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Österreich · Karwendel

A few Steps from Home

Ausgabe 2021 · Text: Max Kroneck · Fotos: Andreas Vigl · 5 min Lesezeit

A few Steps from Home

„Kein Problem, mein Bus hat Allrad!“ Diese euphorischen Worte von Johannes sind längst verklungen. Meter für Meter versuchen wir, die frisch eingeschneite Zufahrtsstraße zum Parkplatz hochzukommen …

„Kein Problem, mein Bus hat Allrad!“ Diese euphorischen Worte von Johannes sind längst verklungen. Meter für Meter versuchen wir, die frisch eingeschneite Zufahrtsstraße zum Parkplatz hochzukommen. Von Allrad ist nichts zu merken. Liegt vielleicht daran, dass der Bus auch gar keinen hat. Also ab auf die Felle. Wir sind irgendwo zwischen Innsbruck und Garmisch, quasi in der Mitte zwischen Jois und unserem Zuhause. Wir wollen ein paar Nächte in einem Winterraum bleiben. Also haben wir ordentliche Rucksäcke geschultert, gefüllt mit Essen und Kameras. Alles was nicht mehr reingepasst hat, ist außen angebunden: Hier baumelt ein Sack Zwiebeln am Rucksack, dort steckt ein Baguette in der Skihalterung. Noch haben wir Zweifel, was die kommenden Tage angeht.

Hinter uns liegen warme Wochen und regnerische Tage. So war aufgrund der mageren Schneebedingungen die Wahl der Hütte das A und O und gar nicht so einfach: Entweder sah die Gegend vielversprechend aus, aber kein Winterraum vorhanden, oder die Hütte war perfekt, nur die Schneeverhältnisse grausig. Warum die Ansprüche? Unser Ziel ist es, die Art des Skifahrens zu zeigen, wie man es aus den klassischen Ami-Skistreifen kennt: steile Spines, tiefe Treeruns, dicke Pillows, alles in einer gigantischen Landschaft. Nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass alles bei uns daheim in den Bergen direkt ums Eck liegt und auf Heli und sonstiges Trara verzichtet wird. Eben so simpel wie möglich.

Oben angekommen sind wir überrascht: Statt einen kleinen Winterraum betreten wir eine Hütte mit Küche, Badezimmer und einem geräumigen Bettenlager. Hier lässt es sich aushalten. Einheizen, Wasser holen, kochen, genießen! Morgen wollen wir früh raus mit der Option, einen ersten Run im Sonnenaufgang zu erwischen. Fürs Foto wäre das bestimmt richtig gut, aber Andi, unser Fotograf, ist noch nicht da. Als wir dann in der Früh um 4 Uhr Kaffee machen, fällt uns die Kinnlade runter: Andi steht in der Tür, möchte kein Müsli, dafür aber einen doppelten Espresso. Er sei gestern Abend nach einem Foto-Job in der Schweiz noch gleich in unsere Richtung gehetzt und ist durch die Nacht erstmal an der Hütte vorbei, denn unsere Spuren waren wieder zugeschneit.

Irgendwann so um 1 Uhr hat er sie dann doch gefunden, also vor drei Stunden. Im Schein der Stirnlampen dackeln wir das Tal hinauf. Als es anfängt zu dämmern, bricht Hektik aus. Wer fährt welche Linie? Wo steht die Kamera? Wer darf als erstes fahren? So hat auch das Rennen gegen die Sonne begonnen. In steilen Spitzkehren geht es dem Gipfel entgegen... „Wo war nochmal mein Drop-in?“ Jetzt aber schnell. Felle abziehen, Skischuhe zuknallen und... bam! Die Sonne geht auf, alle sind bereit. Unter uns eröffnet sich das reinste Paradies: Frischer Traumschnee bei Sonnenschein und ausgesetzte Spines. Als wir drei der Reihe nach bei den Filmern eintrudeln, könnten die Glücksgefühle nicht größer sein. Alle sind happy.

Doch da meldet sich Andi übers Funkgerät: Er wollte die ganze Szenerie von oben aus fotografieren, doch wir haben es total verpasst, ihm ein Zeichen zu geben. Naja, dann halt noch mal hoch, es ist noch früh genug. Nach dem zweiten Run ziehen Wolken auf und es geht zufrieden zurück zur Hütte. Irgendwie sind wir froh, so können wir ruhigen Gewissens ein zweites – für Andi erstes – entspanntes Frühstück genießen. Als Joi die Uno-Karten auspackt, fängt es an zu schneien. Genau so haben wir uns das vorgestellt. Nachmittags schwärmen einige wieder aus. Jochen hat einen Kicker-Spot gefunden, Joi eine Pillow-Line zwischen den Bäumen entdeckt. Am nächsten Morgen finden wir unsere Skier unter gut 30 Zentimetern Neuschnee. Sehr gut!

So geht es direkt aus der Schlafposition in die Skiposition – wortwörtlich! Direkt vor der Hütte verbringen wir einen perfekten Tag mit vielen kurzen, aber spaßigen Runs. Der Tag vergeht so schnell, dass wir tatsächlich fast den Kicker vergessen, den Jochen abends geschaufelt hatte. „Jetzt aber schnell, gleich wird es dunkel!“ Ohne Speed Check rauscht Jochen los. Von oben sieht es aus, als wäre er im Bachbett gelandet. So schwer waren Speed und Richtung einzuschätzen... „Schneller!“ ruft er hinauf. Max geht noch ein paar Meter hoch, schiebt ordentlich an und landet seinen 7er knapp neben Johannes, der mit der Kamera in der Hand erschrocken mit offenem Mund hinterhergafft. Noch zwei Hits für jeden, dann ist das Licht bereits wieder schlecht.

Ohne Speed Check, mit kurzer Landung und komplett blinder Anfahrt sind wir happy, alles gelandet zu haben, und freuen uns darauf, die Bilder zu sehen. Leider gab es keine gute Perspektive und später wird es die Aktion nicht in den Film schaffen. So ist das eben manchmal! Neuer Tag, neues Glück. Wir starten wieder im Schein der Stirnlampe in Richtung Spines. Von der Sonne ist nichts zu sehen, denn es schneit noch ordentlich. Laut Wetterbericht soll es ab neun Uhr allerdings schön werden. Die wahrscheinlich einzige Wolke in der Gegend, so kommt es uns zumindest vor, hängt unbewegt über uns. „Los geht's, mach dich bereit, in 30 Sekunden kommt ein Wolkenloch!“ Schuhe noch offen, den Mund voll mit Müsliriegel, keine Handschuhe an, voll im Stress.

„Ah, nein! Doch nicht!“ Und so geht es dahin. Joi und Max haben genug von der Warterei und verziehen sich in das Rinnensystem nebenan. Doch irgendwann kommt das angekündigte Wolkenfenster doch noch. Kurz darauf stellt Jochen seinen Trick direkt vor die Kamera. Joi und Max kommen auch zum Fahren, so hat sich der „Schlechtwettertag“ doch noch rentiert. Wehmütig packen wir nach einem langen Wochenende unsere Sachen und dürfen ein letztes Mal auf die Skier und zurück ins Tal wedeln. Wie sich rausstellen wird, war es nicht nur für uns die zeitlich letzte Chance. Covid-19 steht vor der Tür. Und so wird die Botschaft, die wir über den Film transportieren wollten, für die nächste Zeit zur Selbstverständlichkeit: „A few steps from home“.

A few Steps from Home
© Andreas Vigl
A few Steps from Home
© Andreas Vigl
A few Steps from Home
© Andreas Vigl
A few Steps from Home
© Andreas Vigl
A few Steps from Home
© Andreas Vigl

Fahrer: Johannes Hoffmann, Max Kroneck, Jochen Mesle

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