Italien · National Park Monti Sibillini (Apenninen)
Go Big, but Go Clean
Ausgabe 2021 · Text: Alice Linari · Fotos: Alice Linari · 5 min Lesezeit

Unsere Heimatberge zu erkunden, ist gleichzeitig eine Reise in unser Inneres und in die Zukunft. Die Reisebeschränkungen des letzten Winters ermutigten uns, unsere Umgebung zu erforschen und die …
Unsere Heimatberge zu erkunden, ist gleichzeitig eine Reise in unser Inneres und in die Zukunft. Die Reisebeschränkungen des letzten Winters ermutigten uns, unsere Umgebung zu erforschen und die Natur neu kennenzulernen. Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Fortschritt – was uns als Menschen ausmacht, ist die Neigung, immer nach Fortschritt zu streben, auf unseren Werten basierend eine bessere Zukunft zu schaffen. Wir wollen ein weites, kaum bewohntes Gebiet in den Apenninen erkunden, den Nationalpark Monti Sibillini. Weite Strecken fahren wir mit unseren Elektromotorrädern, die Gipfel besteigen wir mit unseren Skiern.
Eine Erfahrung tiefster Verbundenheit mit der Natur, die noch intensiver wird, wenn man sich langsam und emissionsfrei fortbewegt. Unser Ausflug ins Hinterland beginnt am Monte Vettore, dem südlichsten und mit 2.476 Metern höchsten Gipfel der Sibillini-Gruppe. Die erste Nacht im Zelt auf der Forca di Presta ist trotz des Breitengrades ziemlich kalt. Dennoch genießen wir den Sternenhimmel und den Blick auf die Milchstraße, die hier gut zu sehen ist, da sich die Lichtverschmutzung in Grenzen hält, weil leider nur eine Handvoll Dörfer das Erdbeben von 2016 überlebt hat. Bei Sonnenaufgang beginnen wir den Aufstieg zum Rifugio Zilioli, dem einzigen Biwak über 2.000 Meter in der Region.
Die ergiebigen Schneefälle der letzten Tage haben das Gebiet praktisch unzugänglich gemacht, sodass wir die Berge ganz für uns allein haben. Der Aufstieg ist steil, aber kurz – 700 Höhenmeter in 1,5 Stunden, um das Rifugio zu erreichen, das komplett in Eis gehüllt ist. Wir steigen von der Westseite weiter in Richtung Cima Redentore, auf der Suche nach der besten und sichersten Abfahrt. Aufgrund zahlreicher Lawinen ist das Tal des Pilato-Sees im Winter ziemlich gefährlich. Von der Cima di Prato Pulito gehen wir über den steilen Grat zur Cima Lago. Die Ausblicke über die Ebene von Castelluccio und über die Monti della Laga und den Gran Sasso d'Italia, mit 2.912 Metern der höchste Gipfel Mittelitaliens, sind atemberaubend.
Wir lieben dieses riesige Gebiet, das zwischen zwei Nationalparks – Monti della Laga und Sibillini – und den drei mittelitalienischen Regionen Marken, Abruzzen und Latium liegt. Und dann liegt er vor uns – ein breiter, unberührter Hang. 500 Höhenmeter, keine Spuren. Wir fahren durch das Licht- und Schattenspiel der Cima di Prato Pulito und des Redentore und ziehen, fast schon sanft über den Schnee streichelnd, unsere Linien ins Valle Santa und die Ebene von Castelluccio. Derart perfekte Schneeverhältnisse haben wir hier nicht oft, aber dieser Winter ist magisch. Nach zwei Tagen geben die Behörden die Straße wieder frei und wir fahren mit unseren E-Motorrädern zwischen ungewöhnlich hohen Schneewänden nach Norden in Richtung Monte Argentella.
Umweltfreundlich bis zum Start einer Tour zu fahren und dann auf Fellen weiterzugehen, verkörpert für uns am besten das Konzept des umweltbewussten Skitourismus. Der Aufstieg von Pian Perduto, kurz hinter dem Dorf Castelluccio, zieht sich: nach einem flachen Stück durch die Ebene steigt die Spur steil an. Die Aussicht auf der Südseite des Monte Vettore ist wunderschön: von hier sieht der Gipfel wie ein großer Vulkan aus. Wir sehen Castelluccio, oder was davon übrig ist. Das Dorf thront über der Ebene, als wäre es der Wächter der Umgebung. Der Gipfel des Monte Argentella sieht aus wie ein Balkon auf 2.200 Metern.
Von dort können wir das Tal des Monte Vettore und den Pilato-See auf der Südseite sehen, die Adria im Osten, Palazzo Borghese, Monte Porche, Pizzo Berro, Monte Bove im Norden sowie den Monte Sibilla, den Namensgeber dieser Bergkette. Die Legende besagt, dass auf seinem Gipfel eine Feenhöhle ist. Die Zauberin Sibilla ist von Feen umgeben, die nachts ins Tal hinabsteigen, um die jungen Hirten zu treffen. Laut Legende werden die Menschen nach der Begegnung mit den Feen unsterblich und sind gezwungen, in der verwunschenen Höhle zu leben und nur nachts hinauszugehen. Wir fahren hinunter zum San Lorenzo Couloir. Der Schnee ist fantastisch. Als wir in der Ebene ankommen, werden wir Zeuge eines fantastischen Sonnenuntergangs.
Die Berge färben sich rosa, wir hören keine Geräusche, nur das der Skier auf dem Schnee und schließlich das der Elektromotoren, nachdem wir wieder bei den Bikes angekommen sind. Um diese schönen Orte und unsere Winter zu schützen und zukünftigen Generationen zu ermöglichen, die Berge zu erleben, wünschen wir uns, dass bald noch mehr Menschen auf nachhaltige Mobilität setzen. Es geht weiter Richtung Norden nach Forca di Gualdo, wo wir eine weitere Nacht unter dem Sternenhimmel verbringen. Am nächsten Tag fahren wir hinunter nach Castel S. Angelo sul Nera und dann hinauf nach Ussita, einem schönen mittelalterlichen Dorf, das durch das Erdbeben stark beschädigt wurde.
Der Monte Bove mit seinen Süd- und Nordgipfeln ist vielleicht der faszinierendste Berg auf der Nordseite der Sibillini-Kette. Der Aufstieg ist direkt und nicht zu lang. Nach Erreichen des Monte Bicco steigen wir über den Südgrat, bis wir den Monte Bove Süd (2.169 Meter) erreichen. Von hier sehen wir die gesamte Sibillini-Kette mit all ihren Zweitausendern und Gletschertälern: das schöne Amphitheater des Pilato-See-Tals sowie das Val di Bove und das Val di Panico, wo wegen der häufigen spontanen Lawinenabgänge Skitouren oft erst im Frühjahr möglich sind. Ufo-artige Wolken über den Gipfeln machen die Szenerie zu etwas ganz Besonderem. Wir fahren auf der Westseite ab und versuchen, uns von der „Camosciara“ fernzuhalten.
Hier leben die Gämsen, die wahren Einheimischen der Gegend. Nach einem kurzen Aufstieg zum Monte Bicco kehren wir nach Ussita zurück. Es ist das Ende unserer Heimaterkundung. Die Zeit in den Bergen hat uns vollkommen erfüllt. Die Natur hat uns ein unbeschreibliches Erlebnis geschenkt.





Fahrer: Lorenzo Alesi, Alice Linari



