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Mount St. Elias

Ausgabe 2011 · Text: Petra Rapp · Fotos: Beat Kammerlander · 7 min Lesezeit

Mount St. Elias

Leer. Schon die fünfte Red-Bull-Dose heute... „Ich hab' eh schon reduziert, früher waren es bis zu zwölf am Tag!" Axel Naglich ist ein echter Testimonial-Glücksfall für seinen Sponsor Red Bull. Er …

Leer. Schon die fünfte Red-Bull-Dose heute... „Ich hab' eh schon reduziert, früher waren es bis zu zwölf am Tag!" Axel Naglich ist ein echter Testimonial-Glücksfall für seinen Sponsor Red Bull. Er mag das Getränk, ist fast ein bisschen süchtig danach. Aber richtig süchtig ist er nach Schnee und dem geliebten Sport auf zwei Brettern. „Skifahren ist doch einfach nur geil", sagt er mit einem unglaublichen Strahlen in den Augen. Aufgewachsen ist der 43jährige in Kitzbühel, die Abfahrt der Streif direkt vor dem Elternhaus, wo er heute sein Architekturbüro hat. Klar, dass man da schon von klein auf auf zwei Brettern steht. Doch nicht jeder wird darauf so groß wie er.

Axel war elf Jahre Vorläufer bei der Hahnenkamm-Abfahrt, aber im klassischen alpinen Rennsport ist er irgendwie nie hängengeblieben. Sein Weg führte Axel eher zu ausgefalleneren Zielen: zu den 24-Stunden-Rennen von Aspen, zum Ski Cross, zu den X-Games und den „Red Bull Snowthrills" in Chamonix. Und dann als Freeskier auf eigene Faust immer mehr zu den steilen weißen Rinnen, die am besten noch nie jemand vor ihm befahren hat. Keine Vorgaben oder Reglementierungen, Freiheit pur. Axel ist aber schon immer auch Multisportler, unter anderem mehrfacher Ironman-Teilnehmer und er klettert sehr gerne. Seine Entwicklung vom extremen Freeskier hin zu einem der wohl derzeit besten Skialpinisten ist deshalb nur logisch.

Seine Devise: Dort, wo er runterfährt, steigt er, wenn irgendwie möglich, vorher auch aus eigener Kraft hinauf. „Das Besteigen hoher Berge und das anschließende Abfahren mit Ski ist für mich eines der letzten großen Abenteuer in einer überzivilisierten, doppelt und dreifach gesicherten Welt. Je höher und wilder die Berge werden, desto mehr spürst du dich." Er hat ungezählte Besteigungen und Erstbefahrungen in den Alpen, in Neuseeland und am Kaukasus hinter sich. Eigentlich auf der Suche nach einer Strecke für einen Speedski-Weltrekordversuch erzählte Pilot Paul Claus ihm im Vorbeiflug am Mount St. Elias die Geschichte der beiden Amerikaner, die 2002 versuchten, den Yaas'eit'aa Shaa, wie ihn die Tlingit nennen, zu befahren. Sie kamen dabei ums Leben.

Seither hat sich niemand mehr herangetraut an den zweithöchsten Berg der USA, der sich in einer der wildesten, weil archaischsten Ecke unseres Planeten befindet. 5.489 Höhenmeter auf 25 Kilometer Distanz, mit einer einzigartigen Linie und unglaublichen Steilflanken vom Gipfel bis hinab an den Golf von Alaska. Relativ gesehen ist der Mount St. Elias sogar der höchste schneebedeckte Berg der Welt. Beim Mount Everest (8.848 Meter) ragen nämlich nur rund 3.500 Meter aus dem tibetischen Hochland heraus. Extreme, meist unvorhersehbare Wetterwechsel, eisige Temperaturen, große Lawinengefahr, Steinschlag: Der Mount St. Elias ist ein außergewöhnlicher, aber auch außergewöhnlich gefährlicher Berg...

„Boah, geiler Berg, das wär was", meinte Axel während des Fluges. Der Traum war geboren. Und Axel war schon immer ein Typ, der seine Träume lebt. „Ich finde das ganz wichtig. Was hab ich von meinem Leben, wenn ich nicht das tue, was ich möchte? Viele haben zu mir gesagt, den Berg kann man nicht befahren. Aber ich habe meine eigenen Vorstellungen von Glück und Erfolg. Davon, wie mein Leben ausschauen soll, was mir Spaß macht und was für mich machbar ist. Da bin ich vielleicht ein Träumer." Deshalb teilt er sein Leben auch nur mit Leuten, die das auch so sehen oder ihn zumindest verstehen.

Und deshalb war sein Freund Peter „Resl" Ressmann erster Ansprechpartner und gleich mit dabei, als Axel ihm Bilder dieses wunderschönen Berges, der so viel Anziehendes und Abschreckendes zugleich hat, zeigte. „Ich wusste genau, der Resl tickt so wie ich. Sport hieß für uns beide nicht Rekord. Die Tatsache, dass das die längste Skiabfahrt der Welt werden könnte, war uns gar nicht bewusst. Da war mehr. Da war einfach das Gefühl: Wahnsinn! Was für ein irrer Berg in was für einer Gegend, absolut außerhalb jeglicher Zivilisation. Mein Gott, wäre das schön, da hinunter zu fahren." Doch so ein Traum braucht auch viel Geld, um Realität werden zu können. „Dass das Projekt Mount St.

Elias nicht nur sportlich, sondern auch organisatorisch eine völlig neue Dimension für mich wird, war mir sehr schnell klar und auch, dass das Ding nur zu finanzieren ist, wenn Gerald mitkommt und einen außergewöhnlichen Film daraus macht." Für Gerald Salmina, Filmregisseur und Produzent, sollte das Projekt „Mount St. Elias" ebenfalls zum bisher aufwändigsten und auch riskantesten Filmprojekt seines bisherigen Lebens werden. „Eigentlich war geplant, wir nehmen den Flieger von Paul, cruisen ein bisschen durch Alaska, gehen Bergsteigen und Skifahren und als Krönung von diesem Roadtrip dann die Abfahrt vom Elias. Aber wir haben schnell gesehen, wir brauchen für den Höhepunkt gar kein Vorspiel. Der Berg ist anspruchsvoll genug."

Die Finanzierung war nur durch eine entsprechende Filmförderung möglich. Voraussetzung dafür war, keinen Fernseh-, sondern einen Kinofilm zu machen, was wiederum sehr viel teurer und aufwändiger wurde. Deshalb hat die ganze Planung dann auch fast vier Jahre gedauert. „Und deshalb hatten wir auch viel mehr Leute dabei, als uns eigentlich lieb war." „Mount St. Elias" wurde ein beeindruckender, sehr sehenswerter und auch erfolgreicher Kino-Dokumentarfilm. Und doch ist es nur ein Film, der nicht die ganze Realität wiedergeben kann und der die Beteiligten vor Ort auch immer wieder zu Kompromissen zwang. Das, was Axel und sein Team in der Zeit vom 6. Mai bis 12. August 2007 alles erlebt haben, ist kaum vorstellbar.

Seine ganz persönlichen Höhepunkte am Mount St. Elias: „Erstens, dass wir überhaupt am Berg angekommen sind. Der hat sich nämlich schon ganz am Anfang, als uns Paul zum eigentlich weiter oben geplanten Basecamp hinauffliegen wollte, gewaltig gewehrt. Zweites Highlight war, dass wir den Sturm überlebt haben. Wir waren dem Gipfel schon ganz nah, auf 5.150 Metern, als das Wetter plötzlich umschlug. Ein Orkan, wie ich ihn noch nie erlebt habe, dazu Temperaturen von minus 30 Grad Celsius, null Sicht, tage- und nächtelanges Ausharren und Schaufeln in der Eishöhle beim Advanced Basecamp. Das war der reine Überlebenskampf bis wir wieder auf der Haydon Shoulder waren, ausgeflogen werden konnten und die Expedition erst einmal abbrachen. Dann also am 11.

August kurz nach 12. Uhr mittags doch noch der Gipfelsieg von Resl, Volker Holzner (Bergführer), Günther Göberl (Kameramann) und mir. Das war schon sehr bewegend. Ich fühlte eine sehr tiefe innere Zufriedenheit. Oben am Gipfel zu stehen, war die Grundvoraussetzung, dass wir überhaupt runterfahren konnten und das Projekt damit geglückt ist." Die untere Hälfte bis zum Ozean hatten die beiden schon vorher befahren. Die Abfahrt vom oberen Teil war ebenfalls noch einmal heikel... „Wir wussten, jeder Sturz kann hier aufgrund der Steilheit tödlich sein und überall lauern Lawinen oder brutale Spalten. Der Berg verzeiht keine Fehler. Aber auf Ski fühl ich mich einfach sicher. Resl und ich machten keine Fehler.

Ganz unten gab es dann über die Shoulder noch lässiges Skifahren zum Abschied vom Mount St. Elias. Mein Traum ist Realität geworden!" Hat sich sein Leben seither verändert? „Eigentlich nicht. Es war ein kurzer Hype um die Geschichte. Und es war keine Frage das bisher Größte, was ich sportlich gemacht habe. Herausfordernd, langwierig, frustrierend, beglückend – in allem eine ganz neue Dimension, in allen Belangen existentiell. Vor allem die Verantwortung und Finanzierung waren für Gerald und mich schon eine enorme Belastung. Da gehst Du mit einer ganz anderen Anspannung zum Berg als zum Beispiel der Resl, der sich nur auf das rein Sportliche konzentrieren konnte. Die Angst davor, dass das alles nicht klappt, war schon enorm."

Axel wäre nicht er selbst, wenn er nicht schon wieder neue Träume hätte. Im vergangenen Jahr war er am Everest, aber ohne Ski. Mit Ski war die K2-Befahrung zusammen mit Peter Ressmann und Fredrik Eriksson, den er auch am Mount St. Elias gerne dabei gehabt hätte, in Planung. Aber beide sind inzwischen tödlich verunglückt, deshalb und auch seiner Frau zuliebe ist der K2 für Axel Naglich kein Thema mehr. Und der Mount Cook in Neuseeland, an dem er bisher vier mal gescheitert ist? „Er ist bestimmt machbar, aber das ist einfach ein Glücksspiel. Da müsstest Du zwei, drei Jahre Zeit haben, dich hinsetzen und auf den richtigen Tag warten. Die Zeit und die finanziellen Möglichkeiten habe ich nicht.

Aber ich habe schon noch ein paar andere Dinge im Kopf, unter anderem in Alaska", erzählt er, will aber noch nicht weiter rausrücken mit seinen Plänen. Jetzt stehen sowieso erst einmal seine Frau und sein im September 2011 geborener Sohn Thaddäus im Mittelpunkt.

Mount St. Elias
© Beat Kammerlander
Mount St. Elias
© Beat Kammerlander
Mount St. Elias
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© Beat Kammerlander
Mount St. Elias
© Beat Kammerlander
Mount St. Elias
© Beat Kammerlander

Fahrer: Axel Naglich

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