BACKLINE Magazin
EN

Italien · Dolomites (Sexten / Pustertal)

It is What It is

Ausgabe 2020 · Text: Anton Brey · Fotos: Anton Brey · 5 min Lesezeit

It is What It is

Oft sind es nur ein, zwei Tage, die darüber entscheiden, ob man Powder oder eine der unbeliebteren Schneearten vorfinden wird. Für einen Großteil der Skifahrer, die sich abseits der präparierten …

Oft sind es nur ein, zwei Tage, die darüber entscheiden, ob man Powder oder eine der unbeliebteren Schneearten vorfinden wird. Für einen Großteil der Skifahrer, die sich abseits der präparierten Pisten aufhalten, ist es aber genau das, was eine Ausfahrt zum #epicday #powderday #bestpowder #sickline ausmacht. Sicherlich sind Firn und Pulverschnee das Sahnehäubchen beim Skifahren, aber gibt es da nicht noch mehr? Zählt nicht am Ende das Erlebte in der einzigartigen Bergwelt, mit all seinen Herausforderungen? Jeder Tag auf Skiern ist ein guter Tag. Nach dem Motto: „Es gibt keinen schlechten Schnee, aber kein Schnee, das ist schlecht!“ machen wir uns Mitte Februar auf den Weg zu den Sextener Dolomiten im Pustertal.

Bei der Planung einer mehrtägigen Tour, die erst in vier Wochen stattfinden wird, bleiben immer zwei große Fragezeichen: Das Wetter und die Schneebeschaffenheit. Man weiß nie, wie es wird. Eines wussten wir allerdings schnell: Es wird keinen Neuschnee geben. Unser Ziel sind die südlich des Pustertals gelegenen Sextener Dolomiten, der östliche Teil des Fanes sowie die Cadini Gruppe. Als Unterkunft für unsere Reise wählen wir ein Wohnmobil mit jeglichem Komfort, denn das neun Meter lange Heim auf Rädern lässt keine Wünsche offen. Mit der kleinen beheizbaren Heckgarage besitzt es sogar einen Trockenraum, in dem auch zwei Motorräder Platz hätten. Vier Schlafplätze, Küche, Bad, Sofa – mehr geht nicht. Innichen ist unser erster Anlaufpunkt.

Hier treffe ich am Nachmittag Eva Walkner und Rene Barth und wir besprechen die Tour für den nächsten Tag. Zuletzt soll es laut Wetterbericht bis auf 1.600 Meter geregnet haben. Wir gehen davon aus, dass wir oberhalb der Nullgradgrenze passablen Schnee vorfinden. Mit Ziel Haunold ziehen wir die Felle auf. Der Schnee ist hart wie Beton. Das anfangs noch flache Gelände lässt sich dennoch gut gehen. Erst vor dem Aufschwung zum Lahner Riebel geht ohne Harscheisen gar nichts mehr. Ein erster fader Vorgeschmack auf die kommenden Tage macht sich breit, ohne jedoch unseren Elan mindern zu können. Ab 2.000 Metern wird der Schnee schließlich etwas besser. Bei einer Tasse Tee besprechen wir die Optionen.

Was der Regen hier oben nicht zunichte machen konnte, hat zum Großteil der Wind erledigt. Vor uns liegen noch 900 Höhenmeter: Wir beschließen, durch eine der Rinnen nordöstlich des Haunold aufzusteigen. Als wir aus dem offenen Kar ins Rinnenlabyrinth gelangen, wird der Schnee besser. Noch ist nicht sicher, ob die gewählte Route bis zum Gipfel führt oder an einer Felswand endet. Mittlerweile ist die Rinne so eng, dass wir die Skier abschnallen müssen. Wir packen sie an die Rucksäcke und stapfen schnurstracks den Kanal empor. Die letzten Meter wird es noch steiler, aber nach einer kleinen Klettereinlage stehen wir endlich am Grat. Die Aussicht ist grandios, der Wind pfeift um die Ohren. Von Westen her ziehen Wolken herauf.

Es ist nicht abzusehen, wie sich das Wetter entwickelt. Um später nicht im flachen Licht oder Nebel abfahren zu müssen, ziehen wir die Felle ab, machen uns fertig und fahren los. Nach diesem ersten Erlebnis haben wir einen guten Überblick über das vorhandene Schneeangebot. Man muss also über 2.000 Meter hinauf – dort gibt es in windgeschützten Expositionen gut fahrbaren Schnee, an Südhängen sogar Firn. Wettertechnisch war der erste Tag der schlechteste. Die kommenden Tage sollen schön und wärmer werden. Wenn man Freeriding nur mit Powder verbindet, ist das ein Alptraum. Aber für alle, die sich am Draußensein, der Natur und dem Skifahren erfreuen, klingt das traumhaft. Neuer Tag, neues Glück.

Im Zustieg ins Innerfeldtal wird schnell klar, dass sich die Hänge, in denen wir eigentlich unsere Spuren hinterlassen wollen, bei den derzeitigen Verhältnissen nicht lohnen. Wir lassen uns an der Dreischusterhütte vorbei bis zum Talende treiben und steigen nach Westen zum Schwabenalpkopf auf. Eva und Rene habe zwischen Morgenkopf und Schwabenalpkopf eine Rinne entdeckt. Die beiden Gipfel sind keine Berühmtheiten, aber ein paar alte Spuren, die stellenweise noch zu erkennen sind, weisen darauf hin, dass sie auch im Winter ab und zu besucht werden. Heute jedoch haben wir die gewaltige Aussicht auf den Alpenhauptkamm im Norden ganz für uns alleine. Als wir aus der Rinne auf ein kleines Hochplateau hinausfahren, tauchen im Süden die Drei Zinnen auf.

Erst nur die Gipfel, aber als wir den Sattel erreichen, stehen sie uns dann in ihrer ganze Pacht gegenüber – so, wie man sie von Postkarten kennt. Ein erhabener Moment, der uns innehalten lässt. Die folgende Abfahrt ist aufgrund der Schneesituation nicht einfach. Mit viel Gefühl Kante setzen, immer den Schnee lesen, um die Linie zu sehen, auf der das angefrorene Weiß nicht bricht. Irgendwann haben wir es geschafft und stehen wieder vor unserem Wohnmobil. Unser Vorhaben, in der Cadini Gruppe bessere Schneeverhältnisse zu finden, ist letztendlich auch nicht erfolgreich. Auf der sonst eher überlaufenen Skiroute sind wir an diesem Tag die einzigen, die es wagen, unterwegs zu sein.

Windverblasen, Bruchharsch, pulvriger Altschnee und Firn – was will man mehr? Wenigstens wissen wir nun, dass wir am nächsten Tag einen Südhang suchen müssen. Wir entscheiden uns für das östliche Fanes. Das Schöne am Wohnmobil ist, dass man eigentlich schon da ist. Klar, man muss erst einmal hinfahren, aber die Suche nach einer Unterkunft und die Anfahrt zur Route am Morgen fallen weg. Aufstehen, Frühstück, aussteigen, auffellen: Los geht's! Die Firntour Dürrenstein kann unsere Gemüter schließlich beruhigen. Nach drei Tagen mit durchwachsenen Bedingungen werden wir endlich belohnt. Dieser geniale Tag ist genau das, warum ich das Skifahren so liebe. Und wenn die Bedingungen nicht passen, dann sagt man eben einfach einmal „Nein“. Auch das gehört dazu. Es ist, wie es ist.

It is What It is
© Anton Brey
It is What It is
© Anton Brey
It is What It is
© Anton Brey
It is What It is
© Anton Brey
It is What It is
© Anton Brey

Fahrer: Rene Barth, Eva Walkner

Mehr aus Italien