Kanada · Purcell Mountains
Journey into the Wild
Ausgabe 2015 · Text: Steve House · Fotos: Christian Pondella · 5 min Lesezeit

Für mich gehört zu einer guten Reise ein anhaltendes Gefühl des Friedens, des Dazugehörens und der Verbundenheit zum Zielort, zu den Mitreisenden und zu sich selbst. Um den eigenen Kern zu entdecken …
Für mich gehört zu einer guten Reise ein anhaltendes Gefühl des Friedens, des Dazugehörens und der Verbundenheit zum Zielort, zu den Mitreisenden und zu sich selbst. Um den eigenen Kern zu entdecken, braucht es Vereinfachung, Bewegung, Schweiß, Blasen, Anstrengung und Entbehrung. Wir definieren uns über unsere Aufgaben, egal welcher Art. Sie geben Raum zur Selbstbegutachtung, und wir leben nach daraus resultierenden Überzeugungen. Vince und ich haben weltweit viele Berge gemeinsam bestiegen. 2005 den Nanga Parbat über die Rupalflanke, die höchste Wand der Erde. Wir trugen alles, was wir brauchten, selbst und mussten uns völlig aufeinander verlassen.
All diese Reisen mögen Erfolge sein, doch erst während des Trips in die Purcell Wilderness Conservancy spürten wir die Belohnung für die vielen Erinnerungen, die sich in unsere Herzen gebrannt haben. Wir wachten bei Sonnenaufgang auf, machten Feuer, aßen und packten. Etwas oberhalb des Camps überquerten wir Bäche und Rinnsale, wuchteten unsere Rucksäcke und Ski über steile Kanten und liefen über glitschige Baumstämme. Wir erreichten ein namenloses Joch, karg und kahl bis auf die Spuren eines Luchses, und die weißen Granittürme, die wir zum ersten Mal sahen. Sie waren unser Ziel, von ihnen wollten wir abfahren. Wir rutschten ab, rutschten quer, kamen wenig fotogen voran.
Wir hielten uns eng am Fels, überwanden eine unangenehme Traverse, die unsere Beine zum Glühen brachte, bevor wir endlich in das abgelegene, weglose Tal zu unserem letzten Camp einbogen. Meine Ski kratzten über das Gletschereis und blieben unter dem Gewicht meines Körpers stehen. Eine minimale Menge Schnee, zu Eis verdichtet, auf dem meine Spur kaum wahrzunehmen war. Vor wenigen Minuten noch hatte ich meine geschwollenen Füße in die engen Skischuhe gezwängt und hastig einen Instant-Kaffee getrunken. Vier Tage harter Arbeit hatte es uns gekostet, in das Camp zu kommen. Am Anfang war die Straße zum Einstieg von Schneemassen versperrt. Unsere Rucksäcke waren hoch und breit beladen, jeder trug 40 Kilo Ausrüstung auf dem Buckel.
Wir stapften durch Schlamm, sprangen über Flüsse und fuhren Ski, wo es ging. Bevor wir unser Zelt nahe dem Fluss, den wir morgens überquert hatten, aufschlugen, benötigten wir acht Stunden für gerade einmal elf Kilometer. Ich schlief mit einer Dose Pfefferspray griffbereit im Stiefel, sollte ein aus dem Winterschlaf aufgewachter Grizzly Interesse an unserem Camp haben. Am nächsten Morgen kletterten wir im Morgengrauen auf das erste Joch, die Ski an unseren mittlerweile leichten Rucksäcken. Als wir auf dem felsigen Rücken ankamen, sahen wir zum ersten Mal den verschneiten Steilhang, über den wir abfahren wollten. Der Grat wurde enger und wir legten unsere Steigeisen an.
Schneewechten hingen weit in den Osthang hinein, wir vermieden sie so weit möglich. Vor dem Gipfel türmten sich Granitblöcke auf und versperrten die Sicht. Erst auf dem Gipfel war klar, dass wir nicht mehr weiter klettern mussten. Wir freuten uns über die Windstille, saugten den Ausblick ein, fragten uns, wie die Berge wohl alle heißen, und genossen das Fehlen jeglicher Zivilisation. Wir sahen nicht einmal Kondensstreifen von Flugzeugen. So schwierig, wie die Tour ist, so überwältigend sind die Gefühle, die mich auf diesem abgelegenen Gipfel über der rauen Weite überkommen. Eine leichte Herausforderung hat keinen großen Wert, wird kaum nachwirken.
Wir wollen uns klein fühlen in der riesigen Natur, wollen dem menschlichen Verlangen nachkommen, das Unbegreifliche zu erleben. Metall ist formlos, bevor es der Schmiedehammer bearbeitet. Die Berge sind unsere Schmiede, die Reise der Hammer, wir selbst werden neu geformt, gehärtet gegen das Unbekannte und die vor uns liegenden Herausforderungen. Der Schnee bedeckt den felsigen Hang nur sehr dünn. Ich gebe meiner Nervosität nach und seile mich 45 Meter ab, bis die Rinne in steilen, unberührten Pulverschnee übergeht. Überrascht sehe ich, wie Vince das Stück, das ich gerade abgeseilt habe, wie ein Springbock abfährt, um die Felsen herum, seine Ski krachen bei jedem Schwung.
Dann schießt er extrem schnell aus der Rinne, geht hart in Rücklage und nimmt in einem engen Schwung Geschwindigkeit heraus. Um mich herum staubt es. Ich packe das Seil ein, schließe die Stiefel und schnalle an. Im Camp zurück wird es Zeit zu packen. Unsere Vorräte sind fast zu Ende. Wir müssen zurück. Nach einem Aufstieg geht es hinaus aus dem Tal. Auf Ski erreichen wir schnell den Fluss, den wir barfuß mit unseren inzwischen tauben Beinen überqueren. Ein paar Kilometer weiter unten finden wir eine heiße Quelle. Wir steigen in das penetrant riechende und dampfende Wasser hinein; es fängt an zu regnen. Wir hoffen, dass kein Bär aufkreuzt, bis wir wieder fit genug sind, um weiterzugehen.
Ich will die Einsamkeit, diesen riesigen Wald, der noch nie eine Axt gesehen hat, nicht verlassen. Wir realisieren, welch kleiner Teil von etwas wirklich Großem und Unfassbarem wir eigentlich sind. Hier draußen, so weit weg von allem, bin ich mir selbst viel näher, meinem wahren Ich, das sich so vernachlässigt fühlt. Wir sind eine Leistungsgesellschaft geworden, die auf Anerkennung basiert. Man muss etwas Neues machen. Ein besserer Skifahrer oder Kletterer, stylischer oder intelligenter sein oder mehr Instagram-Likes haben. Unterm Strich: Wer nicht oder nicht mehr cool genug ist, bekommt weder Anerkennung noch Geld noch Ruhm. Hier draußen ist das unwichtig. Hier bin ich mit Freunden, wir leiden und freuen uns gemeinsam.
Wir sind ein Team, weil wir eines sein müssen, um hierher zu kommen. Im heißen Wasser liegend höre ich den Regentropfen zu und sinniere, dass es wichtig ist, mit einem Fuß in der Leistungsgesellschaft zu stehen, mit dem anderen Fuß aber in dieser Gegenkultur, die dem Leistungsgedanken Paroli bietet. Diese Reise in die Wildnis hat mir geholfen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Dieses Gleichgewicht haben wir im Team alle wiedergefunden und spürten die Harmonie in unserer kleinen Gruppe. Beglückt haben wir empfunden, gelernt zu haben, uns gegenseitig vorbehaltlos zu schätzen.





Fahrer: Steve House, Vince Anderson



