholen.

Über das Satellitentelefon erfahren wir jedoch, dass ein neuer Sturm aufzieht und der Heli nicht starten kann. Die übrigen Zelte werden einen weiteren Sturm nicht überstehen, daher beschließen wir, das Camp abzubrechen und in der Tolud-Hütte gut 13 Kilometer weiter im Tal Schutz zu suchen. In dieser Hütte wohnen russische Geologen, die die Eruptionen des Tolbatschik untersuchen. Der Sturm trifft uns nur Minuten von der Hütte entfernt. Wind und Schnee begrenzen die Sicht auf weniger als einen Meter. Wir sind froh, als wir das kleine, dunkle Gebäude erreichen. Drinnen sitzen vier Geologen an einem alten Holztisch und begrüßen uns... „Wodka?“, fragt einer. Die Wärme der Hütte tut gut, aber der Beigeschmack ist bitter.

Es ist der erste von zehn Tagen, die wir isoliert bleiben, auf dem kalten Boden schlafend, mit zur Neige gehenden Essensvorräten, Karten spielend und Russisch lernend. Wir hatten drei bis vier Tage für den Tolbatschik geplant. Am Ende sitzen wir 14 Tage fest. Das Hubschrauberunternehmen kommt zu keinem der vereinbarten Termine, ist aber kreativ bei den Ausreden: Keine Piloten, kein Heli, schlechte Sicht, zu viel Wind, ein Hubschrauber abgestürzt... Endlich hören wir um die Mittagszeit an einem der letzten Märztage Rotorengeräusch. Ist es wirklich wahr? Die Maschine kreist über der Hütte, bevor sie aufsetzt. Schnell besteigen wir den M18 und sind in der Luft, und wir lassen den Tolbatschik und seine weiße Rauchsäule hinter uns. Atemberaubend, wunderschön – und gefährlich.

Kamchatka – The Peninsula of Fire and Ice
© Fredrik Schenholm
Kamchatka – The Peninsula of Fire and Ice
© Fredrik Schenholm
Kamchatka – The Peninsula of Fire and Ice
© Fredrik Schenholm
Kamchatka – The Peninsula of Fire and Ice
© Fredrik Schenholm
Kamchatka – The Peninsula of Fire and Ice
© Fredrik Schenholm

Fahrer: Oscar Hübinette

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