Österreich · Karwendel Range (Bärenkopf)
Out and About with the Freeriders
Ausgabe 2016 · Text: Petra Rapp · Fotos: Valentin Rapp · 5 min Lesezeit

Ein Splitboarder aus Lenggries, ein Telemarker aus München, ein Freerider und eine Freeriderin aus dem oberbayerischen Inntal. Erstmals in dieser Konstellation gemeinsam unterwegs, und es könnte ein …
Ein Splitboarder aus Lenggries, ein Telemarker aus München, ein Freerider und eine Freeriderin aus dem oberbayerischen Inntal. Erstmals in dieser Konstellation gemeinsam unterwegs, und es könnte ein ziemlich guter Tag werden! Waren eh nicht viele in diesem verdammt schneearmen Winter in den Nordalpen. Aber heute: Frischer Powder über Nacht, und auch die Wolken verziehen sich allmählich. Jeder hat sich diesen Tag mitten in der Woche spontan freigeschaufelt. Robert, der Splitboarder, seine drei Kinder schnell noch in die Schule verfrachtet, sich mit Bernd, dem Telemarker, auf den Weg gemacht. Hinein in ihr geliebtes „Flow Valley“, in die grenzenlose Freiheit und den hoffentlich puren Flow-Genuss.
Beides ist so nur in den Bergen zu erleben, am besten gemeinsam mit Freunden, die genauso ticken. Wir vier treffen uns früh morgens am Parkplatz der Karwendel-Bergbahn in Pertisau, um eventuell den Aufstieg zum Bärenkopf (1.991 Meter) mit der Bahn um einige Höhenmeter zu verkürzen. Nein, das widerspricht dann doch dem sportlichen Ego. Also auffellen und in der Aufstiegsspur am zum Teil ziemlich steilen Pistenrand des Skigebiets hinauf zur Bärenbad-Alm (1.447 Meter). Drei durchtrainierte Männer voran, mein Motto dahinter: nur nicht zu weit abreißen lassen! Aber auch nicht so verausgaben, dass dann gar nichts mehr geht. Wer weiß, was da oben noch kommt.
Zumindest schon einmal gigantische Ausblicke auf den wunderbaren, tiefdunkel und kontraststark zu den weißen Hängen leuchtenden Achensee, den „Fjord Tirols“ zwischen Karwendel und Rofan. Tirols größter See lockt mit seinen windgünstigen Verhältnissen vor allem im Sommer viele Wassersportler an. Im Winter dagegen ist es ruhig hier. Ziemlich windig ist es aber auch heute, was im Schutz des Waldes noch nicht zu spüren, an den Windfahnen um die Gipfel jedoch deutlich zu erkennen ist. Eine kurze Verschnaufpause an der Bärenbad-Alm, ein kleiner Abstecher von Bernd, Robert und Vale zu einem Kurzshooting bei schönstem Morgenlicht in den frischen, unberührten Powder: drei kreative Freigeister und „Freireiter“ in ihrem Element.
Sie sind regelmäßig miteinander unterwegs. Hauptsächlich beim Bikebergsteigen auf den Trails vor ihrer bayerischen Haustür, ihrem „Flow Valley“, das auch mal ins Tirolerische reicht. Bei ausreichend Schnee wie heute dann gerne auf den Brettern. Robert, zusammen mit seiner Frau Betreiber des „Altwirt“ in Lenggries, ist einer der beiden Gründer der Marke „Flow Valley“ mit Untertitel „königlich bayerisches Freireit-Gebiet“, zu dessen Team inzwischen auch Bernd und Vale gehören. „Flow Valley steht nicht nur für ein Traumgebiet für Mountainbiker sowie Splitboarder und Freerider in unseren heimischen Bergen, sondern auch für das bayerische Lebensgefühl.
Unser Motto: Einfach mal losziehen auf eigene Faust, aber immer mit Respekt und Rücksicht auf Natur und Umwelt“, erklärt Robert. Mit ihren Fotos und Berichten, die sie im Internet publizieren, wollen sie Begeisterung wecken für ihre sportlichen Leidenschaften und ihre Heimat, sich aber auch einsetzen für mehr Akzeptanz und ein gutes Miteinander mit anderen Bergsportlern. „So wie heute, wenn sonst niemand unterwegs ist und nur Freunde dabei sind, ist es genial“, sagt Bernd... „Für mich ist jede unserer Touren ein gemeinsames Ausbrechen aus dem Alltag, Entspannung und Kraftsammeln, Abenteuer und Naturerlebnis in einem.
Sich dabei hundertprozentig auf den anderen verlassen zu können, absolute Hilfsbereitschaft untereinander und das Können und die Schwächen der anderen am Berg zu kennen und zu respektieren“, gehört laut Robert dazu. „Und vor allem: Sich gemeinsam über einen gelungen Powder Run oder einen neuen Trail freuen zu können, macht das Ganze noch intensiver und schöner!“ Die Vorzeichen auf ein solch intensiv-freudiges Erlebnis sind gut. Von der Bärenbad-Alm zieht die Spur durch den tief verschneiten Wald. Oberhalb der Waldgrenze bläst uns der Wind gewaltig um die Ohren. Die so erzeugten, skurrilen und sich im Gegenlicht spiegelnden Schneebilder faszinieren zwar, doch die stürmischen Böen am Gipfel versprechen nicht allzu viel Gemütlichkeit.
Beim Bärenhalsl dreht die Route nach links und führt südseitig in mäßiger Steigung zum plateauartigen Gipfel, wo normalerweise eine wunderschöne Aussicht wartet. Außer Föhnsturm wartet da oben heute nichts, so dass wir auf die letzten 40 Höhenmeter zum Gipfelkreuz verzichten. Abfellen und kurze Pause; Vale und Robert stapfen vorsichtig an den Einstieg einer sehr langen, 40 Grad steilen nordseitigen Rinne. „Schade, wird auch diesmal nichts. Ist einfach zu heikel und gefährlich heute“, meint Robert, dem die Rinne auch bei seiner zweiten Bärenkopf-Tour versagt bleibt... „Irgendwann klappt's schon mal“, sagt er ein wenig wehmütig und baut sein Splitboard zusammen. Warum er lieber auf einem statt auf zwei Brettern runterfährt?
„Ich bin überzeugter Snowboarder und stehe seit 28 Jahren auf dem Brett. Bis heute fasziniert es mich, nur ein Brett unter den Füßen zu haben, egal ob auf dem Surfbrett, Skateboard oder Snowboard. Für mich war Snowboarden immer mehr als nur ein Sport, es war in den Anfängen eine Subkultur mit Punkrock und viel Soul. Ich war schon immer mit meinen Freunden im Backcountry unterwegs und kam dann zum Splitboarden. Mittlerweile ist das Material so ausgereift, dass man auch kaum mehr Nachteile im Gelände hat, im Vergleich zu Ski. Früher war ich nur mit Splitboardern unterwegs, heute ziehen wir fast immer in einer gemischten Gruppe los. Man schätzt sich gegenseitig, und es ist immer eine Herausforderung, mit guten Skifahrern auf Tour zu sein“, sagt er.
Nach nochmaligem Check der Lawinenlage powden wir am Rand der bis zu 35 Grad steilen Hänge des Bärenbadkessels abwärts. Tauchen ein ins tiefe, in diesem Winter so vermisste fluffige Weiß, bis zur Bärenbad-Alm. Die drei Männer sind so im Rausch, dass sie gleich noch einmal hinauf stiefeln. „One of those days... Und jetzt ein Weißbier“, meint Urbayer Robert danach doch etwas außer Puste und braust die letzten Meter hinunter ins Tal.





Fahrer: Petra Rapp, Bernd Hassmann, Robert Werner



