Österreich · Stubai Alps (Wilder Pfaff)
Blessed Moments
Ausgabe 2016 · Text: Florian Häusler · Fotos: Bastian Morell · 5 min Lesezeit

Es war schon länger her, dass wir drei, Tobi, Bastian und ich für mehrere Tage in den Bergen waren. Der Job, die Familie und das Studium hatten uns im Griff und gaben den Alltag vor. Oft konnten wir …
Es war schon länger her, dass wir drei, Tobi, Bastian und ich für mehrere Tage in den Bergen waren. Der Job, die Familie und das Studium hatten uns im Griff und gaben den Alltag vor. Oft konnten wir nur für ein paar Stunden in der näheren Umgebung unterwegs sein. Jetzt aber waren unsere Rucksäcke mit Verpflegung und Ausrüstung für drei Tage gepackt! Wir wollten die Einsamkeit, das minimalistische Hüttenleben im Winterraum, die weitläufige Gletscherlandschaft der Stubaier Alpen genießen und dabei einige anspruchsvolle Abfahrten machen. Soweit der Plan. Das Wetter war allerdings nicht optimal vorhergesagt. Es sollte schon am Abend des zweiten Tages umschlagen.
Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, versuchten wir unser Glück und hofften auf ein beeindruckendes Abenteuer mit ganz besonderen Momenten. Ein leichter Harschdeckel knirschte unter unseren Skiern, als wir das letzte Gletscherbecken überquerten. Der Winterraum der Hildesheimer Hütte, unser heutiges Nachtlager, war bereits in Sichtweite. Der Bau stand bedrohlich nahe an der senkrecht abfallenden Felswand direkt über uns. Mit den Skiern am Rucksack überwanden wir nun die letzten Höhenmeter auf einem schmalen Felsgrat zur Hütte hinauf. Das Gepäck samt Verpflegung machte sich mittlerweile am Rücken bemerkbar, doch wir motivierten uns gegenseitig ein letztes Mal.
An der Hütte angekommen, hieß es, zuerst Feuer machen, die nassen Felle und Klamotten zum Trocknen aufhängen und Schnee schmelzen. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages konnten wir in der beeindruckenden Bergkulisse der Stubaier Alpen vor der Hütte genießen. Nach dem Sonnenuntergang gab es warme Suppe und eine ausgiebige Brotzeit zum Abendessen. Danach studierten wir im flackernden Kerzenlicht nochmal die Karte und diskutierten unsere Möglichkeiten für den nächsten Tag bei einem Glas Wein. Wir fanden einige vielversprechende Couloirs und schöne Gipfel. Dank der Lawinensituation und dem sternenklaren Himmel waren wir guter Dinge. Einzig der Wetterbericht trübte unsere Stimmung etwas. Er war durchwachsen für den nächsten Tag.
Dennoch wollten wir früh starten, im besten Fall zum Sonnenaufgang auf unserem ersten Gipfelziel stehen, dem Wilden Pfaff (3.456 Meter). Bereits recht früh fielen wir erschöpft, aber mit einem Grinsen im Gesicht, in unsere Schlafsäcke. Das war ein Hüttenabend ganz nach unserem Geschmack. Pünktlich um drei Uhr morgens klingelte der Wecker, lange vor dem ersten Tageslicht. Ein verschlafener Blick aus dem Fenster ließ nichts Gutes erahnen. Statt eines Sternenhimmels waren nur Wolken zu sehen. Doch die Enttäuschung hielt nur kurz, wir hofften auf den Wetterbericht und zumindest ein wenig Sonne. Nach einem kurzen Frühstück standen uns erst ein paar Meter Abfahrt bevor. Immer noch derselbe Harschdeckel wie am Vortag.
Nach dem Auffellen ging es im Schein der Stirnlampen an den Aufstieg, Schritt für Schritt, Meter für Meter, im Takt mit dem immer schneller pochenden Puls. Wir drei genossen die völlige Ruhe und Abgeschiedenheit. Allein auf dem weiten Gletscherfeld, kein Licht und keine Menschenseele weit und breit. Mit dem Einsetzen der Dämmerung peitschte uns ein kalter Wind ins Gesicht, es wurde immer kälter und der Schnee unter unseren Skiern eisiger. So gut es ging, packten wir uns in unsere Kapuzen und Kragen ein. Die Wolken schienen etwas aufzulockern, und als wir kurz vor dem Gipfel um die letzte Geländekuppe bogen, trauten wir unseren Augen nicht: Im Tal hatte sich ein Wolkenmeer gebildet, und hoch am Himmel stand ebenfalls eine bedrohliche Wolkenschicht.
Dazwischen ging die Sonne auf und färbte alles goldgelb. Solch einen besonderen Moment auf dem Gipfel erleben zu dürfen, war mehr als eine Entschädigung für das frühe Aufstehen. Die Zeit schien still zu stehen. Die schier endlosen Gletscherfelder vor uns gingen direkt in das Wolkenmeer über und zeigten die Bergkulisse von ihrer imposantesten Seite. Schnell spürten wir wieder den eiskalten, pfeifenden Wind um uns, der zum Abstieg motivierte. Mit Steigeisen und Pickel kletterten wir die ersten Meter Richtung Übeltalferner ab und erreichten ein steiles durchgehendes Schneefeld. So früh am Morgen war auch die Südostflanke des Wilden Pfaff noch durchgefroren, so dass unsere Kanten lautstark übers Eis kratzten.
Die Abfahrt endete auf dem weitläufigen Übeltalferner. Unser nächstes Ziel war das Becherhaus. Es schien schon in Griffweite, doch das täuschte; es war ein langer Marsch. Die letzten Höhenmeter waren auch hier wieder im Klettersteig zu bestreiten. Der Wetterbericht hielt leider Wort, es zog schon wieder zu. Da kam uns die Mittagspause am sogenannten „Wolkenschloss“ gerade recht. Seinem Spitznamen machte das Becherhaus alle Ehre. Unglücklicherweise zogen die Nebelschwaden jedoch immer höher, und kurze Zeit später lag die Sichtweite bei unter zehn Metern. Wir zogen uns in den Winterraum zurück, wärmten uns auf und kochten zur Stärkung Krautschupfnudeln.
Nachdem keine Besserung in Sicht war und die Vorhersage ebenfalls immer schlechter wurde, machte es keinen Sinn, hier oben zu bleiben. Wir mussten unsere Tour abbrechen und suchten auf der Karte nach einer Abfahrtsmöglichkeit, was gar nicht so einfach war. Doch wir fanden eine Route, die zu bewältigen sein müsste, brachen auf und versuchten, uns im Nebel zu orientieren. Glücklicherweise riss es immer wieder kurzzeitig auf, so dass wir den gesuchten Felsgrat zielstrebig erreichten. Wir legten unsere Kletterausrüstung an und stiegen in leichter Kletterei den Grat hinauf. Über eine kurze Abseilstelle gelangten wir zum Beginn einer steilen Rinne, in der sogar noch etwas Pulver lag.
So kamen wir doch noch auf unsere Kosten und fuhren eine etwa 45 Grad steile Rinne ab. Sie spuckte uns erneut auf einem großen Gletscherfeld aus, durch das uns Tobias erneut sicher navigierte. Einige Kilometer talauswärts hatte uns die Zivilisation wieder, und es war klar, dass dies nicht der letzter Besuch in den Stubaier Alpen war. Die Tour hinterließ einen Vorgeschmack darauf, was hier alles möglich war.





Fahrer: Tobias Baur, Florian Häusler



