Österreich · Silvretta (Heidelberger Hütte)
Between Seasons
Ausgabe 2017 · Text: Bernd Hassmann · Fotos: Valentin Rapp · 4 min Lesezeit

Übergangszeit – die Zeit im Jahr, in der oft zu viel Schnee zum Bergsteigen oder Klettern liegt, die weiße Pracht allerdings in den Bayerischen Alpen auch nicht (mehr) zum Pisteln oder Skitourengehen …
Übergangszeit – die Zeit im Jahr, in der oft zu viel Schnee zum Bergsteigen oder Klettern liegt, die weiße Pracht allerdings in den Bayerischen Alpen auch nicht (mehr) zum Pisteln oder Skitourengehen reicht. Auch in dieser Wintersaison sah es ganz nach einem frühzeitigen Einlagern der Wintersportgeräte aus. Also, Ende März: Tausch der Telemark-Ski gegen Mountainbike und los ging's! Innerlich mit etwas Wehmut verbunden, nachdem der Winter 2016/2017 spät begann und früh beendet schien. Ja, oft beschert Frau Holle uns im April oder Mai nochmal ein kurzes Schneeintermezzo, was jedoch nur für Verkehrschaos, nicht aber für eine Aufrechterhaltung des Skibetriebs reicht.
Drei Bike-Touren später kommt eine Meldung am Handy, die jedem passionierten Wintersportler feuchte Hände bereitet: Powderalarm, und nicht zu knapp! Mehr als einen Meter Neuschnee soll es Anfang der Woche innerhalb von gut 48 Stunden in den Ostalpen geben und dem Winter doch noch einen versöhnlichen Abschluss mit Skitouren-Verlängerung beschweren. Wochenende herbeisehnen, Tourenpartner finden. Bike weg. Ski raus. Silvretta, ich komme! Mit der Heidelberger Hütte steht am östlichen Ende der Silvretta eine Alpenvereinshütte mit perfekter Lage für anstehende Gipfelbesteigungen (Sommer wie Winter) in der jetzt tief verschneiten Gebirgswelt.
Während das Gros der Bergsportler über Ischgl mit der Bahn den Hüttenzustieg verkürzt, fällt unsere Wahl auf den Weg über das Laraintal – ok, auch hier lässt der Silvretta-typische Talhatscher nicht lang auf sich warten, die Kulisse allerdings ist mehr als umwerfend: Steile, schneebedeckte Wände vor blauem Himmel, soweit das Auge reicht, das weiß verschneite Fluchthorn im Talschluss immer im Blick und vollkommene Einsamkeit mit einer fast schon gespenstischen Ruhe. Da lässt es sich doch genüsslich spuren. Wenn nur die Aprilsonne nicht so heiß am Himmel stehen würde! Lohn unserer Mühe: das Ritzenjoch auf 2.688 Metern, das erst jetzt den Blick auf unsere Unterkunft für die nächsten beiden Nächte freigibt.
Bevor uns das wohlverdiente Kaltgetränk auf der Sonnenterrasse kredenzt wird, steigt die Vorfreude auf den weißen Pulver, der mit flowigen Telemark-Turns und breitem Grinsen entjungfert werden soll, fast ins Unermessliche. Also schnell die Felle runter, Gipfel-Snickers einwerfen und „Swiiiiii-ishhh!!“. Erstaunlich, dass wir trotz der langen Sonneneinstrahlung noch fast bis zur Hütte feinsten Lockerschnee vorfinden. Nicht schlecht für Mitte April. So kann es die nächsten Tage weitergehen! Die geräumige Heidelberger Hütte mit ihren gut 120 Schlafplätzen ist dabei ein super Ausgangspunkt für viele unterschiedliche Touren. Unsere gilt es nun noch auszuarbeiten.
Nach einer längeren Diskussionseinlage beim vorzüglichen Abendessen entschließen wir uns, die Krone mit ihren 3.188 Metern in Angriff zu nehmen. Allerdings nicht über das Kronenjoch auf der Südseite, sondern über den etwas anspruchsvolleren Nordanstieg – Gipfelkraxelei inklusive. Durch die günstige Lage unserer Unterkunft ist man bereits mitten im Gebirge und spart sich die Anfahrt mit dem Auto und lange Zustiege zu Fuß und den Ski am Rucksack. Heißt: Frühstück um 7:00 Uhr, Ski anschnallen um 7:30 Uhr – damit lässt sich arbeiten. Der über Nacht aufgezogene Wind lässt draußen eher auf Anfang Februar statt Ende April schließen, was uns aber abgelenkt vom wolkenlosen Bergpanorama in der Morgensonne nicht im Geringsten lähmen soll.
Gemeinsam mit Thilo, Alfred und Aaron, die sich uns für den heutigen Tag anschließen, heißt es nun erst einmal Meter machen! Allerdings wird uns schnell klar, dass sich die Lawinenbedingungen im Vergleich zum Vortrag deutlich geändert haben. An einem geeigneten Ort zücken wir unsere Lawinenschaufeln, um einen Blick in die Schneedecke zu werfen. Das eher mittelmäßige Ergebnis wird einheitlich mit „Heute nichts riskieren!“ bewertet. Somit fallen einige Abfahrtsoptionen bereits durch das Risikomanagement-Raster, was uns aber nicht weiter stört, gibt es doch unzählige Alternativen mit identischem Spaßpotenzial. Aber erst einmal müssen wir rauf! Scharte ansteuern, Ski deponieren, Steigeisen anlegen und hinauf auf den Gipfel.
Gespickt mit einigen ausgesetzten Kletterstellen will die Krone erobert werden – dafür belohnt der höchste Punkt mit einem Panorama über das komplette Silvretta-Gebirge. Lange verweilen wir allerdings nicht, denn mit zunehmender Höhe hat auch der Wind gehörig an Fahrt aufgenommen. Halb so wild – die bevorstehende Abfahrt ist hier Antrieb genug, ohne lange Pause zu unseren Brettern zurückzukehren. Und so düsen wir über unberührte, weiß verschneite Hänge zum Ausgangspunkt zurück. Enorme Riesenturns statt steilem Rinnengehacke, lockerer Frühjahrsschnee statt festgefrorenem Plattenbeton. So macht April Spaß. Besonders, wenn man den Abend noch mit einem vorzüglichen Essen ausklingen lassen kann.
Der Wetterbericht für Sonntag: Leichter Schneefall und Nebel bis zum späten Vormittag, danach zunehmende Sonnenlücken bis hin zu blauem Himmel. Heißt: Länger schlafen und keine Hektik aufkommen lassen. Das kriegen wir hin! Die ersten Höhenmeter beginnen wir noch im Whiteout in Richtung Heidelberger Spitze, unserem Ziel für heute. Je höher wir kommen, desto mehr gibt das umliegende Gebirge von seiner Schönheit preis. Als dann wie angekündigt (auch wenn wir in der Nebelsuppe nicht wirklich daran geglaubt haben) die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen, steht der täglichen Dosis Endorphinen nichts mehr im Weg und wir bahnen uns unseren Weg zum heutigen Skidepot. Zwischen uns und dem Gipfelglück steht nur noch ein grober Felsklotz.
Eine ausgesetzte Kletterstelle mit Skischuhen und frischer Schneeauflage wird zum spannenden Finale unserer Tour. Was will man mehr? Ach so... abfahren dürfen wir ja auch noch! Und das bei absolut „übergangszeittauglichen“ Schneeverhältnissen.





Fahrer: Bernd Hassmann, Thilo Rek, Aaron Steffen



