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Grönland · Evighedsfjorden

Ski Touring in the Arctic

Ausgabe 2017 · Text: Martin Letzter · Fotos: Fredrik Schenholm · 4 min Lesezeit

Ski Touring in the Arctic

Es war schon lange ein großer Traum von mir, auf Grönland Ski zu fahren. Mit seiner Landschaft und Fjorden, umgeben von majestätischen Gipfeln, bietet das Land fast überall unberührte Wildnis direkt …

Es war schon lange ein großer Traum von mir, auf Grönland Ski zu fahren. Mit seiner Landschaft und Fjorden, umgeben von majestätischen Gipfeln, bietet das Land fast überall unberührte Wildnis direkt vor der Haustür. Jedes Jahr werden die Berge von ihren Gipfeln bis hinunter zum Wasser komplett mit bestem Schnee verziert, was die Region zu einem wahren Mekka für Wintersportler macht. Um vom besten Skifahren zu kosten, das Nordeuropa zu bieten hat, entschieden wir uns, die Gegend mit Boot, Zelt, Fellen und Muskelkraft näher zu erkunden und machten uns auf den Weg zu der eisbedeckten Insel. Unser Skipper navigiert durch die Eisschollen, die sich langsam verdichten.

Der Motor sendet bereits Rauch in die kalte Nachmittagsluft, als wir uns durch das Packeis schieben. Der Fiberglasrumpf des Bootes kracht und ächzt. Zwei Stunden, nachdem wir Maniitsoq verlassen haben, erreichen wir unser Ziel und finden eine eisfreie Bucht, in der wir an Land gehen können. „Wir sehen uns in acht Tagen!“ ist das Letzte, was wir hören, bevor uns das kleine Boot in unserem neuen Zuhause zurücklässt. Über Kopenhagen ging es zunächst mit dem Flieger nach Kangerlussuaq und Maniitsoq. Schnell versorgten wir uns mit dem Nötigsten für eine Woche, danach ging es für die letzten 40 Seemeilen aufs Boot.

Nachdem wir unser Lager bei Schneefall eingerichtet haben, unternehmen wir eine zweistündige Aufklärungstour, um eine Route zu den Gletschern der Halbinsel zu finden und die ersten Powderturns zu machen. Abends planen wir den nächsten Tag. Ich will unbedingt die beiden Helikopter schlagen, die hier in der Gegend Skifahrer auf die umliegenden Gipfel fliegen. Daher einigen wir uns auf einen frühen Start am nächsten Tag, um bereits um 9 Uhr auf dem ersten Gipfel zu stehen. Nach einer kurzen Nacht brechen wir um 5 Uhr auf. Der Schneefall hat aufgehört, und als die ersten Sonnenstrahlen die Morgenbewölkung auflösen, steigt die Stimmung. Langsam offenbart sich die fantastische Landschaft um uns herum.

Jede Menge dicht aneinander gereihte, 1.500 Meter hohe Gipfel, mit dem dunklen Wasser des Nordatlantiks im Hintergrund. Nach vier Stunden Aufstieg durch 20 Zentimeter tiefen Pulverschnee erreichen wir unseren ersten Gipfel und verstummen beim Anblick der Umgebung. Auf den wenigen uns umgebenden Quadratkilometern rund um den Evighedsfjord stehen mehr Gipfel als in Frankreich, der Schweiz und Österreich zusammen. Es gibt keine Täler oder andere Hindernisse. Sie stehen so eng, scheinbar nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Dazwischen wartet feinster Powder in unterschiedlichsten Geländeformen von breiten Schneefeldern bis hin zu schmalen Couloirs.

Wir brauchen uns keine Sorgen um die Heliskifahrer zu machen, denn ein Leben würde nicht ausreichen, um alle Linien, die wir von hier sehen, zu befahren. Wir konzentrieren uns auf das, wofür wir hergekommen sind, und drehen die Skispitzen talwärts. Am ersten Tag schaffen wir drei Gipfel und ca. 2.500 Höhenmeter – bei nahezu perfekten Schneebedingungen. Vom Camp aus machen wir die nächsten Tage auf unseren acht- bis zehnstündigen Tagestouren Abfahrten zwischen 500 und 1.200 Metern Länge, ohne je einen Run zu wiederholen. Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und wenig Wind machen den Schnee sicher, leicht und einladend. Nach einem Ruhetag mit erneutem Schneefall steuern wir entlang der Küste nach Osten, um zur Grönland-Eiskappe zu gelangen.

Nach fünf Kilometern kommen wir zu dem Punkt, wo die Eiskappe die Verbindung zwischen Festland und Halbinsel bildet. Der massive Gletscher schiebt sich auf unsere Halbinsel und bildet eine T-Kreuzung, von der er in ein riesiges Bergmassiv fließt, 90 Grad in beide Richtungen dreht und hinunter zu den Fjorden stürzt. Hier fällt der Gletscher plötzlich über 100 Meter in den Ozean hinab. Eisberge zeugen davon, dass der Gletscher ständig kalbt. Einer der besten Runs führt uns von einem Punkt 800 Meter über dem Meeresspiegel bis hinunter zur Küste, wo kristallklare, quadratische Eisblöcke auf ihrer Reise zum Meer gestrandet sind. Wir genießen die Aussicht und spülen unsere Sandwiches mit dem reinen Wasser eines tausendjährigen Gletschers hinunter.

Die Eisdecke ist hier bis zu 110.000 Jahre alt. Wie alt wohl das Wasser ist, das wir trinken? Es ist unmöglich, von Grönland nicht verzaubert zu werden. Die Landschaft erinnert an Norwegens Fjorde – allerdings auf Steroiden. Alles ist riesig – nicht bedrohlich, eher einladend. Dank des dänischen Staates wurde in einigen Gemeinden rund um die Insel eine gewisse Grundinfrastruktur aufgebaut. Insgesamt leben etwa 56.000 Einwohner an der West- und Ostküste. Die Dörfer sind wunderschön, mit bunten Häusern in verschiedenen Schattierungen von Rot, Blau, Grün und Gelb. Seehunde, Walrosse, Buckel-, Zwergwale und Belugas sind nur einige der Tiere, die man beobachten kann.

Nachdem wir die Halbinsel überquert haben und bei bestem Frühlingsschnee einen 40 Grad steilen Gletscher bis zum Nordufer hinuntergefahren sind, beenden wir unseren letzten Tag am Evighedsfjord. Der Pulverschnee der ersten Tage hat sich mittlerweile gesetzt und der gestrige Schneefall eine großzügige neue Schicht daraufgesetzt. Als wir die langen Hänge zum Meer hinunterfahren, spritzt der Pulverschnee in der Sonne. Anders als unser Camp liegt das Nordufer direkt an einigen steilen Hängen mit schneebedeckten Fels-Pillows, die einen unglaublichen Spielplatz darstellen. Wir entdecken eine neue Lieblingsabfahrt, die gleichzeitig Zugang zum Wasser bietet, und wissen jetzt, wo wir das nächste Mal unser Camp einrichten.

Glücklich und zufrieden packen wir unsere Ausrüstung ein und fahren mit dem Boot zurück nach Maniitsoq. Am nächsten Tag verlassen wir Grönland. Allerdings wird es nicht lange dauern, bis wir wieder zurückkommen.

Ski Touring in the Arctic
© Fredrik Schenholm
Ski Touring in the Arctic
© Fredrik Schenholm
Ski Touring in the Arctic
© Fredrik Schenholm
Ski Touring in the Arctic
© Fredrik Schenholm
Ski Touring in the Arctic
© Fredrik Schenholm

Fahrer: Johan Engebratt, Martin Letzter, Tom Seemann

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