Schweden · Sylarna (Jämtland)
The awesome Awls
Ausgabe 2015 · Text: Anders Wingqvist · Fotos: Fredrik Schenholm · 4 min Lesezeit

Mitten in Schweden, mitten in der Wildnis. An der Grenze zu Norwegen und inmitten einer Hochgebirgslandschaft liegt das Sylarna-Massiv mit großen, steilen Abfahrten, traumhaften Couloirs und einigen …
Mitten in Schweden, mitten in der Wildnis. An der Grenze zu Norwegen und inmitten einer Hochgebirgslandschaft liegt das Sylarna-Massiv mit großen, steilen Abfahrten, traumhaften Couloirs und einigen flacheren Genusshängen. Durch den Gebirgszug verläuft auch eine alpine Kletterroute namens „Syltraverse“. Um die rohen, spitzen Gipfel glitzern einige Gletscher. Und ein paar Kilometer vor diesen Bergen liegt in der Ebene eine gemütliche Hütte. Sie ist der perfekte Ausgangspunkt für alle, die die südlichste Bergregion Schwedens entdecken wollen. Wir schlagen unser Lager in der „STF Sylarnas Fjällstation“ des schwedischen Touristenverbands STF (Svenska Turistföreningen) auf.
Meine Beine sind steif von der langen Reise – erst der Flug nach Östersund in der Mitte Schwedens, dann etwa zwei Stunden Autofahrt gen Westen, vorbei an Åre, Schwedens größtem Skigebiet, und schließlich noch eine Stunde im Allradmobil „Fjällexpressen“ von Storulvån zur Fjällstation. In der Berghütte gibt es rund 100 Betten. Durch die Fenster sind keine der schneebedeckten schwedischen Berge zu erkennen. Draußen tobt ein heftiger Schneesturm. Ich träume von den Skiabfahrten und Kletterabenteuern, die vor uns liegen. Mein Reisepartner, Skifahrer und Outdoordesigner Niklas Kull, reißt mich aus meinen Tagträumen. „Wow, sieh dir mal das Bild hier an“, sagt er und zeigt auf die Wand. Dort hängt das Foto eines wahrhaft großartigen Berges.
Mit seiner einem Blumenkohl ähnelnden Form sieht er typisch schwedisch aus – eine von Schnee und Wind geformte Silhouette. „Sieht wie Mordor aus. Und der Grat dort wie ein schlafender Drache“, stellt Niklas fest, als wir genauer hinsehen. Der schlafende Drache ist der Startpunkt der beliebten Kletterroute Syltraverse. Neben den bizarren Schneeformationen bemerken wir auch ein Couloir, das den Hang durchzieht. Es ist schwer abzuschätzen, wie lang oder steil es ist, aber noch am selben Abend erfahren wir mehr. Die klassische Abfahrt heißt Tempelrännan, hat 200 Meter Höhenunterschied und etwa 45 Grad Gefälle. Plötzlich werde ich unruhig, will nur noch raus und Ski fahren. Aber ich muss das Ende des Sturms abwarten.
Außerdem brauche ich erst einmal etwas Schlaf, bevor ich an unseren ersten Skitourentag denken kann. Die nächsten drei Tage werden wir mit bestem Wetter verwöhnt. Der Sturm zieht sich bereits in der ersten Nacht zurück und hinterlässt viel Neuschnee. Der Wind – wie so oft in Schweden – hat das schlechte Wetter auf die Ostseite der Berge mitgenommen. Jeden Morgen machen wir uns von der Hütte auf den beschwerlichen, aber wunderschönen Weg zum Sylarna-Massiv. Nur langsam gewinnen wir dabei an Höhe. Die meisten der Aufstiege sind mit Fellen möglich, nur ab und zu wird es zu steil, und wir wechseln zu Eispickel, Seil und Steigeisen. Der Grat, den Niklas und ich auf dem Foto gesehen haben, liegt im Zentrum des Gebirgszuges.
Der erste Gipfel von Norden aus gesehen ist der Lillsylen. Dann kommt der höchste Berg der Kette, der Storsylen mit 1.762 Metern. Von dort geht es mehrere Kilometer auf dem Grat bis zu dessen Ende, gleich hinter dem Tempelrännan. Das Ganze ist ein riesiger Spielplatz für Kletterer und Skifahrer. Das Sylarna-Massiv eignet sich perfekt für Bergsteiger, die ein paar Tage oder sogar Wochen bleiben möchten, denn es gibt unzählige Abfahrten unterschiedlicher Schwierigkeit. Sylarna in Jämtland ist Schwedens Chamonix: hohe Berge mit Gletschern, steile und lange Abfahrten in alle Himmelsrichtungen, unglaubliche Couloirs, aber auch einfachere Hänge zum Cruisen. BOING!
Mein Eispickel prallt von der hartgefrorenen Oberfläche des vereisten ersten Teils der Syltraverse ab. Der windverblasene, mit Eis und Schnee bedeckte Hang war zu reizvoll, um ihn nicht zu klettern. Heute wollen wir die Ostflanke des Templet schaffen. Ich hole mit dem Pickel weit aus, um genügend Schwung zu bekommen, und ziele auf einen Punkt, an dem die Blumenkohl-Schneeschicht etwas dicker aussieht. ZACK! Der Eispickel sitzt sicher, während der Wind das Seil zwischen uns hin und her wirbelt. Die schroffen Berge des Sylarna-Massivs sind bekannt für ihr launenhaftes und stürmisches Wetter – oft Ursache für Unfälle, die glücklicherweise selten tödlich enden.
Der wohl bekannteste Unfall in diesen Bergen war allerdings grauenvoll, denn damals kamen 3.000 Menschen in einem fürchterlichen Schneesturm ums Leben. Im Jahr 1718 leitete General Carl Gustaf Armfeldt eine Expedition von Jämtland aus mit der Absicht, Trondheim in Norwegen anzugreifen. Der Befehl kam vom schwedischen Kriegskönig Karl XII. Allerdings wurde der König Ende November in der Grenzstadt Halden umgebracht. Als General Armfeldt nach Weihnachten vom Tod des Königs erfuhr, beschloss er, sich mit seinen 6.000 Soldaten, den sogenannten Karolinern, zurückzuziehen. Die kürzeste Route nach Hause führte durch die Berge des Sylarna-Massivs. Der Rückzug endete in einem Desaster, als ein Schneesturm die Soldaten überraschte.
3.000 starben und wurden zurückgelassen. Weitere Soldaten ließen ihr Leben auf dem letzten Marsch zur schwedischen Stadt Duved westlich von Åre. Ein Drittel der 2.000 Überlebenden zog sich bleibende Schäden zu. Nach der Legende des „Todesmarsches der Karoliner“ nahmen norwegische Bauern, die in der Nähe des Sylarna-Massivs lebten, die Waffen und Munition der toten Soldaten im Frühjahr 1718 an sich. „Wow, sieh Dir diese Flanke an!“ Niklas ruft mir durch den Wind zu und zeigt auf den steilen Osthang des Templet, der direkt vor uns liegt. Wieder hat er mich aus meinen Tagträumen gerissen. Die anstrengende Kletterei hat ein Ende. Das hier ist nicht mehr nur ein Foto. Jetzt sind wir wirklich hier.





Fahrer: Daniel Isklint, Niklas Kull



