Grönland · Südwestgrönland
Beyond the Charts
Ausgabe 2026 · Text: Stefan Herbke · Fotos: Stefan Herbke · 3 min Lesezeit

Was für ein Bild: Kleine Eisberge treiben im Wasser, direkt dahinter ragt eine rund 50 Meter hohe Wand aus blauem Gletschereis auf. Mit dem Schlauchboot verlassen wir das Segelschiff, das in einem namenlosen Fjord im Südwesten Grönlands vor Anker liegt, und manövrieren zwischen Eisschollen hindurch …
Was für ein Bild: Kleine Eisberge treiben im Wasser, direkt dahinter ragt eine rund 50 Meter hohe Wand aus blauem Gletschereis auf. Mit dem Schlauchboot verlassen wir das Segelschiff, das in einem namenlosen Fjord im Südwesten Grönlands vor Anker liegt, und manövrieren zwischen Eisschollen hindurch ans Ufer. Die von Algen überzogenen Felsen sind rutschig, doch wir finden sicheren Tritt. Kaum sind wir gelandet, verändert sich die Landschaft. Das Wasser zieht sich zurück, ein gewaltiger Sandstrand kommt zum Vorschein und wächst mit jeder Minute. Zurück bleiben gestrandete Eisbrocken und eine mächtige Front aus reinem Eis – die Kulisse für ein Abenteuer im grönländischen Niemandsland.
Bei Flut berührt das Wasser spielend den Gletscherrand, und man kann gut seitlich davon anlanden. Überraschend schnell sinkt der Wasserspiegel dann um mehrere Meter, und es wird fast unmöglich, mit dem Motorboot das Ufer zu erreichen. Zwischen lockerem Moränenschutt, glattgeschliffenen Felsen und dem gewaltigen Gletscher, der das gesamte Tal abriegelt, kämpfen wir uns bergauf. Erst weiter oben können wir auf den Eispanzer wechseln. Mit Steigeisen suchen wir einen Weg durch das Spaltenlabyrinth, um die in einem Seitental versteckten Skihänge zu erreichen. Der spannende Auftakt einer atemberaubenden Überschreitung, die in einem benachbarten Fjord endet. Dort werden wir vom Boot wieder abgeholt.
„Ich möchte sagen, dass ich einen schönen Tag hatte“, freut sich Paul Walser über die Tour, auch wenn die einsetzende Ebbe uns fast einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Der Bergführer aus Obergurgl in Tirol ist immer auf der Suche nach Neuland abseits der bekannten Skitourengebiete. Er war bereits in Norwegen, Island, Spitzbergen und auf den Vulkanen Chiles unterwegs. Faszinierende Ziele, aber dennoch deutlich näher an der Zivilisation. „Grönland dagegen klingt absolut spannend und wild“, meint er und strahlt über das ganze Gesicht.
Wo wir sind, gibt es weder Siedlungen, noch Häuser oder Handyempfang. Stattdessen erwarten uns unberührte Natur und unzählige Berge mit verlockenden Skihängen. Für die Planung gab es lediglich rudimentäre Onlinekarten. Anhand von Hang neigung und Luftbildern sucht Paul nach möglichen Routen. Ohne zu wissen, ob die Touren tatsächlich machbar sind, was übrigens auch bereits für die die Anreise gilt. Die Hauptstadt Nuuk erreicht man noch recht gut, doch für den Weiterflug ins 2.500 Einwohner zählende Maniitsoq braucht man vor allem gute Sicht. Vor uns hatte es eine Woche lang kein Flieger geschafft. Von dort sind es dann weitere hundert Kilometer mit dem Segelschiff in einen nördlicheren Fjord, der gefühlt endlos ins Festland hineinragt.
Nach der langen Fahrt erreichen wir einen versteckten Seitenarm. Auf der einen Seite kalbt der Gletscher ins Meer, auf der anderen kann man selbst bei Ebbe anlanden. Flach geht es über einen kilometerlangen Gletscher zwischen fotogenen Bergriesen taleinwärts. Irgendwo biegen wir rechts ab und erreichen nach einem steilen Anstieg eine weite Ebene. Es ist längst Abend, doch im Mai scheint die Sonne bis Mitternacht. Für die Schneequalität macht das kaum einen Unterschied: Ganz unten friert es selbst nachts nicht mehr durch, weiter oben hält sich nordseitig noch feiner Pulverschnee. Mit jeder Minute werden die Schatten länger und das Licht schöner.
Während sich unter uns eine Wolkendecke ausbreitet, genießen wir die sanften Sonnenstrahlen und erreichen schließlich gegen 20 Uhr den über 1.650 Meter hohen, wie alle seine Nachbarn namenlosen Berg. Der Lohn: ein Gipfelfoto mit glücklichen Gesichtern und ein überwältigender Rundblick. Auf der einen Seite fließen die Eisströme hinunter zu den Fjorden, auf der anderen scheinen die Gletscher nahtlos ins grönländische Inlandeis überzugehen. Wir sind komplett allein. Die nächste bewohnte Siedlung liegt 65 Kilometer Luftlinie entfernt. Selbst die Fauna ist überschaubar – bis auf zwei Schneehühner, die uns beim Anstieg gelangweilt beobachtet haben.
Über Nacht wechseln wir in den nächsten Fjord. Dort hören und spüren wir den Gletscher bereits, bevor er ins Blickfeld rückt. Der Teppich aus Eisschollen wird dichter, immer wieder zerreißt ein donnerndes Krachen die Stille, kurz darauf erreichen uns die Wellen kleiner Tsunamis. Dann taucht die gewaltige Gletscherzunge auf. Gefühlt im Minutentakt brechen Eisblöcke ab und stürzen mit Getöse ins Wasser. Klar, dass wir hier nach der nächsten Skitour zur Abkühlung ins Meer springen. Es ist nur eines von vielen spektakulären Motiven, die wir auf unserer Grönlandreise sammeln und die uns noch lange in Erinnerung bleiben werden.




Fahrer: Paul Walser



