Österreich · Carnic Alps (Gartnerkofel)
Homerun at Gartnerkofel
Ausgabe 2013 · Text: Petra Rapp · Fotos: Anton Brey · 4 min Lesezeit

Eine sternenklare Vollmondnacht im Februar. Dazu endlich die passenden Verhältnisse für eine Erstbefahrung hier oben am Gartnerkofel. Was für eine außergewöhnliche Stimmung! Da hält man gerne inne …
Eine sternenklare Vollmondnacht im Februar. Dazu endlich die passenden Verhältnisse für eine Erstbefahrung hier oben am Gartnerkofel. Was für eine außergewöhnliche Stimmung! Da hält man gerne inne und genießt einfach den Augenblick und den ins Mondlicht getauchte Tiefblick auf die Heimat da unten. Klar träumt Vollblut-Freerider Alex Huber auch davon, in die Ferne zu ziehen. Nach Kanada, Alaska... irgendwann einmal, unbedingt. Doch richtig gute Spots mit vielen, noch völlig unbefahrenen Herausforderungen liegen auch ganz nahe: in den Kärntner Bergen, in Nassfeld-Hermagor, im landschaftlich reizvollen, weil äußerst abwechslungsreichen Dreiländereck Österreich-Slowenien-Italien.
Der 28-jährige Alex ist in Hermagor zu Hause, er hat die schönen Gipfel der Karnischen Alpen seit Kindertagen vor den Augen. Sein Blick geht schon immer lieber ins Unverspurte, und heute, als inzwischen erfahrener Freerider, ins Hochalpine, wo er immer wieder spannende Ziele entdeckt: die NNO-Rinne am Rosskofel (2.240 Meter) zum Beispiel oder den Ostgrat am Winkelturm (2.050 Meter), der nur über einen Klettersteig mit abschließender überhängender Traverse zu erreichen ist, oder die Schneisen am Kammleiten (1.955 Meter). Oder eben eine der Rinnen am Gartnerkofel (2.195 Meter), diesem beeindruckenden Felsmassiv am Karnischen Hauptkamm, rund acht Kilometer südwestlich von Hermagor, am östlichen Rand des Nassfelds.
An diesem Tag sprechen die Verhältnisse eindeutig für eine Erstbefahrung am Gartnerkofel. Es hat viel geschneit. Die Routen am Rosskofel und Winkelturm liegen im Schatten und sind ziemlich windverblasen. Das ist zu gefährlich. Alex und Toni entscheiden sich, die Erstbefahrung des Gartnerkofel-Ostmassivs durch die Südrinne in Richtung Garnitzenalm (1.640 Meter) zu versuchen. Strahlender Sonnenschein am frühen Morgen, das könnte ein richtig guter Tag werden! Den Aufstieg mit den Fellen zum Ostmassiv schaffen sie problemlos. In nicht einmal zwei Stunden sind sie oben, wo zwar auch alles ziemlich verblasen ist, sich aber ein genialer Ausblick auf die drei Länder eröffnet. Sie nehmen sich Zeit, genießen das Panorama und sind ein bisschen nervös.
Auch Alex hat noch keine der Rinnen hier befahren, die auf den Karten nicht besonders gut eingezeichnet sind. Die beiden wissen also nicht wirklich, was sie erwartet, zumal von oben alles anders aussieht als von unten. So stellen sie erst jetzt fest, dass der Einstieg in die Südrinne vom Gipfel aus nicht möglich ist, zumindest nicht ohne Kletterausrüstung mit Keilen, Haken und Seil. Alex und Toni beschließen, erst einmal über die Gartnerkofelscharte abzufahren und von unten zu schauen, was möglich ist. Die Abfahrt über das hügelige Gelände durch eine bizarre Baumlandschaft macht ihnen großen Spaß. Schönes, lockeres Einfahren! Unten geht der Blick wieder nach oben.
Drei, vier Rinnen sind von hier zu sehen, die ihres Wissens nach noch keiner vorher gewagt hat. Eine der zwei Nordrinnen des Ostmassivs müsste eigentlich klappen. Sie beschließen dort aufzusteigen, um von hier aus die Südrinne zu erreichen. „Müssten eigentlich nur etwa 300 Höhenmeter sein, die in 45 Minuten zu schaffen sind“, meint Alex. Sie fellen auf und stapfen los. Die schattige Rinne zeigt sich aber viel anspruchsvoller als erwartet. Der Aufstieg wird zum echten Kampf. Nach rund zwei Dritteln geht nichts mehr mit den Ski an den Beinen. Also Felle runter, Ski auf den Rucksack schnallen und zu Fuß weiter. Es liegt verdammt viel Schnee in der steilen, engen Rinne. Zum Teil Pappschnee, zum Teil weicher Triebschnee.
Das Gehen wird immer schwieriger, der Puls steigt, und beide kommen im teilweise brusttiefen Schnee ziemlich ans Limit. Erst nach zwei Stunden erreichen Alex und Toni schweißgebadet den Ausstieg und freuen sich, dass ihnen die Sonne ins Gesicht scheint. Sie stehen auf einer Wechte unterhalb des Gipfels, knapp 50 Meter östlich von dem Punkt, wo sie zuvor waren. Jetzt ist erst einmal eine kurze Erholungspause angesagt: Kräfte sammeln für das, was kommt. „Die Rinne vor uns ist etwa 35 bis 40 Grad steil. Wir wissen überhaupt nicht, ob sie befahrbar ist. Und das Gelände ist nicht ohne. Wenn es nicht geht, müssen wir halt wieder raufsteigen“, meint Toni. Beide tasten sich vorsichtig vor...
„Vor meinem schweren Unfall bei Dreharbeiten in Norwegen vor einigen Jahren wäre ich wahrscheinlich anders reingefahren. Da war ich noch viel unbesonnener, draufgängerischer und bin eigentlich immer volles Risiko eingegangen. Und habe oft und mit vielen Verletzungen dafür bezahlt. Das mache ich heute nicht mehr, da bin ich schon viel vernünftiger und verantwortungsbewusster geworden“, erzählt Alex später. Die jungfräuliche Rinne erwartet die beiden zum Teil mit Nassschnee, zum Teil mit einem leichten Deckel. Ein kleiner Sprung und es geht ab durch die Mitte der felsigen Rinne, die offenbar nur bei viel Schnee befahrbar ist, den sie zum Glück haben. Weiter unten tun sich zwei kritische Stellen mit ungewissem Ausgang auf.
Erst eine Art Zwischengraben, an dem sie sich langsam oberhalb am Grat hinunter arbeiten, um nicht mitten drin zu stehen, falls von oben Nassschneerutsche nachkommen. Weiter unten dann ein Steilabbruch, den sie von keiner Richtung einsehen können und unter dem sich vielleicht ein Wasserfall verbirgt. Sie wissen nicht, wo und wie sie da am besten herauskommen und steigen vorsichtshalber südseitig aus. Am östlichen Ende der Südflanke finden sie in einem Seitental eine sichere und lohnende Variante für die Abfahrt ins Tal – weite, lange Hänge hinunter in Richtung Garnitzenalm, beseelt und voller Adrenalin vom Erlebnis der Erstbefahrung. Doch die Seele soll noch mehr bekommen: Am frühen Abend steigen Alex und Toni noch einmal auf den Gartnerkofel. Und erleben einmalige Ausblicke und eine schöne Nachtabfahrt bei Vollmondlicht, das die Berge und Augen zum Leuchten bringt.





Fahrer: Alexander Huber



