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Österreich · Zillertal Alps

Daydream or Nightmare?

Ausgabe 2020 · Text: Roman Rohrmoser · Fotos: Tom Klocker · 5 min Lesezeit

Daydream or Nightmare?

Fast täglich habe ich die Bilder in meinem Kopf. Ich werde nervös, konzentriere mich, es verfolgt mich wie ein Fluch. Steilwandfahren. Meist weckt mich meine Tochter aus den Tagträumen, rüttelt mich …

Fast täglich habe ich die Bilder in meinem Kopf. Ich werde nervös, konzentriere mich, es verfolgt mich wie ein Fluch. Steilwandfahren. Meist weckt mich meine Tochter aus den Tagträumen, rüttelt mich wach, will mit mir spielen. Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder diese Steilhänge zu fahren. 2010 hatte ich in der Pallavicini Rinne am Großglockner bereits den Tod vor Augen. Aber es hat mich nie loslassen, das Steile, Ungewisse, Gefährliche. Meist bewegt man sich dort nur im Schatten. Es ist kalt und eisig. Bei einem Sturz drohen massive Verletzungen, ja gar der Tod. Lieber bin ich in der Sonne und im Powder unterwegs. Aber der Reiz des Ungewissen ist geblieben. So auch dieses Mal. Außerdem war es ziemlich sicher eine Erstbefahrung.

Und das direkt vor meiner Haustür. Es war ein wunderschöner Tag im Mai. Ich saß im Auto und fuhr das Zillertal Richtung Süden nach Hause. Das hohe Nachmittagslicht beleuchtete ein paar Flecken einer steilen, felsigen und scheinbar unbefahrbaren Rinne. Ich sah wieder auf die Fahrbahn, konnte mich aber kaum auf den Verkehr konzentrieren. Also hielt ich am Straßenrand und nahm das Fernglas zur Hand. Ein Jahr später im Sommer. Nach ein paar Stunden auf Google Maps stand der Plan. Hoch zum Stillupspeicher, drei Stunden über den Jagdsteig, dann etwas durch die Latschen und schon am Eingang besagter Rinne, die ohne Schnee jedoch völlig anders als erwartet aussah. An diesem Tag war sie eher eine gefühlt senkrechte, 500 bis 600 Meter hohe Felswand...

„Oh weh, was habe ich eigentlich wieder für eine dumme Idee gehabt?“ Das war's, zurück zum Auto. Ein weiteres Jahr verging, dann kam der Winter. Ich brachte meiner damals zweieinhalbjährigen Tochter das Skifahren bei. Dafür waren wir am Ahorn, Teil des Skigebiets oberhalb von Mayrhofen. Von dort hatte ich freien Blick auf eine alte Bekannte auf der anderen Talseite, dieses Mal sehr gut mit Schnee gefüllt... „Das gibt's ja nicht,“ dachte ich mir. Die Flanke sah einfach zu gut aus. Der Zustieg könnte etwas schwierig sein, der Aufstieg in der Rinne vielleicht auch, aber die Abfahrt müsste passen, wenn die Verhältnisse gut sind. Natürlich gäbe es noch andere Faktoren, die zu berücksichtigen wären.

Während der Mittagspause auf der Skihütte sah ich ständig mit dem Fernglas zu der Flanke hinüber. Mein Entschluss stand fest. Diese Rinne musste ich fahren. Es wurde Frühjahr. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht an mein Vorhaben denken musste. Nun war es an der Zeit, den besten Zustieg zu finden. Nachdem ich keinen meiner Freunde hatte überzeugen können, ging ich alleine los. Es war sieben Uhr, Lawinenwarnstufe eins und kaum noch Schnee. Der Zustieg war die erste Hürde. Der Sommerweg war im Sommer schon nicht ganz einfach und im Winter unmöglich. Als Zustieg bot sich nur noch die Hauptrinne unter dem Dristner (2.767 Meter) an.

Allerdings ist die nicht ungefährlich – alte Lawinen, Felsbrocken, außerdem fand ich im alten Lawinenkegel zwei tote Gämsen. Ein anderer Plan musste her. Ich suchte weiter. Nach zweieinhalb Stunden fand ich schließlich einen möglichen Durchgang mit direktem Zustieg vom Stausee. Noch einmal zweieinhalb Stunden später stand ich am Fuß der Rinne und hatte die Hose schon wieder voll: steil, schattig, einfach nur brutal. Ich machte ein paar Fotos. Ich wusste, dass ich dieses Ding fahren musste, aber nicht alleine. Wieder zu Hause folgten unzählige Gespräche, etliche geplatzte Termine für die Tour, schlechtes Wetter, Lawinengefahr, Verletzungen und mehr. März 2019.

Fünf Jahre, nachdem ich die Rinne zum ersten Mal entdeckt hatte und drei Jahre nach meinem ersten Versuch einer Befahrung. Es hatte zwei Wochen nicht geschneit, oberhalb von 2.500 Metern herrschte Lawinenwarnstufe zwei. Das Wetter und die Temperatur passten. Das war der Tag der Tage! Fabian Lentsch und Markus Ascher wollten im Zillertal eine Homestory für die Snowmads filmen. Ich erzählte ihnen von meiner Idee, und sie waren sofort begeistert. Mit dabei waren außerdem Tom Klocker als Fotograf sowie Julian Pintarelli und Marco Freudenreich als Filmer. Am 3. März um sechs Uhr morgens machten wir uns im Stilluptal auf den Weg.

Nach einer Stunde Zustieg auf Fellen wurde es langsam steiler; eine weitere Stunde später machten wir bereits Spitzkehren, dann hieß es abschnallen. Noch zwei Stunden und wir erreichten endlich den Einstieg in die Flanke. Ein Filmer und unser Fotograf würden hier unten bleiben. Der zweite Kameramann war bereits auf der gegenüberliegenden Talseite platziert, außerdem hatten wir die Drohne dabei. Fabi, Markus und ich gingen los. Die Bedingungen waren nicht unbedingt optimal: gepresster Winddeckel, teilweise unangenehm eisig. Nachdem wir nach zwei Stunden die 600 Höhenmeter bis zum Ausstieg der Blaser Nordwestwand (2.695 Meter) geschafft hatten, waren wir vom Aus- und vor allem dem Tiefblick fasziniert.

Unter uns lagen 1.800 Meter Respekt einflößendes Gelände. Es war mittlerweile 14 Uhr. Wir beschlossen, einzeln in die Rinne einzufahren. Es war ein extremes Gefühl, die ersten Schwünge fühlten sich nicht sehr gut an. Die leichten Tourenski, die müden Beine und immer der Gedanke im Kopf: „Ich darf nicht stürzen!“ In Situationen wie dieser setzt jedoch nach wenigen Metern bei mir die volle Konzentration ein. Nach nur zwei Minuten Abfahrt war alles vorbei. Am Ausgang der Rinne kam die Erleichterung: Endlich ist es getan, die Rinne ist befahren. Mittlerweile blicke ich ohne Nervosität und Unruhe zu der Rinne hinüber. Das Projekt ist erledigt, und so schnell sieht man mich dort nicht wieder.

Mittlerweile ist es jedoch meine Tochter, die die Rinne entdeckt hat und mir jedes Mal wieder mitteilt, dass sie da einmal hinunterfahren möchte. Gut, dass das noch eine Weile dauern wird. Aber allein dieser Gedanke macht mich dann doch wieder ein wenig nervös...

Daydream or Nightmare?
© Tom Klocker
Daydream or Nightmare?
© Tom Klocker
Daydream or Nightmare?
© Tom Klocker
Daydream or Nightmare?
© Tom Klocker
Daydream or Nightmare?
© Tom Klocker

Fahrer: Markus Ascher, Fabian Lentsch, Roman Rohrmoser

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