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Norwegen (Spitzbergen) · Atom Fjella

Svalbard, a journal of arctic skiing

Ausgabe 2012 · Text: Yves Garneau · Fotos: Yves Garneau · 5 min Lesezeit

Svalbard, a journal of arctic skiing

Sechs Skifahrer und ein Fotograf brechen zu einer abenteuerlichen Reise auf, um in einigen der entlegensten Bergen der Welt frischen Pulver unter ihren Skiern zu spüren. Ausgerüstet mit Zelten …

Sechs Skifahrer und ein Fotograf brechen zu einer abenteuerlichen Reise auf, um in einigen der entlegensten Bergen der Welt frischen Pulver unter ihren Skiern zu spüren. Ausgerüstet mit Zelten, Skiern und Gewehren verbringen sie zwei Wochen tief im Eisbärenland. Am 26. April um 14 Uhr war unsere Mannschaft startklar: Sechs Monate lang hatten wir diese Reise geplant, jetzt sollte es endlich losgehen. Von den Satellitentelefonen bis zu den Solarmodulen war alles gekauft, getestet und verpackt. Am Abend zuvor hatten wir uns sogar eine Stunde auf dem Schießplatz in Longyearbyen mit den alten Gewehren aus dem Zweiten Weltkrieg vertraut gemacht, die wir für den unwahrscheinlichen Fall einer Eisbärenbegegnung gemietet hatten.

Um 16 Uhr war immer noch kein Schneemobil-Guide zu sehen. Erst gegen 18.30 Uhr traf einer von ihnen am Stadtrand ein. Er blickte kurz über unsere drei Polkas (ziehbare Schlitten) und Skier, sah uns verwundert an und fragte: „Ist das alles?“. Gegen 21 Uhr war unsere Ladung verstaut. Wir zogen los in Richtung der permanent am Himmel stehenden Sonne. 45 Kilometer fuhren wir das erste Tal hinauf, bogen nach links ab und überquerten einen riesigen Fjord, wo bärtige Robben an den Eislöchern lungerten. Als wir die 1.100 Meter hohe Eiskappe erklommen und die Schieferberge hinter uns ließen, überraschte uns ein unvergesslicher Anblick – eine flache, karge Landschaft, soweit das Auge reichte. Ohne GPS-Gerät würden wir hier schnell verloren gehen.

Acht Stunden später kamen wir endlich am Lagerplatz an. Wir bauten die Zelte auf und begannen, ein Küchenloch zu graben. Die Schneemobil-Guides hatten sich schon lange schlafen gelegt, um für ihre Rückreise am nächsten Tag erholt zu sein. Unser Crew-Chef Hannu Kukkonen, den wir künftig nur „Der Admiral“ nannten, bestand darauf, schnellstens das Lager aufzubauen. Erst als wir anfingen, vor lauter Ermüdung wirres Zeug zu reden, durften wir uns hinlegen. Der Admiral wünschte jedem eine gute Nacht, während er die Stolperdrähte um unsere Zelte aufbaute. Sollten Eisbären kommen, während wir schliefen, würde der Stolperdraht eine kleine Explosion auslösen, gefolgt von einem Leuchtsignal.

Diese Taktik sollte uns hoffentlich genug Zeit verschaffen, um reagieren zu können. Kurz nach 14 Uhr am ersten Tag im Camp frühstückten wir gerade in der inzwischen fertiggestellten Küche, als der Amerikaner Kevin Grabowski von draußen schrie: „Eisbär! Echt, kommt jetzt. Ich mache keine verdammten Witze. Da ist ein Eisbär!“. Die Waffe in der Hand, zwängte sich „Der Admiral“, begleitet von seinem Regiment, durch den Ausgangstunnel. Kevin, der gerade aufgewacht war, zeigte verzweifelt auf zwei kleine schwarze Punkte unten am Gletscher, die sich langsam in unsere Richtung bewegten. Ohne groß die Augen anzustrengen, erkannten wir zwei Skifahrer, die zu uns heraufstiegen und ihre Polkas hinter sich herzogen.

„Ich nehme an, wir müssen nicht unbedingt Warnschüsse abgeben“, sagte einer aus der Crew trocken... „Besorg' dir eine Brille, Kevin.“ Der erste Schreck legte sich bald. Jetzt war es Zeit, die Gegend zu erkunden. Wir erklommen den Gipfel direkt hinter unserem Camp. Als wir die Spitze erreichten, veränderte sich das Gelände. Wir blickten nicht mehr auf die weite Gletscherfläche mit sanften Bergen ringsum, sondern auf große, schroffe Granitgipfel mit Couloirs, die sich endlos fortzusetzen schienen. Die Täler wirkten eng und die rasiermesserscharfen Spitzen bedrohlich. Wir fuhren die unberührten Rinnen ab und fragten uns, wie viele Menschen sie zuvor befahren hatten – falls überhaupt. Das Satellitentelefon funktionierte wunderbar!

Wir gaben regelmäßig Updates nach Hause und erhielten die aktuellsten Wettervorhersagen. So überraschte es nicht, als an unserem vierten Tag ein Sturm hereinbrach. Wir holten etwas Schlaf nach, lasen viel und feierten den 27. Geburtstag des Schweizer Freeskiers Ilir Osmani. Als der Alkohol aufgebraucht war und auch die meisten Bücher gelesen, begannen wir zu diskutieren. Politik, Porno und Essen waren nur einige der Themen. Vom endlosen Geplänkel im Küchenloch blieb mir am stärksten die Ansicht in Erinnerung, dass Cracker nicht für Mahlzeiten gemacht seien. Was wir ursprünglich fürs Frühstück gekauft hatten, verschwand plötzlich sehr schnell und ließ uns schreckliche Aussicht nur mit Haferflocken zurück.

Langsam breiteten sich erste Schatten von Lagerkoller aus. Am dritten Tag des arktischen Sturms krochen wir aus unseren Zelten und stellten verblüfft fest, dass es immer noch horizontal schneite und die Temperatur auf Kevins 50-Cent-Thermometer weiterhin bei -15 Grad Celsius lag. Unsere Quellen hatten sonnigen Himmel und wärmere Temperaturen angekündigt. Die Stimmung verdüsterte sich. Es war Zeit, das Loch zu verlassen. Nach viel heißem Kaffee oder Tee und Haferflocken, die nach gestern schmeckten, zwangen wir uns hinaus in den Sturm, um unsere Skier für eine Tour herzurichten. Keine Chance, noch einen Tag länger im Lager zu sitzen und über Cracker zu diskutieren. Wir wollten ein Gebiet entdecken, das wir noch nicht ausgekundschaftet hatten.

Über ein Joch 700 Meter westlich unseres Lagers stiegen wir auf, fuhren ab und hielten nach Norden auf eine Reihe von Karen zu, die wir auf der Karte gesehen hatten. Als wir uns näherten, riss plötzlich der Himmel auf, und auch der Sturm hörte von einer Sekunde auf die andere auf zu blasen. Völlig unerwartet strahlte uns eine gewaltige Rinne in praller Sonne an, die förmlich darum bettelte, von uns befahren zu werden. Die Stimmung im Lager wurde von Tag zu Tag entspannter. Obwohl wir am Ende unserer zwei Wochen einen weiteren Sturm aussitzen mussten, diskutierten wir nicht mehr über Cracker. Jetzt teilten wir Geschichten, die wir während dieser unvergesslichen Reise gesehen und erlebt hatten.

Und wir lachten über die verrückten Themen, die uns anfangs beschäftigt hatten. Am meisten aber genossen wir die Tatsache, so viele Linien gezogen zu haben in einer Gegend, wo kaum jemand zuvor Ski gefahren war.

Svalbard, a journal of arctic skiing
© Yves Garneau
Svalbard, a journal of arctic skiing
© Yves Garneau
Svalbard, a journal of arctic skiing
© Yves Garneau
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© Yves Garneau
Svalbard, a journal of arctic skiing
© Yves Garneau

Fahrer: Ilir Osmani, Laura Bohleber, Hannu Kukkonen, Kevin Grabowski

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