Norwegen (Spitzbergen) · Atom Fjella
The Polar Express
Ausgabe 2012 · Text: Reggie Crist · Fotos: Will Wissman · 5 min Lesezeit

Als mich der Polarforscher Doug Stoup fragte, ob ich mich seiner Skiexpedition nach Spitzbergen (Svalbard), Norwegen anschließen möchte, wusste ich sofort, dass diese Tour etwas Besonderes sein …
Als mich der Polarforscher Doug Stoup fragte, ob ich mich seiner Skiexpedition nach Spitzbergen (Svalbard), Norwegen anschließen möchte, wusste ich sofort, dass diese Tour etwas Besonderes sein würde. Dass dies auch für die Schneebedingungen und fürs Skifahren gelten sollte, war mir nicht klar. Unsere Reise zur nördlichsten Gebirgskette des Planeten begann im etwa 2.000 Einwohner zählenden Longyearbyen, ungefähr 800 Kilometer vom Nordpol entfernt. Ursprünglich Walfang-Siedlung, dann Bergbaustadt, gibt es heute knallbunte Häuser, einen Lebensmittelladen und mehrere überteuerte Hotels. Mit weniger als 60 Kilometern Straßennetz sind Schneemobile die einzige Möglichkeit weiterzukommen.
Also belud unser siebenköpfiges Team eine kleine Schneemobilflotte nebst angehängten Schlitten mit der kompletten Ausrüstung für zwei Wochen. Mit vollem Tank machten wir uns auf den Weg und erreichten mehr als acht Stunden später unser Ziel: den Atom-Fjella-Gletscher mit den höchsten Bergen der Inselgruppe. Kaum hatten wir unser Basislager aufgebaut, verabschiedete sich die Schneemobilbegleitung. Wir drängten in unsere Zelte, um uns gegen den aufziehenden Sturm zu schützen. Das Camp war noch nicht komplett abgesichert, Doug erhitzte Wasser für eine warme Mahlzeit, da riss eine starke Windböe plötzlich unser sechs Meter großes Kuppelzeltdach wie einen Drachen in den Himmel.
Unser Fotograf Will Wissman rannte hinter dem Zelt her, um es vor dem endgültigen Davonfliegen zu retten. Fast einen Kilometer sprintete er in seinem Daunenanzug, bis er das Riesenzelt zu Boden ringen konnte. Nun mussten wir es gegen den Wind zum Camp zurückbringen – ein harter Start in unser Abenteuer, aber auch ein lehrreicher Hinweis auf die Abgeschiedenheit und Schroffheit unserer Umgebung. Am nächsten Morgen begrüßten uns 20 Zentimeter Neuschnee, herrlich blauer Himmel und Windstille. Der Blick über den Gletscher offenbarte schnell die vielen Möglichkeiten. Wie kleine Kinder im Süßwarenladen pickten wir unsere Linien heraus; kleine Schneeflecken, eingeschlossen zwischen gigantischen Felswänden.
Jetzt verstand ich besser, warum Doug diesen Platz „Das Land der Couloirs“ nannte. Niemals zuvor hatte ich eine solche Zahl klarer Linien gesehen, umgeben von spektakulären Felsen, eindrucksvollen Eisgebilden und mit sehr kleinem Gletscherspaltenrisiko, wenn überhaupt. Unsere größte Herausforderung würde darin bestehen, die Gegend auszukundschaften und mit dem immerwährenden Sonnenuntergang umgehen zu lernen. Letztlich justierten wir unsere inneren Uhren auf die Mitternachtsstunden, in denen die goldenen Sonnenstrahlen über den Horizont wanderten und dramatische Lichtspiele und dunkle Schatten hervorzauberten.
Jede Tour gab uns ein gewisses Maß an Zufriedenheit; zugleich waren wir etwas frustriert, weil wohl die Zeit fehlen würde, alle ausgesuchten Linien zu befahren. Bei 23 Stunden Tageslicht blieb wenig Zeit zum Schlafen, jeder ließ sich von der Energie des anderen anstecken. Nur die Ausdauer unserer Beinmuskulatur setzte uns Grenzen. Zu Beginn der zweiten Woche kam ein weiterer Sturm auf. Endlich konnten wir uns ausruhen und für die letzten Tage Kraft tanken. Wir entschieden, den höchsten Berg der Insel, den 1.715 Meter hohen Newtontoppen anzusteuern, an dessen östlicher Schulter einige niedrigere Gipfel zusammenlaufen. Erst auf dem Gipfel realisierten wir, dass unser Startpunkt in drei unterschiedliche, gleichermaßen beeindruckende Rinnen verlief.
Doug taufte die Stelle mit dem Namen „Der Dreizack“. Wir starrten in die Nordseite, als ich meine Ski anschnallte und zum Startpunkt stapfte. Ich konnte mir meinen Weg nach unten Stück für Stück suchen oder meine Haut riskieren. Die schwere Entscheidung erleichterten mir die perfekten Bedingungen und die richtigen Skischuhe und Skier an den Füßen. Ich schob alle Befürchtungen, vor allem die Tatsache, dass das nächste Krankenhaus Tage entfernt lag, beiseite, rutschte nach vorne, überließ der Schwerkraft die Kontrolle und spürte schnell, wie der von mir ausgelöste Schnee an meinen Fersen nagte.
Auf der Hälfte der Abfahrt sprang ich über eine alte brüchige Rinne, hielt meine Geschwindigkeit und war erleichtert, als ich in den Schatten querte, scharf links abfuhr und eine sich aufbauschende Wolke hinter mir ließ. Nach zwölf unvergesslichen Tagen in der Gletscherwelt des Atom Fjellas traten wir unsere Heimreise an. Während des Weges zum zugefrorenen Meer kamen wir an einer abgeschiedenen Trapperhütte vorbei und trafen zwei hartgesottene Norwegerinnen. Sie hatten sich für die Robbenjagd Urlaub genommen, zeigten auf ihre Robbenfelle und erzählten, dass sie am Vortag einem Eisbären begegnet waren: „Wir rannten in unsere Hütte, als der Eisbär sich auf seine Hinterbeine stellte und in seiner vollen Größe von fast dreieinhalb Metern durch das Küchenfenster brummte.“
Die Frauen hatten zurückgeschrien und mit ihren Pistolen herumgefuchtelt. Glücklicherweise verlor der Bär sein Interesse und entfernte sich mit den Robbenfellen im Maul. Wir setzten unsere Heimreise fort und hatten ständig die Geschichte der Frauen im Kopf. Als wir rasteten, entdeckten wir einige Kilometer entfernt einen Eisbären. Wir entschieden, hinter einem kleinen Felsvorsprung das Mittagessen einzunehmen. Zu unserem Erstaunen begann der Eisbär näher zu kommen. Schließlich bemerkten wir, dass es sich um eine Eisbärenmutter mit ihren beiden Jungen handelte. Das Trio schlich sich bis auf 15 Meter an unser Versteck heran. Wir beobachteten die Jungen, die miteinander im Schnee spielten, während die Mutter unsere Salami-Sandwiches witterte.
Die Erzählung der beiden Norwegerinnen vor Augen standen wir beiläufig auf, winkten mit den Armen und machten Lärm. Ohne zu zögern, flitzten die Eisbären aus unserer Sichtweite. Das Zusammentreffen mit der Eisbärenfamilie war ein wunderbares Ende unseres unvergesslichen Abenteuers. Als wir uns der Zivilisation näherten, entdeckten wir die „Noorderlicht“, ein 21 Meter langes Segelboot, ein im Eis eingefrorenes Hotel. Glücklicherweise wurden wir eingeladen, auf eine warme Dusche und einige Cocktails an Bord zu kommen. Später legte ich unter Deck des Seglers, nur einige hundert Kilometer vom Nordpol entfernt, meinen Kopf auf ein weiches Kissen und versuchte, die Erfahrungen der letzten zwei Wochen zu verdauen.
Unfähig, die Expedition richtig in Worte zu fassen, kam ich zu dem Schluss, dass es im Monat Mai keinen besseren Platz zum Skifahren auf unserer Erde gibt als Spitzbergen. Meine einzige Hoffnung ist, bald einmal zurückzukehren...





Fahrer: Doug Stoup, Reggie Crist, Lexi DuPont


