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Schweiz · Bernese Alps (Mönch / Fiescherhorn)

Steep and Wild

Ausgabe 2020 · Text: Christian Penning · Fotos: Christian Penning · 4 min Lesezeit

Steep and Wild

Steilwandfahren. Für die einen Harakiri, für andere Erfüllung... „Warum?“ blinkt es vor und während dieser Tour immer wieder in meinem Kopf auf. Weshalb macht man so etwas? Eine Menge Interviews habe …

Steilwandfahren. Für die einen Harakiri, für andere Erfüllung... „Warum?“ blinkt es vor und während dieser Tour immer wieder in meinem Kopf auf. Weshalb macht man so etwas? Eine Menge Interviews habe ich dazu schon mit den Pionieren der Szene und professionellen Fahrern geführt. Und jetzt bin ich selbst mittendrin in diesem Abenteuer. Gemeinsam mit dem selbst Erlebten mischen sich die Interview-Fetzen der Vergangenheit jetzt zu einer Respekt gebührenden Melange. Respekt ist die richtige Grundeinstellung für die Projekte der nächsten Tage: Die jähen Viertausender-Flanken an Mönch und Fiescherhorn.

Große Kapitel der Alpingeschichte sind in der Gegend geschrieben worden, von der Erstbesteigung der Eigernordwand bis zu spektakulären Ski-Erstbefahrungen wie jener der beiden Italiener Toni Valeruz und Bruno Pederiva. 1983 gelang ihnen der Ritt die bis dahin als unfahrbar geglaubte Eiger Nordostflanke – 55 Grad – hinab. Weil kein Fernsehteam mit dabei war, stieg Valeruz vor laufenden Kameras am nächsten Tag gleich noch einmal auf und fuhr nochmals ab – alleine. Der Berner Chris Kohler war damals noch ein kleiner Junge. Doch der Bericht über die Heldentat imponierte ihm dermaßen, dass ihn der Wunsch, ähnliche Abfahrten selbst zu meistern, seitdem nicht mehr losgelassen hat.

Jetzt, Jahrzehnte später, sitzt Chris vor der Mönchsjochhütte und spricht mit seinen Tourenpartnern die Details der nächsten Tage durch. Es sind nicht die ersten Abenteuer in der Vertikalen, die Chris mit seinen Kumpels angeht. Eine solide bergsteigerische Ausbildung im Schweizer Alpen Club und als Offizier der Schweizer Hochgebirgstruppen sowie eine tiefe Leidenschaft fürs Freeriden haben die Jugendträume des Schweizers längst wahr werden lassen. „Steil gehen,“ bedeutet im Deutschen umgangssprachlich so viel wie „wir lassen die Sau raus“. Doch am Berg steil zu gehen, bedeutet vor allem, sich kontrolliert zu bewegen.

Angeseilt kraxeln Chris und sein Seilgefährte Christian am nächsten Morgen über Felsstufen den ausgesetzten Südostgrat zum 4.107 Meter hohen Gipfel des Mönchs hinauf. „Mehr als der Kick der Abfahrt reizen mich Projekte, die man nicht einfach schnell mal aus dem Ärmel schüttelt wie eine Freeride-Abfahrt am Rande eines Skigebiets,“ überlegt Chris bei einer kurzen Verschnaufpause. Über Wochen, bisweilen über Jahre verfolgt er die Bedingungen in seinen Traumwänden, sammelt Informationen, legt sich Strategien zurecht, bis die Verhältnisse endlich passen. „Lange bevor ich am Berg bin, beginnt das Abenteuer im Kopf.“ Die Akribie der Vorbereitung hat sich Chris von Toni Valeruz abgeschaut.

Der hat jede Abfahrt hochprofessionell bis ins kleinste Detail vorbereitet. „Entscheidend ist unter anderem, dass du die Orientierung behältst,“ sagt Chris. Mit Bedacht setzt er eine Stunde später die ersten Schwünge in die in die Tiefe schießende, perfekt aufgefirnte Südflanke des Mönchs. Ein Sturz, ein paar Schwünge zu weit, und man würde ein paar hundert Höhenmeter tiefer über kirchturmhohe Eisabbrüche auf immer verschwinden. Wie ein Planet aus Eis und Stein, gekrönt von imposanten Felsnadeln, wirkt die Bergwelt am nächsten Tag beim Zustieg zum Fiescherhorn. „Eroberung der Leere“ hat Steilwand-Urgestein Heini Holzer seine Projekte mal genannt.

Die Ski am Rucksack, Steigeisen an den Füßen, Eispickel in den Händen – jeder Schritt gleicht einer Kniebeuge mit schwerer Hantel auf den Schultern. Ein Prusten begleitet jeden Schritt. Hier wird die Luft im wahrsten Sinne dünn. „Eine Steilwandabfahrt ist wie die Spitze eines Eisbergs,“ hat mir der Südtiroler Bergführer Franceso Tremolada einmal anvertraut. „Um sie zu erreichen, sind viel Training und Routine nötig.“ Viele unterschätzten die Schwierigkeiten, brächten nicht genügend bergsteigerische Erfahrung mit. In der eisigen Flanke des Fiescherhorns muss jeder Schritt sitzen. Ausgepumpt erreichen wir den Gipfelgrat. Der Blick in die Tiefe ähnelt dem aus einem Helikopter. Langsam beruhigt sich der Puls.

„Das schönste an solchen Aktionen ist die Freiheit und die Ruhe,“ sinniert Chris... „Keine Eile, keine Rivalität um die erste Linie wie beim Freeriden.“ Die Stille wirkt geradezu greifbar. Eine halbe Stunde später hat die Sonne die Schneeoberfläche angefirnt... „Jetzt oder nie!“ Chris setzt den ersten Schwung. Volle Konzentration. Ein Flow-Zustand seltener Intensität beginnt, ähnlich wie in fordernden Kletterrouten. Du denkst nur an den nächsten Schwung. Körper und Geist verschmelzen zu einer sonst nie erlebten Einheit. 800 Höhenmeter tiefer entladen sich Anspannung und Freude in einem kollektiven Jauchzer. Wir klatschen uns ab. Was folgt, sind befreiende Genussschwünge über das sogenannte Ewigschneefeld zur Konkordiahütte.

Ein Gefühl tiefer Zufriedenheit macht sich breit. Steilwandfahren ist eine der letzten Bergsportdisziplinen ohne Wettkampfregeln, eines der letzten Refugien für individualistische Abenteurer. Auf die Frage, was ihn als junger Mann getrieben habe, steilste Wände mit Ski zu befahren, hat mir Sylvain Saudan, der mittlerweile über 80-jährige Steilwandpionier und Erstbefahrer der Monte Rosa Ostwand, vor ein paar Jahren gesagt: „Ich wollte einfach mich selbst entdecken.“ Chris nickt zustimmend. Es gehe nicht um Steilheitsgrade, nicht um Sensationen. Steilwandfahren sei vergleichbar mit dem ewigen Menschheitstraum vom Fliegen... „Was zählt, ist, diesen Traum zu leben.“

Steep and Wild
© Christian Penning
Steep and Wild
© Christian Penning
Steep and Wild
© Christian Penning
Steep and Wild
© Christian Penning
Steep and Wild
© Christian Penning

Fahrer: André Hauschke, Chris Kohler, Christian Paul, Tino Schiffer, Mauro Soregaroli

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