Iran · Alborz-Gebirge (Shah Alborz)
Between Silence and Snow
Ausgabe 2026 · Text: Marjan Miri · Fotos: Mohammad Hajabolfath · 3 min Lesezeit

Manche Träume schlummern jahrelang still in uns. Der Shah Alborz (4.170 Meter) war einer von ihnen. 1986 verließ ich während des Iran-Irak-Krieges gemeinsam mit meiner Familie den Iran und baute mir später zunächst in Deutschland, dann in den USA ein neues Leben auf. Doch die Berge meiner Heimat …
Manche Träume schlummern jahrelang still in uns. Der Shah Alborz (4.170 Meter) war einer von ihnen. 1986 verließ ich während des Iran-Irak-Krieges gemeinsam mit meiner Familie den Iran und baute mir später zunächst in Deutschland, dann in den USA ein neues Leben auf. Doch die Berge meiner Heimat haben mich nie losgelassen. Vor siebzehn Jahren kehrte ich zurück – in die Landschaften meiner Kindheit. Aber erst im April 2026, während erneut Krieg über den Iran hereinbrach, wurde der Traum vom Shah Alborz Wirklichkeit. Gemeinsam mit meinem Partner Mohammad Hajabolfath sowie meinen Freunden Ehsan Darabi und Mobin Movahedi machte ich mich auf den Weg zu einem Berg, der weit mehr ist als nur ein Gipfel.
Mitte April hielt sich der Winter in den höheren Lagen des Shah Alborz noch hartnäckig. Als Mohammad vorschlug aufzubrechen, gab es nichts zu diskutieren. Ehsan und Mobin waren sofort dabei. Die Unsicherheit jenseits der Berge stärkte unsere Entschlossenheit. Der Widerspruch, dass um uns herum Krieg herrschte, wurde zur stillen Motivation. Nach Sonnenaufgang fuhren wir nach HassanJoon. Am Ausgangspunkt lag eine fast greifbare Stille. Dann, beinahe unbemerkt, gingen wir los.
Allmählich wich der staubige Weg dem Schnee, Wanderschuhe wurden gegen Ski getauscht, und der vertraute Rhythmus einer Skitour stellte sich ein. Unsere Gespräche wechselten zwischen Routenwahl, Erinnerungen und langen Momenten des Schweigens. Mal ging es um den Weg, mal um unser Leben. Schon bald gab der Berg das Tempo vor, und mit jedem Schritt rückte die Welt unter uns ein Stück weiter in die Ferne. Am frühen Nachmittag erreichten wir eine kleine Berghütte, die unser Freund Saber Sadeghian zum Gedenken an seinen Vater Najman Sadeghian errichtet hatte. Saber begrüßte uns mit unverkennbarer Freude. Über dem Eingang hing eine schlichte Inschrift: „Wenn jemand dein Haus betritt, frage ihn nicht nach seinem Glauben – gib ihm zuerst ein Stück Brot.“
Diese Worte hallten nach. In einer Zeit der Unsicherheit war ihre Botschaft wohltuend einfach: Menschlichkeit kommt zuerst. In dieser Nacht, umgeben von der Stille der Berge, schienen diese Worte vollkommen auszureichen.
Am nächsten Morgen forderte der Berg unsere ganze Aufmerksamkeit. Das Gelände wurde steiler. Gewaltige, vom Wind geformte Wechten säumten die Grate, während der weiche Schnee unter den Ski allmählich blankem Eis wich. Einer nach dem anderen montierten wir Harscheisen und stiegen weiter auf. Der Shah Alborz verlangt einen langen Gipfeltag, die Müdigkeit wächst stetig. Doch niemand dachte ans Umkehren.
Jeder von uns hatte seinen eigenen Grund, hier zu sein. Mit jedem Schritt dachte ich an diejenigen, die diesen Weg nie mehr gehen würden. An die unschuldigen Menschen, die den Konflikten jenseits dieser Berge zum Opfer gefallen waren – darunter auch die Kinder der Schule von Minab, die erst kurz zuvor durch Gewalt ihr Leben verloren hatten. Ich konnte nichts ungeschehen machen. Aber ich konnte ihre Erinnerung mit nach oben tragen. Jenseits der Gipfel und Grate drehte sich die Welt weiter – voller Schlagzeilen und Konflikte. Hier oben hingegen lag unberührter Schnee über dem Berg. Es war keine Flucht, sondern etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Wir erreichten den Gipfel ohne Jubel. Kein Countdown. Kein dramatischer Schlussspurt.
Nur die stille Erkenntnis, dass es nicht höher hinaufging. Schweigend blickten wir über das Alborz-Gebirge bis zum Horizont. Erst jetzt wurde mir klar: Dieser Trip handelte nie nur vom Skifahren. Er erzählte von Freundschaft, Erinnerung und Zugehörigkeit. Davon, dass Träume keine Erlaubnis der Geschichte brauchen. Selbst in unsicheren Zeiten gibt es etwas in uns, das weitergeht.
Die Abfahrt begann über windgepressten Schnee und ging bald in lange, genussvolle Schwünge über. Was uns im Aufstieg herausgefordert hatte, belohnte nun jeden einzelnen Schwung. Mit jedem Turn rückte das Tal näher, bis unter uns erneut das Najman House auftauchte – ein stilles Symbol der Hoffnung.
Berge können keine der Konflikte dieser Welt lösen. Aber sie erinnern uns an Perspektive, Ausdauer und Zeit. Menschliche Konflikte ziehen über sie hinweg wie das Wetter. Zivilisationen bestehen weitaus länger als Kriege oder politische Ereignisse. Die Berge bleiben bestehen. Ebenso wie die Erinnerung, die Sprache und die Menschen, die in ihnen zuhause sind. Vielleicht kehren wir deshalb immer wieder zurück – nicht, um der Geschichte zu entfliehen, sondern um uns daran zu erinnern, dass die Geschichte niemals die ganze Wahrheit ist.




Fahrer: Marjan Miri, Ehsan Darabi, Mobin Movahedi


