Grönland · Watkins Range (Nuuk Fjord)
Fjord Skiing in Greenland
Ausgabe 2014 · Text: Stéphane Godin · Fotos: Stéphane Godin · 5 min Lesezeit

Es ist Mitte April, und der Winter in den Alpen hatte uns nicht wirklich verwöhnt. Es gab zwar ein paar gute Tage, aber verglichen mit den beiden vergangenen Wintern war es ziemlich mager …
Es ist Mitte April, und der Winter in den Alpen hatte uns nicht wirklich verwöhnt. Es gab zwar ein paar gute Tage, aber verglichen mit den beiden vergangenen Wintern war es ziemlich mager. Glücklicherweise bereiten wir uns gerade auf eine Grönlandreise vor, so dass wir die Skier noch nicht einmotten müssen. Unser Ziel ist Nuuk, die Hauptstadt von Grönland. Die „La Louise“, ein Polarschiff, wartet dort im Hafen, um uns auf einen neuntägigen Skitourentrip in das Herz der Fjorde mitzunehmen. Eine spektakuläre Umgebung, das Navigieren durch eisiges Wasser, beeindruckende Landschaften und großartiger Schnee sind die Zutaten, die einen Kindertraum Wirklichkeit werden lassen.
Für viele Menschen mögen Skifahren und Grönland wie Fish and Chips zusammengehören: ein kaltes Land mit Schnee das ganze Jahr über – das ist DER Ort zum Skifahren, oder nicht? Doch manchmal sind die Dinge nicht ganz so einfach. Der Hafen von Nuuk im April. Wir kommen an der „La Louise“ an, einem französischen Schoner unter Kapitän Thierry Dubois. Große Schneeflocken fallen vom Himmel. Die Grönländer sehnen den Frühling herbei, doch der Winter kehrt zurück, was uns sehr erfreut. Es gibt ein „Skigebiet“ in Nuuk, das sich auf einen Schlepplift gleich hinter dem Flughafen beschränkt. Hier muss man Touren gehen, was aber eigene Planung und Vorbereitung bedeutet, um einen Gipfel zu erreichen.
Am besten funktioniert es mit einem Boot, dem idealen Kompromiss zwischen Komfort und Mobilität. Die meisten Berge gibt es an der Küste, während ein riesiger, flacher Gletscher die Mitte des Landes bedeckt. Die meisten hohen Berge erheben sich im Osten. Der höchste Gipfel jedoch, der Mount Gunnbjörn (3.733 Meter), liegt an der Westküste, wo auch das Wetter besser ist. Man braucht nicht zu weit fahren, um geniale Linien zu finden. Der Nuuk Fjord, 160 Kilometer lang, mit drei großen, gebirgigen Inseln, ist zum Skifahren ideal. Schon vom Meer aus sieht man die Buchten und Berge, von denen viele direkt aus dem Wasser bis auf 1.800 Meter Höhe reichen. Unser erstes Ziel ist die Itisoq Bay südwestlich der Insel Storo.
Nach mehreren Stunden auf ruhiger See setzen wir Anker. Aliette, zweite Kapitänin der Louise, bringt uns mit einem kleinen Zodiacboot an Land. Bei nur etwas über null Grad Wassertemperatur sollte man keinesfalls kentern. Mensch und Material abzusetzen ist auch nicht einfach, da durch die Gezeiten alles unglaublich rutschig ist. Und die Skistiefel dürfen nicht nass werden, weil das den ganzen Tag ruinieren würde. Wir beginnen unsere erste Tour auf der nordöstlichen Seite eines 1.105 Meter hohen Berges. Der Schnee ist pulvrig, der Himmel blau, der Ausblick auf die drei Arme des Nuuk Fjords unter uns – Nup Kangerdlua, Qornup Suvdlua und Umanap Suvdlua – herrlich.
Bei der Abfahrt durch perfekten Pulverschnee sehen wir die Louise als kleinen Punkt in der riesigen Bucht, das einzige Zeichen menschlicher Präsenz. Was für ein einzigartiges Gefühl! Jeden Abend nehmen wir die Karte zur Hand, um unser nächstes Abenteuer zu planen. Thierry kennt die Gegend sehr gut und macht uns Vorschläge. Da es erst spät dunkel wird, haben wir genug Zeit, um durch das Fernglas das Terrain näher zu betrachten und die nächste Route auszuwählen. In der Qorqut Bay steigen wir auf den Mount Qajuta (1.250 Meter) hoch über den Qorqut und Ameralik Fjords und werden mit gigantischen Ausblicken belohnt. Am Abend zieht es uns Richtung Norden. Tags darauf stehen wir auf dem 1.350 Meter hohen „Iron Horse“.
Der Aufstieg dauert länger als gedacht, da der Berg extrem steil ist. Vom Gipfel blicken wir über den Gletscher, der den Narssap Sermia Nuuk Fjord speist. Atemberaubend. Es wird spät und wir suchen die richtigen Spots für Action-Aufnahmen bei Sonnenuntergang. Am nächsten Tag haben wir keine Tour vor. Der Himmel ist bewölkt. Wir besuchen den kleinen Fischerort Kapisilik, der an einer schönen Bucht liegt. Getrockneter Fisch hängt an Gestellen vor den Häusern, und Kinder spielen auf dem Schulhof. Das Leben scheint ruhig und friedlich, aber wir sind sicher, dass es die klimatischen Bedingungen hier nicht einfach machen. Am nächsten Morgen segeln wir früh weiter.
Die Sonne scheint, und wir möchten das Nordende der Insel Storo erreichen, um an der Nordseite des Naujanguit Ski zu fahren: 950 Höhenmeter, die direkt im Wasser enden. Zwei ins Meer fließende Gletscher haben in der Nacht gekalbt, zum ersten Mal muss die Louise Slalom durch Eisberge fahren. Aus Spaß – und für ein paar Fotos – landet Thierry an einem der Eiskolosse an. Wir klettern auf den riesigen Eisberg, unsere „Tour des Tages“. Die ganze Gruppe ist hoch motiviert und von der Atmosphäre beeindruckt. Diese guten Schwingungen brauchen wir, denn am folgenden Tag ist unser schwierigstes Abenteuer geplant: die Tour auf den höchsten Punkt der Insel Storo, den Qingap mit 1.816 Metern.
Wir wollen auf dem Gipfel die Abenddämmerung erleben und machen uns erst spät auf den Weg. Geplante Rückkehr: Mitternacht. Das mag etwas unvernünftig klingen, doch die Tage im hohen Norden sind um diese Jahreszeit sehr lang. Wir steigen mit Fellen dem Sonnenuntergang entgegen. Bei der Abfahrt verwöhnt uns die Polarnacht mit malerischem Zwielicht. Müde, aber glücklich und mit breitem Grinsen kehren wir zum Boot zurück. Unsere nächste Etappe verspricht nicht minder beeindruckend zu werden. Wir liegen in einer Bucht südlich der Insel Sadelo, der kleinsten der drei Inseln im Nuuk Fjord, im Schatten des Mount Sadlen (1.210 Meter) vor Anker. Zu Beginn unserer Tour ist es sonnig und warm, es geht ein laues Lüftchen.
Nur 20 Minuten später entwickelt sich ein heftiger Sturm am Berg. Sekunden bevor die Insel in massiven Wolken versinkt, erreichen wir den Gipfel. Die Sicht ist gleich Null. Und die Temperatur sinkt in den Minusbereich. Unglaublich! Der Plan, auf der anderen Seite abzufahren, ist hinfällig. Wir kennen den Berg nicht und können nur unsere Aufstiegsspur als Orientierungshilfe nutzen. Unsere letzten beiden Tage in Grönland sind zu stürmisch, als dass die Louise ankern, geschweige denn das Beiboot uns an Land bringen könnte. Also segeln wir nach Nuuk zurück. Wir hatten wohl nicht durchgängig Glück, aber das machte uns nichts aus.
Der Großteil unserer Reise war mit großartigem Wetter, unglaublichen Schneeverhältnissen und einer unvergesslichen Szenerie gesegnet. Grönland wird uns wiedersehen. Sehr bald sogar!





Fahrer: Richard Amacker, Thibaud Duchosal, Phil Meier



