Italien · Brenta Dolomites (Cima Tosa)
Cannelloni for Breakfast
Ausgabe 2017 · Text: Nadine Wallner · Fotos: Andreas Vigl · 4 min Lesezeit

Ende März 2017, die Skifahrer in den Nordalpen leiden unter einer Warmfront. Obwohl der Eindruck entsteht, dass der Winter sich frühzeitig verabschiedet, ist unser Skihunger noch lange nicht …
Ende März 2017, die Skifahrer in den Nordalpen leiden unter einer Warmfront. Obwohl der Eindruck entsteht, dass der Winter sich frühzeitig verabschiedet, ist unser Skihunger noch lange nicht gestillt. Während sich die meisten Powderjunkies bereits auf ihre Mountainbikes schwingen oder am Fels die Finger langziehen, beobachten Nadine und ich aufmerksam das Wetter und die Schneebedingungen. Ein geplantes Projekt in der Ostschweiz lässt sich nicht umsetzen, aber Nadine hat noch ein anderes Ziel im Kopf. Das Canalone Neri an der Nordseite der 3.173 Meter hohen Cima Tosa, dem höchsten Gipfel der Brenta-Gruppe in Norditalien.
Das Canalone Neri ist eine gemäßigte alpine Eistour oder, im Winter mit ausreichend Schneeauflage, eine Ski-Linie mit 900 Höhenmetern und Abschnitten mit rund 50 Grad. Das lange Couloir wurde erstmals 1970 von Heini Holzer, einem italienischen Alpinisten und einem der berühmtesten Extrem-Skifahrer der 70er Jahre, befahren. Im Laufe der Jahre wurde das Canalone Neri zu einer klassischen Steilwandabfahrt mit immer mehr Skiabfahrten – auch die Tatsache, dass die mittlere Eiswand, durch die man vor wenigen Jahren noch abseilen musste, wegschmolz, macht es für Skifahrer interessanter. Zuerst bin ich skeptisch. Vielbefahrener Klassiker, lange Anreise und ich muss noch einen Babysitter für meinen Sohn Vinzent organisieren.
Nadine zeigt mir den Wetterbericht – es war warm die letzten Tage an der Cima Tosa, jetzt kommt eine Kaltfront mit 10-15 Zentimeter Neuschnee und danach wieder Hochdruckwetter. Ja, perfekte Bedingungen für eine Steilwandrinne. Aber ist so ein Klassiker das richtige Projekt für uns? Sind die nicht überlaufen und eher Prestigeobjekt als coole Skiabfahrt? Klassiker hin oder her, meint Nadine, es geht um das gemeinsame Erlebnis und bei diesen Verhältnissen sind sicher coole Freerideturns möglich. Nadine zeigt mir noch ein tolles Bild der Rinne aus einem alten Buch, das sie von ihrem Vater hat, und schon hat sie mich überzeugt. Vier Tage später hole ich sie ab und wir fahren nach Madonna di Campiglio, unserem Ausgangspunkt.
Nach vier Stunden Autofahrt genießen wir im T-Shirt auf einer kleinen Terrasse das Dolce Vita der Dolomiten und essen, passend zur Unternehmung, eine Portion Cannelloni. Schnee ist weit und breit nicht zu sehen, nicht einmal am Parkplatz im Vallesinella, wo wir die Tour starten. So heißt es Bergschuhe an, Ski und alles Material in und an den Rucksack. Der lange Aufstieg beginnt. Ein idyllischer Wanderweg führt uns durch einen Wald und bald erreichen wir die Baumgrenze. Die massiven Gipfel der Brentagruppe ragen über unsere Köpfe hinweg. Wir erblicken beeindruckende Felsformationen und vor allem: Schnee! Über den Höhenweg können wir schon die ersten Blicke auf unser Objekt der Begierde werfen und ein Grinsen macht sich auf unseren Gesichtern breit.
Es kühlt ab und wir sind zuversichtlich. Im Winterraum der Rifugio Ai Brentei machen wir es uns mit Speck, Käse und Schnaps gemütlich und saugen die letzten Sonnenstrahlen auf. Es wird langsam dunkel und der Vollmond steigt wie ein großer Scheinwerfer über der steilen Rinne auf. Bei warmem Tee lassen wir uns von der Stille und Einsamkeit berieseln. Nur ein paar kleine freche Hausgäste, die es auf unseren Proviant abgesehen haben, huschen von Eck zu Eck. Nach einer entspannten Nacht machen wir uns auf den Weg. Die flache Ebene und den ersten Anstieg bewältigen wir auf Fellen. Am Einstieg der 900 Meter langen Steilwandrinne schnallen wir die Steigeisen an. Mit dem Pickel in der Hand setzen wir den Aufstieg in der Direttissima durch die Rinne fort.
Die Sonne geht langsam auf und lässt die dunklen Schatten der Morgendämmerung verschwinden. Die steilen und hohen Felswände links und rechts sind beeindruckend, allein mitten in diesem Schlund aus Fels und Schnee zu stehen, ist schon ein besonderes Erlebnis. Wir finden einen guten Rhythmus beim Spuren und stellen bereits im ersten Drittel fest, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Der Neuschnee der letzten Tage hat sich gut gesetzt und wir finden den perfekten Tourenpowder vor. Der Eiswulst in der Mitte ist fast nicht mehr vorhanden. Schade eigentlich, wenn man es aus alpinistischer Sicht betrachtet. Jedoch für uns perfekt: Eine 900 Meter lange Steilwandrinne, die ohne Abseilen oder kritische Passage befahrbar ist.
Da können wir die Ski auch mal laufen lassen. Den steilen Anstieg und die 3.173 Meter Höhe merken wir ordentlich in den Beinen. Erschöpft erreichen wir um die Mittagszeit das große Gipfelplateau der Cima Tosa. Wir werden mit einer sensationellen Aussicht in die Brenta- und Adamellogruppe belohnt. Nach stiller Jause und Pause ist es endlich soweit. Wir schnallen die Ski an und fahren in die steile Rinne ein. Der Schnee wurde über Nacht durch den Wind ein wenig verfrachtet und eine dünne Kruste hat sich gebildet. Also Vorsicht beim Fahren, vor allem durch die Verfrachtung müssen wir auf kleine Schneebretter achten. Stürzen ist hier keine Option.
Nach den ersten Metern haben wir uns an die Steilheit gewöhnt, der Schnee ist nicht mehr vom Wind beeinflusst und wir genießen perfekten Powder. Wir kommen in einen richtigen Flow und das Selbstvertrauen wächst. Nadine lässt es mit ihrer perfekten Skitechnik ordentlich krachen. Die 900 Höhenmeter haben es in sich und die Oberschenkel jodeln uns das Lied von dem ein oder anderen ausgelassenen Training. Spielerisch wedeln wir nach unten. Nach ein paar Minuten spuckt uns die Rinne leider schon wieder aus. Doch mit dem Blick zurück breitet sich ein großes Grinsen über unseren Gesichtern aus. Erfüllt sitzen wir beim Biwak und blicken mit Stolz zum Canalone Neri und Cima Tosa zurück. Glücklich, dieses Erlebnis gemeinsam erlebt zu haben.





Fahrer: Nadine Wallner, Simon Wohlgenannt



