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Österreich · Arlberg

Paths are made by Walking

Ausgabe 2023 · Text: Regina Wohlgenannt · Fotos: Max Draeger · 4 min Lesezeit

Paths are made by Walking

Gibt es noch neue Abenteuer vor der eigenen Haustüre? Gibt es in den Bergen, in denen wir seit Jahren gerne und oft unterwegs sind, Gipfel, die wir noch nicht kennen? Eine Frage, die sich Pfarrer …

Gibt es noch neue Abenteuer vor der eigenen Haustüre? Gibt es in den Bergen, in denen wir seit Jahren gerne und oft unterwegs sind, Gipfel, die wir noch nicht kennen? Eine Frage, die sich Pfarrer Müller aus Warth nicht stellte, als er 1884 Holzbretter aus Skandinavien bestellte, mit denen man sich im Schnee besser fortbewegen konnte. So kam das erste Paar Ski an den Arlberg. Der Pfarrer brauchte sie, um die Strecke zwischen Warth und Lech im Winter schneller zurückzulegen. Damals war das eine Sensation, sogar die Zeitung berichtete darüber. Seitdem hat sich am Arlberg viel getan, doch die Faszination, neue Wege zu gehen und Spuren zu hinterlassen, ist noch genau so groß wie vor 100 Jahren.

Heutzutage ist der Arlberg vor allem eins: Ein weltberühmter Freeride-Hotspot, der als Schneegarant gilt. Aber man kennt ihn auch als schnell zerfahren und zu oft fotografiert. In der Lawinenkunde gibt es sogar einen Begriff für dieses Phänomen: Der Arlberg-Effekt. Denn durch das ständige und konsequente Befahren des Geländes rund um die Liftanlagen entsteht ein sehr homogener Schneedeckenaufbau. Millionen von Skifahrern haben in den letzten Jahrzehnten den Arlberg auf und abseits der Pisten befahren. Zudem schlugen viele Szenegrößen ihre Zelte am Arlberg auf und prägen seither die Entwicklung des Sports. Daher fragt man sich, ob es dort überhaupt noch Neues zu entdecken gibt. Genau diese Frage hat Simon Wohlgenannt lange beschäftigt.

Der Vorarlberger ist seit über zehn Jahren als Skiführer unterwegs. „Weil der Arlberg so enorm vielseitig ist, springen mir trotzdem immer wieder neue Berge und Linien ins Auge“, sagt er. Es wird also noch lange nicht langweilig, und die Berge laden immer wieder zu neuen Abenteuern ein. Einen spannenden Gipfel hat er zum Beispiel mit der Fanggekarspitze mit 2.640 Meter in der Nähe der Stuttgarter Hütte entdeckt. Abseits des viel befahrenen Freeridegeländes gelegen war die Stuttgarter Hütte auf 2.310 Meter früher vor allem Unterkunft für Alpinisten und Jäger. Eigentlich steht sie auf Tiroler Boden, ganz dicht an der Grenze zu Vorarlberg.

Auf jeden Fall hat sich Simon schon hundert Mal gefragt, ob über die exponierte Rampe unterhalb des Gipfelaufbaus der Fanggekarspitze ein Weg in das nordseitige Rinnensystem existiert und sich somit eine durchgehende Abfahrt ergeben könnte. Um das herauszufinden, stellte er schließlich ein Team zusammen, Lena Koller, Fabian Spindler und Max Draeger, wartete lange auf perfekte Verhältnisse und legte dann los. Ganz nach dem Motto: „Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur.“ Früher wurden auf Säumerpfaden Vieh, Salz und Leinen über den Arlberg transportiert.

Spätestens seit der Eröffnung der Arlbergbahnstrecke 1884 und dem Ausbau der Passstraße haben auch immer mehr Skifahrer den Weg an den Arlberg gefunden. Ganz nach dem Motto sich die Schwünge zu verdienen startete Simon von seinem Zuhause im Montafon aus mit dem Rad und traf das Team am Arlberg. Gemeinsam ließen sie den Zürser Trubel schnell hinter sich und stiegen mit den Ski Richtung Hütte, um auszuchecken, ob es über die Nordflanke der Fanggekarspitze auch einen Weg nach unten gibt. Im Winter 22/23 gab es im Alpenraum lange keine großen Schneemengen – am Arlberg erst im März und April. So herrschten im April mit über einem halben Meter Neuschnee sehr winterliche Verhältnisse, vielleicht sogar zu winterlich für steile Abfahrten.

Daher wärmte sich das Team mit Runs rund um die Rüfispitze langsam auf und testete die Schneedecke. Die warme Mittagszeit wurde mit einem Snack an der Hütte überbrückt, um dann nochmal die letzten Sonnenstrahlen auf der Erlispitze einzufangen – Powderabfahrt bis zur Hütte inklusive. Ein schöner Tagesausklang, der auch für die kurze, kalte Nacht entschädigte. Der nächste Tag begann früh, bewölkt und alles andere als perfekt. Aber das Team startete trotzdem und das Glück war auf ihrer Seite. Kurz vor dem Gipfel der Fanggekarspitze kam die Sonne durch und ermöglichte den Blick in die steile Nordflanke. Jetzt war klar: Die exponierte Rampe führte über eine kurze Steilstufe direkt in eine durchlaufende Rinne.

Und so freuten sich alle auf die Abfahrt, auch wenn der Schnee nach dem warmen Vortag nicht der beste war. Über die schmale, steile Rinne war eine spannende Linie möglich, eine beeindruckende Erstbefahrung. Es gibt ihn also, den Weg durch die Nordflanke der Fanggekarspitze. Und: Neue Wege entstehen beim Gehen. Nun, beim Freeriden. Alle waren sich einig. Es gibt sie noch, die kleinen Abenteuer vor der Haustüre!

Paths are made by Walking
© Max Draeger
Paths are made by Walking
© Max Draeger
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© Max Draeger
Paths are made by Walking
© Max Draeger
Paths are made by Walking
© Max Draeger

Fahrer: Lena Koller, Simon Wohlgenannt, Fabian Spindler

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