Österreich · Stubai Alps
Call it what you Want
Ausgabe 2022 · Text: Anton Brey · Fotos: Anton Brey · 3 min Lesezeit

Früher war alles besser! Ist das wirklich so? Freeriding gab es früher tatsächlich nicht so, wie es sich heute darstellt. Ungespurter Pulverschnee nach einem ergiebigen Schneefall war tagelang vorhanden und unberührt und nicht innerhalb von wenigen Stunden verspurt. Der Schnee…
Früher war alles besser! Ist das wirklich so? Freeriding gab es früher tatsächlich nicht so, wie es sich heute darstellt. Ungespurter Pulverschnee nach einem ergiebigen Schneefall war tagelang vorhanden und unberührt und nicht innerhalb von wenigen Stunden verspurt. Der Schnee war weißer, und es gab Skifahrer, die abseits der Pisten fuhren, und solche, die es vorzogen, auf der Piste zu fahren, um den Zirkus am Laufen zu halten. Aufgrund der damaligen Ausrüstung war die Community der Freerider eher klein. In den letzten 25 Jahren hat sich die Ausrüstung stark verändert. Dies führte dazu, dass es viel einfacher geworden ist, das Backcountry in seiner weißen Winterpracht zu erleben. Nicht alles, was glitzert, ist auch gleich perfekter Pulverschnee.
Und nicht jeder, der nach oben läuft, ist ein Tourengeher oder Freerider. Über dies und ein paar andere Dinge hat sich unser Backline-Autor und -Fotograf Anton Brey ein paar Gedanken gemacht. Die Wintersonne strahlt flach vorbei an Gipfeln und Graten ins Tal. Die in der kalten Luft schwirrenden Eiskristalle funkeln wie kleine Blitze. Weit und breit niemand. Die Felle sind schon aufgezogen. Skischuhe anziehen, Rucksack anlegen und der obligatorische LVS-Check, dann kann es losgehen. Das Knirschen des Schnees und die Art der Fortbewegung lässt einem das Herz aufgehen. Eine gleitende Bewegung – es ist einfach die schönste Art zu gehen.
Früher, so sagen zumindest die Alten, begann die SkitourenSaison im Februar, März und fand ihren Höhepunkt im April und Mai. Mittlerweile beginnt die Touren-Saison Ende Oktober auf den Gletschern und oft schon Anfang November, wenn denn der erste Schnee bis ins Tal fällt, auf den Pisten der noch nicht in Betrieb genommenen Skigebiete. Mitte November beginnen dann die Kunstschneesturm-Wochen mit Bruchharschdeckel an den äußeren Rändern des maschinell produzierten Weiß und der Schneekanonen-Slalom. Das hat meiner Meinung nach nichts mehr mit dem zu tun, für was das Skitourengehen für mich steht. Das soll kein Urteil sein, es ist halt so.
Für mich ist es eine Lebenseinstellung, für andere ein FitnessTool im Winter, um in der Zeit bis zum nächsten Trailrun oder der ersten Rennradrunde die Kondition zu halten. Oder aber es ist nur eine gesellschaftliche Aktivität, um nach der Arbeit in einer schwatzenden Gruppe zur Skihütte für Nachtschwärmer zu pilgern. Letztlich suchen alle dasselbe: Körper und Geist in der Balance halten. Dass die Zahl derer, die Touren gehen, immer weiter anwächst, ist nichts Neues. Wie frei ist man als „Freerider“ unter dem Diktat der Seilbahnen? Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis man an der Hatz ermüdet, als erster den unverspurten Hang zu befahren. Das Gedränge in der Bahn und der damit einhergehende Stress.
Tiefenmeter zu konsumieren, den richtigen Spot für den Social Media-Post zu finden und in Gedanken damit beschäftigt, wie am Ende des Tages die Instagram Story aussehen wird. Also noch schnell die Action Kamera am SelfieStick montieren. Zum weißen Rausch kommt jetzt noch die virale Sucht. Und so ist es doch nur umso verständlicher, dass über kurz oder lang die Erkenntnis keimen muss, wie wenig Freiheit das Freeriden ist, wenn man es auf diese Art und Weise betreibt. Waren es bis dahin Alpinisten und Leistungssportler, die mit Fellen unter den Skiern unterwegs waren, um 500 Schwünge in einen Hang zu ziehen oder in kürzester Zeit möglichst viel Höhenmeter zu absolvieren, so ist nun eine abfahrtsorientierte Generation am Berg, die kreativ unterwegs ist und die standardisierten Routen verlässt, um neue Wege zu gehen.
In den Jahren vor 2019 war dies ein stetig steigender Prozess, der die alt eingefleischten Tourengeher jammern ließ: „So viele waren ja noch nie am Vis-a-Vis-Kogel, wo kommen die alle her, gibt es einen neuen Skitourenführer?“ Nein, der ist schon 15 Jahre alt, aber irgendwie hat es am Hauptkamm keinen Schnee, dann stöbert man eben in der Bibliothek herum und wird fündig. „Früher war alles besser.“ Ja genau – das Gras war grüner und der Schnee weißer. Seit vergangenem Winter wissen wir, dass da noch verdammt viel Luft nach oben ist. Egal, wie auch immer man den Tag in den Bergen verbringt, das wichtigste ist doch das Erlebte. Und die eigene Zufriedenheit.





Fahrer: Karen Eller, Robert Grillhösl, Christian Neiger, Jörg Pflugmacher, Uli Steiner



