Frankreich · Hautes Alpes (Queyras)
Friends on a Touring Day
Ausgabe 2021 · Text: Enak Gavaggio · Fotos: Dom Daher · 4 min Lesezeit

Am 9. Januar 2020 sprachen die französischen Nachrichten über einen neuen Virus namens Covid-19. Zu dem Zeitpunkt war es nur ein kleines Gesundheitsproblem in China, aber am 17. März kam der erste …
Am 9. Januar 2020 sprachen die französischen Nachrichten über einen neuen Virus namens Covid-19. Zu dem Zeitpunkt war es nur ein kleines Gesundheitsproblem in China, aber am 17. März kam der erste Lockdown. Skigebiete wurden geschlossen und Skifahren durfte man nur innerhalb von 2 Kilometer Luftlinie vom eigenen Zuhause. Wir wurden aufgefordert, diese Anordnung nicht zu verletzen, um das Risiko von Unfällen und damit eine Überfüllung der Krankenhäuser zu vermeiden. Am 12. Dezember verkündete die Regierung, dass die französischen Skigebiete geschlossen bleiben würden. Und es wurde eine Ausgangssperre für 17 Uhr festgelegt. Die Moral der französischen Skifahrer war auf dem Tiefpunkt. Keine Skilifte, keine Aperitifs, keine Restaurants.
Aus der Not heraus blieb allen nur noch das Skitourengehen. Selbst Skifahrer, die normalerweise einen 120er-Flex-Skischuh gewohnt waren, verfielen langsam, aber sicher dem Skitourengehen. Ausdauersportler tauschten ihre ultraleichten Stretch-Stirnbänder gegen dicke Strickmützen, und Freeride-Enthusiasten wählten Skier mit nicht weniger als 106 mm unter der Bindung und verzichteten auf ihre ultraleichten Bretter, um maximalen Spaß zu haben. Das Klientel am Berg änderte sich schlagartig. Einige Skigebiete markierten Wege für den Aufstieg und Hänge für die Abfahrt, um ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Aber das war selten. Der Rest der Skigebiete war einfach verwaist, die Natur hatte die Oberhand gewonnen, die Pisten waren leer.
Skigebietskarten gehörten der Vergangenheit an. Jetzt waren es ein Haufen Smartphone-Apps, inklusive GPS-Navigation und Wetter- und Lawinenvorhersagen. Skifahrer mussten neu lernen, die Berge zu lesen, die Himmelsrichtungen und Windrichtungen zu bestimmen, und vieles mehr. Angesichts der surrealen Nachrichten, die uns im Fernsehen und im Internet verfolgten, fühlten wir uns in der Einsamkeit der Berge geschützt. Weit weg von allem und gut aufgehoben. Als ob der Schnee eine Barriere wäre, fast wie ein Covid-Impfstoff. Wir blieben in den Bergen und schlossen die Augen vor der Realität. Unsere Gespräche hielten sich in Grenzen – die neuesten Nachrichten über Covid und die nächste Skitour.
Die Krise blieb für uns unsichtbar, bis auf die seltsam einsamen Skigebiete, die uns immer wieder daran erinnerten. Als unser Skidurst gestillt war, blieb ein saurer Nachgeschmack. Das Gefühl verstärkte sich so schnell wie eine Lawine. Es mag seltsam klingen, aber inmitten des Lockdowns wollten wir mehr denn je unsere Erfahrungen teilen, uns mit anderen Skifahrern über unsere Abenteuer austauschen. Freundschaften waren das, was wir am meisten vermissten. Der berühmte Satz „No friends on powder days“ wurde schnell durch „Brauche Freund am Tourentag“ ersetzt. Also beschlossen wir, einen Roadtrip zu machen. Erster Schritt: Die Kalender koordinieren.
Jeder dachte, er hätte alle Zeit der Welt, aber das war nicht der Fall, also mussten wir uns für einen Tag entscheiden. Sollten wir auf Powder treffen, großartig, wenn nicht, auch großartig, denn bei diesem dreitägigen Roadtrip ging es nicht ums Skifahren, sondern um das gemeinsame Erlebnis. Zweiter Schritt: Wegen Corona waren alle Hotels geschlossen. Aber wir hatten zwei Wohnmobile; und wir ziehen diesen Lebensstil jedem Hilton vor. Ein Luxus-Camper und ein Hippie-Van würden vollkommen ausreichen. Dritter Schritt: Wohin sollte es gehen? Jeder zückte sein Smartphone, und 20 Minuten später wussten wir: Die Hautes Alpes in Frankreich bieten derzeit die besten Bedingungen.
Mir war das egal, denn ich wollte einfach nur mit meinen Freunden in einem Wohnmobil sitzen. Als wir um 17 Uhr auf einem Parkplatz ankamen und beschlossen, eine Sonnenuntergangstour zu machen (ohne die geringste Hoffnung auf einen Sonnenuntergang, aber mit der Gewissheit, zu frieren und auf superschlechtem Schnee zu fahren...), setzte Hektik ein und alle checkten ihre Ausrüstung. Es fühlte sich ein bisschen so an, als wären wir im Fahrerlager der Tour de France! Nachdem wir fast den ganzen Tag im Auto gesessen waren, wollten wir endlich gemeinsam auf Skitour gehen. Ein Roadtrip ist eigentlich ganz einfach: Autofahren, Skifahren, essen, schlafen, wiederholen...
Es war aufregend, frühmorgens loszufahren, um einen super Platz zum Skifahren zu finden und dann abends wieder weiterzufahren, um einen super Platz zum Schlafen zu finden. Auch wenn wir dabei nicht gerade den Kontinent durchquerten, gab uns dieser Roadtrip immer das Gefühl, echte Abenteurer zu sein, die etwas Außergewöhnliches tun – das Ziel am Ende egal. Ich habe in meinem Leben bereits drei Roadtrips nach Skandinavien zum Skifahren und Basejumpen gemacht, und ich muss sagen, dass diese Fahrt nur 300 Kilometer von meinem Zuhause entfernt den gleichen Effekt auf mich hatte: ein Gefühl von Abenteuer, von Freiheit. Was dieses kleine Abenteuer außergewöhnlich machte, war, dass wir uns die Zeit nahmen, es gemeinsam zu erleben.
Wir waren vier Freunde auf dieser wundervollen Reise durch die Alpen: Jeremy Prevost, ein Freeride World Tour-Teilnehmer, leidenschaftlicher Skifahrer, Skitourengeher und Kletterer, immer gut gelaunt und vor allem unser Luxuskoch. Mathieu Navillod, Mr. Elegance, ehemaliger Buckelpisten-Weltcupfahrer und Präsident einer Umweltorganisation. Dom Daher, mit dem ich die Welt bereist habe, ein talentierter Fotograf, der immer bereit ist, sich in jedes Abenteuer zu stürzen und der ursprünglich nicht einmal seine Kamera mitnehmen, sondern nur das Zusammensein mit seinen Freunden genießen wollte. Am Ende war es gut, dass er sie mitgenommen hat. Und als Krönung des Ganzen: ich selbst.
Der langsamste Bergsteiger, aber mit der Ausrede, eine riesige Drohne tragen zu müssen. Rückblickend – auch wenn die Wirtschaft in diesen beiden Wintern einen Sturzflug machte und niemand weiß, wie wir zur Art Normalität zurückkehren können – hat uns Covid deutlich gemacht: Die Berge sind wunderschön. Vor allem, wenn man sie mit seinen Freunden teilt!





Fahrer: Enak Gavaggio, Mathieu Navillod, Jeremy Prevost



