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Schweiz · Matterhorn (Wallis)

Girl’s Day Out

Ausgabe 2016 · Text: Lorraine Huber · Fotos: Lorraine Huber · 5 min Lesezeit

Girl’s Day Out

Lorraine Huber: Ich stand gerade am Lift der Grand Montets in Argentière an, als ich aus dem Augenwinkel ein bekanntes Gesicht sah. „Roberto?“, fragte ich ungläubig. Charmant lächelnd und mit …

Lorraine Huber: Ich stand gerade am Lift der Grand Montets in Argentière an, als ich aus dem Augenwinkel ein bekanntes Gesicht sah. „Roberto?“, fragte ich ungläubig. Charmant lächelnd und mit italienischem Akzent rief er zurück: „Ciao Lori!“ Roberto und ich hatten 2008 gemeinsam in einem Skicamp in Cervinia, Italien gearbeitet. Damals sah ich zum ersten Mal das Matterhorn und war sofort verzaubert. Ich konnte einfach meinen Blick nicht mehr von diesem schönen, steilen Urbild von einem Berg abwenden, das sich dort einsam in seiner ganzen Pracht über Zermatt erhob. Damals schon pflanzte Roberto in mir den Samen, dessen Ostwand besteigen und mit Ski abfahren zu können. Nun waren wir im Jahr 2016, und noch immer schien dieser Traum unerreichbar für mich.

Doch was wusste ich schon... Aufgeregt berichtete Roberto, die Bedingungen in der Ostwand könnten gut werden, und lud mich ein, ihn bei einer Besteigung und Abfahrt zu begleiten. Spontan sagte ich zu. Ich fühlte mich fit und motiviert und dachte: Wenn die Verhältnisse gut sind, warum nicht? In seiner Begeisterung fragte Roberto gleich noch eine andere Bekannte, die Freeriderin und Skibergsteigerin Giulia Monego. Da er für ein paar Tage Chamonix verlassen musste, bat er mich, den Trip mit ihr zu koordinieren, was ich gerne machte. Giulia und ich fuhren acht Jahre für den gleichen Skisponsor, und ich hatte immer bedauert, nicht öfter mit ihr Ski gefahren zu sein. Wir verabredeten uns in der Moo Bar.

Dort erzählte sie, dass ihre Freundin Liv Sansoz, zweifache Weltmeisterin im Lead-Klettern, ebenfalls dabei wäre. Meine Freundin, die Skibergsteigerin und Bergans of Norway-Teamkollegin Melissa Presslaber, die auch gerade in Chamonix war, hatte ebenfalls Lust und sagte zu. Nachdem Roberto den Stein ins Rollen gebracht hatte, entschied er sich überraschend dafür, ein eigenes Team für die Befahrung zusammen zu stellen. Seine reine Männergruppe würde von Italien aus starten. So konnte auch er seinen lang gehegten Traum ebenfalls wahr werden lassen. Und wir? Für uns vier Mädels war dies der Beginn eines großen Abenteuers.

Giulia Monego: Die Matterhorn-Ostwand mit Ski zu befahren, mag für durchschnittliche Skifahrer unmöglich klingen, doch für eine Extremskifahrerin wie mich ist es Anreiz und Motivation pur. Ich hatte mir die Linie viele Jahre lang angesehen, die ideale Route und die Optionen visualisiert. Nach sorgfältiger Beobachtung kannte ich die gesamte Wand und war zuversichtlich. Auf dem Weg nach Zermatt hatte ich auch Vertrauen in die Schneeverhältnisse, derer wir uns aber nicht sicher sein konnten, bevor wir tatsächlich im Schnee standen. Das macht die Herausforderung und das Schöne am Skibergsteigen aus. Als wir zum Berg aufstiegen, freuten wir uns entspannt auf das Abenteuer, waren aber auch aufgeregt ob der neuen Herausforderung.

Wir kamen sehr früh zur Hörnlihütte und hatten jede Menge Zeit, um die Ausrüstung zu prüfen, zu essen, auszuruhen, die Zeichen des Berges zu lesen und angemessene Entscheidungen zu fällen. Bei jeder Steilabfahrt ist die genaue visuelle Inspektion des Hanges Pflicht, um mehr über den Schnee zu erfahren und die Lawinengefahr abschätzen zu können. Danach war ich ruhig und optimistisch. Ich konnte es kaum erwarten, mit meinen Ski dort oben zu sein. Meine Idealroute war Plan A: durch die Mitte der Wand, über ein Felsband, in das Couloir darüber und schließlich zum höchsten noch befahrbaren Punkt der Wand. Plan B war ein weniger hoher Hang näher am Hörnligrat. Erst am nächsten Morgen würden wir herausfinden, welcher Plan aufging.

Liv Sansoz: Wie bei allen großen Wänden bricht man auch beim Matterhorn in der Nacht auf. Nach dem Bergschrund war eine Wand zu klettern, in der Lawinen und Steinschlag drohten, sobald die Sonne sie berührte. Am Tag zuvor hatte uns Giulia ihre Idealroute gezeigt – diese Linie hatten wir im Sinn. Die Nacht war dunkel, aber nicht zu kalt. Wir fanden ohne Problem durch tiefen Schnee zum Bergschrund, den wir bei Sonnenaufgang überwanden. Wir wollten die drei Felsen weiter oben erreichen, die Giulia ausgemacht hatte. In gleichmäßigem Rhythmus kamen wir höher, dann schien uns die Sonne ins Gesicht. Auf etwa 4.000 Meter erreichten wir ein Felsband. Die Schneedecke wurde dünner und wir fühlten Fels unter unseren Füßen. Das gefiel weder mir noch Giulia.

Sie wollte dennoch sichergehen, stieg etwas höher und kehrte mit schlechten Nachrichten zurück. Plan A war gestorben. Dann eben Plan B: zum höchsten Punkt neben dem Hörnligrat. Wir mussten ein paar hundert Meter unter die Felsen absteigen, nach rechts queren und schließlich wieder nach oben. Es war früh am Morgen und der Schnee war noch hart. Je höher wir kamen, desto steiler wurde der Hang. Auf einem schneefreien Felsband über der Solvayhütte hielten wir an. Hier war der Startpunkt unserer Abfahrt. Wir sicherten uns und hoben einen Stand aus. Der Schnee war bereits etwas aufgeweicht, höchste Zeit für die Abfahrt. Melissa Presslaber: Wir machten uns fertig, und Giulia fuhr als erste.

Nach einem vorsichtigen ersten Schwung fand sie sofort ihren „Flow“ und reihte kontrolliert Schwung an Schwung. Ich folgte, fühlte mich gut, war konzentriert und saugte jeden Moment auf. Für Liv war es die erste „Steilwanderfahrung“ – und dann gleich das Matterhorn. Doch als Kletterprofi und ehemalige Basejumperin machte sie ihre Sache gut. Schließlich ist sie eine super Skifahrerin! Wir motivierten sie, und sie erwies sich als Naturtalent! Lorraine folgte Liv. Sie schwang kontrolliert die Wand hinunter. Wir harmonierten perfekt als Team. Jede wusste, was zu tun war. Es machte Spaß, mit den Mädels dieses einzigartige Erlebnis zu teilen.

Die Schneeverhältnisse waren wechselhaft, teilweise traf man auf ein paar Steine unterhalb der Schneeoberfläche, daher galt es konzentriert zu bleiben. Ein Fahrfehler konnte fatal enden. Nach dem Bergschrund ein Jubelschrei von uns allen. Yes! Wir sind das Matterhorn gefahren! Zu dem Zeitpunkt realisierte ich es noch gar nicht. Wir sammelten das hinterlegte Material ein und fuhren mit brennenden Oberschenkeln nach Furi ab. Dort gönnten wir uns auf einer Terrasse wohl verdient Rösti und Radler. Wir stießen auf diesen Tag an und waren dankbar. Danke Mädels, danke Matterhorn. Es war eine große Freude!

Girl’s Day Out
© Lorraine Huber
Girl’s Day Out
© Lorraine Huber
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© Lorraine Huber
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© Lorraine Huber
Girl’s Day Out
© Lorraine Huber

Fahrer: Lorraine Huber, Giulia Monego, Melissa Presslaber, Liv Sansoz

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