Italien · Tre Cime di Lavaredo
Course Clear?
Ausgabe 2022 · Text: Martin Fiala · Fotos: Martin Fiala · 4 min Lesezeit

Das Wohnmobil schnurrt, U2s „Raised by Wolves“ untermalt unsere Fahrt entlang des Westufers des Gardasees. Mäx und ich peilen zufrieden nach einem Traumtag am Pizzo Tambo in Graubünden das zweite Ziel unseres Wohnmobiltrips an. Es geht in die Region Drei Zinnen. Mäx schmunzelt,…
Das Wohnmobil schnurrt, U2s „Raised by Wolves“ untermalt unsere Fahrt entlang des Westufers des Gardasees. Mäx und ich peilen zufrieden nach einem Traumtag am Pizzo Tambo in Graubünden das zweite Ziel unseres Wohnmobiltrips an. Es geht in die Region Drei Zinnen. Mäx schmunzelt, als ich ihm erzähle, dass zumindest die letzten 100 des schattigen, nordseitigen 1.700 Höhenmeter langen Aufstiegs durch das steile Rinnensystem der Haunold Nordrinne südseitig und vielleicht „wohlig warm“ sein könnten, wohlwissend, dass es in Innichen nur selten warm ist. Ich verbrachte in dem kleinen, aber feinen Skigebiet schon als junger Rennläufer viele kalte Trainingstage im Dezember.
Anfang meiner 40er löste ich dort als Ski Crosser das Olympia Ticket und ahnte nicht, dass ich als Race Director von Ski Cross in Innichen am Fuße des Haunolds acht weitere Jahre – jeweils im Dezember – frieren und diese freche Nordrinne ansehen dürfen würde. Ich ahnte auch nicht, dass ich weitere drei Anläufe brauchen würde, um die passenden Verhältnisse für eine Befahrung zu erwischen. Aber der Reihe nach. Vorher galt es, irgendwo ein offenes Café am Gardasee zu finden und die Aussicht auf den Lago bei einem Cappuccino zu genießen – gar nicht so einfach im Februar und im Zeitalter der Shutdowns. Es ist noch dunkel, als der Wecker klingelt. Mäx schält sich aus dem Schlafsack und checkt das Wetter. Es ist bewölkt und warm.
Ich kneife mich, um sicherzugehen, dass ich nicht träume. Ja, wir sind am Fuße des Haunolds, Caravan Park Sexten. Und es ist warm. Wir frühstücken, checken ein letztes Mal die Wetter-App. Uns ist klar, dass wir im unteren Bereich der Tour keine Traumverhältnisse vorfinden werden, hoffen aber, dass zumindest die oberen, bis zu 45 Grad steilen 800 Höhenmeter der „Rocca dei Baranci – canale nord” fein sind und wir vom Gipfel die Aussicht auf die Drei Zinnen genießen können. In der Dämmerung stapfen wir los. Nach einer Stunde kommen wir zur ersten Steilstufe, die einzige Aufstiegsspur wird uns bei den ungünstigen Verhältnissen bald zu steil. Wir besprechen den einfachsten Aufstieg und kämpfen uns schweißtreibend zum Plateau am Fuß der Nordrinne.
Mir wird klar, dass ich mit meinem Liter Flüssigkeit gut haushalten muss. Am Plateau angelangt, wechseln die Verhältnisse schlagartig. Ein tragfähiger Schneedeckel lässt uns zügiger vorankommen, bald müssen wir aber die Harscheisen auspacken und peilen bei nun unangenehm rutschigen Verhältnissen den Einstieg in das Rinnensystem an. Die Hoffnung auf gute Verhältnisse ist auf dem tiefsten Punkt, als wir die Rinne erreichen. Der Blick nach oben lässt uns aufatmen: Gut 20 Zentimeter Pulver liegen in der Rinne. Und keine einzige Spur! Spitzkehre nach Spitzkehre schrauben wir uns hoch. Die Kulisse macht den Dolomiten alle Ehre. Steile Felswände rahmen die Nordrinne ein. Sie wird zunehmend steiler.
Vor einer exponierten Querung schnallen wir die Ski ab, die Steigeisen an und traversieren leicht ansteigend, um zum sichtbaren Gipfelkreuz zu kommen. Unsere Höhenmesser dämpfen aber die Euphorie. Es gilt, noch 400 Höhenmeter zu bewältigen, das Gelände ist sportlich, meine Wasserflasche leer. Einfach ist anders. Ungefähr 200 Höhenmeter unter dem Gipfel richten wir ein Skidepot ein. Der schneearme Winter lässt grüßen: Steiles, felsiges und vereistes Gelände lässt uns die Steigeisen schätzen und führt uns über leichte Kletterstellen in die prominente Scharte. Mäx freut sich auf den versprochenen Drei-Zinnen-Blick, die Sicht macht uns aber einen Strich durch die Rechnung.
Die letzten 100 Höhenmeter werden noch mal spannend, die südliche Exposition beschert uns eine störanfällige Schneeschwachschicht, wir mogeln uns teils hüfttief an den Rändern der steilen Schneefelder, teils in leichter Felskletterei zum Gipfel. Am Gipfelkreuz schlägt das Wetter endgültig um. Nebelschwaden und Wind ziehen auf. Wir steigen konzentriert zum Skidepot ab und freuen uns auf die sehr feinen und pulvrigen 500 Höhenmeter im unteren Bereich der Rinne. Wir werden nicht enttäuscht. Eine Stunde später treffe ich am Liftausstieg auf Tschuppa, einen langjährigen „Chief of Course” beim Innichen Ski Cross Welt Cup. Er lacht laut, als er mich sieht, und noch bevor er mich überhaupt begrüßt, meint er: „Na, bist endlich oben gewesen, auf dem Haunold?”
Ich antworte lachend: „Do we have the course clear?” Schön, endlich die Nordrinne mit Mäx gemacht zu haben. Und ebenfalls schön, alte Freunde – Gabriel, Kurt und Hanna – gesehen zu haben. Danke für die wieder einmal ganz besondere Zeit in San Candido!





Fahrer: Markus Filzer



