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Italien · Valais Alps (Signalkuppe)

Blessing and Curse

Ausgabe 2021 · Text: Ben Tibbetts · Fotos: Ben Tibbetts · 5 min Lesezeit

Blessing and Curse

Punta Gnifetti, oder Signalkuppe (4.554 Meter) auf Italienisch, ist vielleicht am bekanntesten dafür, dass auf ihr das höchstgelegene Beherbergungsgebäude Europas steht, die 1893 eröffnete …

Punta Gnifetti, oder Signalkuppe (4.554 Meter) auf Italienisch, ist vielleicht am bekanntesten dafür, dass auf ihr das höchstgelegene Beherbergungsgebäude Europas steht, die 1893 eröffnete Margheritahütte. Von der Schweiz aus gesehen ähnelt der Gipfel den anderen kleinen Schneegipfeln, die sich am Monte-Rosa-Plateau aneinanderreihen. Von Italien aus erscheint sie jedoch als höchster Punkt der gewaltigen Ostwand, die zu den eindrucksvollsten der Alpen gehört. Der Signalgrat ist der lange Grat, der in der Mitte dieser Wand aus Eis und Fels emporzieht. Er trennt die wilden, malerischen Täler von Anzasca und Sesia voneinander und führt direkt zum Gipfel der Signalkuppe. In über 2.000 Kilometer Entfernung gibt es nach Osten keine höheren Berge.

Valentine und ich kamen spätabends am 25. April 2018 in Alagna an, fanden einen ruhigen Parkplatz und krochen hinten in den Van. Ich wachte um drei Uhr auf, eine Stunde früher als geplant. Als ich leise aus dem Van stieg, war ich überrascht, wie warm es war. Ich weckte Valentine und schlug vor, sofort aufzubrechen, falls die Hänge auf dem Weg zum Resegotti-Biwak gefährlich werden sollten. Während wir im Dunkeln an wunderschönen alten Häusern vorbeikamen, mussten wir aufgrund des weichen Schnees über eine Stunde lang immer wieder die Ski an- und abschnallen. Endlich kamen wir aus dem bewaldeten Tal heraus und der Schnee wurde fester. Allerdings bot sich uns ein apokalyptisches Bild eines Lawinenkegels.

Der Schnee war hoch aufgetürmt, mitgerissene Bäume und Felsblöcke überall verteilt. Auch mit Fellen kamen wir in dem harten Lawinenkegel nur mühsam voran, bis nach ein paar Stunden endlich die Sonne zum Vorschein kam und den Schnee aufweichte. Dreißig Minuten später, als wir einen breiten Hang querten, schrie Valentine plötzlich auf. Ich drehte mich um und sah einen fußballgroßen Felsen auf mich zurasen. Ich versuchte, über ihn hinwegzuspringen, doch er traf meinen linken Stiefel und warf mich um. Ich war unverletzt, doch wir waren beide erschrocken, dass es an einem so harmlosen Ort fast zu einem Unfall gekommen wäre.

Stunden später, als ich meine Ski an der letzten Felspassage unterhalb des Biwaks ablegte, entdeckte ich, dass der Stein ein großes Stück aus der Kante herausgeschlagen hatte. Am Abend inspizierte ich vom Biwak aus den Grat. Nichts deutete auf irgendwelche Probleme hin. Dennoch hatte ich dieses angespannte Bauchgefühl, das ich mittlerweile so gut kannte. Auch realisierte ich, dass ich dieses Gefühl auf Touren mit Valentine häufiger hatte als sonst. Das Klettern als Paar ist Segen und Fluch zugleich: Es vereint unsere schönsten Erlebnisse, aber unsere Abenteuer sind oft von der Angst geprägt, was mit dem Partner passieren könnte. Ich spreche diese Ängste selten aus, wenn ich in den Bergen bin, denn Angst ist, wie jeder Kletterer weiß, ansteckend.

Um 3:30 Uhr machten wir uns auf den Weg zum Grat, unsere im Schnee knirschenden Schritte waren das einzige Geräusch, das die Stille durchbrach. Wir waren die ersten Bergsteiger auf dieser Route in diesem Jahr und die Verhältnisse auf dem Grat waren ausgezeichnet. An der linken, nach Süden ausgerichteten Seite war der Schnee kompakt, auf der rechten kalt und pulvrig. Als das Sonnenlicht schließlich über den Grat kroch, fühlte ich ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung, das alle meine Ängste in den Schatten stellte. Diese flüchtigen, aber intensiven Erfahrungen von Schönheit und Freiheit sind es, die mich immer wieder in die Berge zurückkehren lassen, ganz so, als wäre ich in einem seltsamen, masochistischen Ritual gefangen.

Obwohl man im Hüttenbuch lesen konnte, dass die meisten Besucher die Route im Sommer kletterten, schien sie besser für Mixed-Touren im Frühling geeignet. Statt durch Rinnen mit losem Fels stiegen wir in knirschendem Schnee hinauf. Nachdem wir die linke Seite des ersten Anstiegs passiert hatten, kletterten wir über steilen Schnee zu einer Kante. Der Fels zeigte deutliche Kratzspuren von Steigeisen, und obwohl das Klettern einfach war, wurden wir durch unsere Ski am Rucksack behindert, die über unseren Köpfen am Fels hängen blieben. Danach folgten wir dem Grat ein kurzes Stück bis zur nächsten steilen Wand. Die Passage sah schwierig aus, also sicherte ich Valentine, während sie den Felskamin hinaufkletterte. Unter uns fiel der Berg gut 2.000 Meter ab.

Als wir eine sichere Schneerampe erreichten, packte ich das Seil wieder ein, doch der Hang wurde weiter oben steiler und die Schneeauflage dünner, bis sie kaum noch das harte, blaue Eis darunter bedeckte. Wir stoppten in einer unbequemen Felsnische, seilten erneut an und überquerten eine heikle Eisrinne. Am abschließenden exponierten Kamm fühlten sich die Felsen warm an, aber nur 50 Meter über uns sahen wir, wie Schneefahnen vom Gletscherplateau herabwehten und die Margheritahütte umhüllten. Wir zogen unsere Jacken an und bereiteten uns auf den kalten Wind vor.

Es war ein Feiertag, der Tag der Befreiung Italiens, und als wir auf das Plateau herauskamen, sahen wir unterhalb der Signalkuppe gut zweihundert Skitourengeher, die die weiten Hänge bevölkerten – alle auf dem Weg zur Hütte, die, bis auf den maroden Winterraum, in dem wir kurz Rast machten, geschlossen war. Als die anderen eintrafen, flüchteten wir. Erst dann fiel mir wieder ein, dass mein Ski stark beschädigt war. Ich fuhr, so gut es ging, nur einen Ski belastend, mit Valentine über den Gletscher ab und nach zwei Stunden hatten wir dreitausend Meter hinter uns gelassen. Wir schnallten nur fünf Minuten vom Auto entfernt ab.

Dank der Emotionen auf dieser Tour und meiner Fitness hatte ich mich trotz des Schlafmangels in den zehn Stunden, die wir zum Auf- und Abstieg gebraucht hatten, nicht ein einziges Mal müde gefühlt. Jetzt aber blickte ich zurück und freute mich auf Zuhause und ein wenig Erholung. Der Artikel ist ein Auszug aus Bens Buch: „Alpenglow. Die spektakulärsten Anstiege auf die 4000er der Alpen“.

Blessing and Curse
© Ben Tibbetts
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© Ben Tibbetts
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© Ben Tibbetts
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© Ben Tibbetts
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© Ben Tibbetts

Fahrer: Valentine Fabre, Ben Tibbetts

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