Schweiz · Urner Alps
The Urner Traverse
Ausgabe 2019 · Text: Anthony Bonello · Fotos: Mattias Fredriksson · 4 min Lesezeit

Wir sind auf einem der schönsten Gipfel entlang der Urner Traverse, einer der weniger bekannten Skitourenrouten der Alpen. Es ist März, und Mike Douglas und Alexis Godbout schlossen sich dem …
Wir sind auf einem der schönsten Gipfel entlang der Urner Traverse, einer der weniger bekannten Skitourenrouten der Alpen. Es ist März, und Mike Douglas und Alexis Godbout schlossen sich dem Fotografen Mattias Fredriksson und mir an, um die Urner auszuprobieren. Die Schweizer Alpen sind übersät mit berühmten Haute Routes, die unzählige Hütten miteinander verbinden. Viele der Routen durchqueren atemberaubende Landschaften, folgen aber oft dem Weg des geringsten Widerstands mit langen Gletscherübergängen und konservativen Abfahrten. Die Urner in den Schweizer Zentralalpen ist wegen ihres Freeride-Geländes, das Andermatt mit Engelberg verbindet, als Skier's Haute Route bekannt.
Wir hofften, die Schweizer Hüttenkultur zu erleben und auf der sechstägigen Route spannende Abfahrten zu machen. Von Realp bei Andermatt geht eine beliebte Route unterhalb des Winterstock in Richtung Tiefenstock auf 3.515 Meter und weiter zur Chelenalphütte 2.350 Meter. Von hier aus gibt es viele Möglichkeiten, aber wir wollen zur Tierberglihütte 2.795 Meter, um von dort das Sustenhorn 3.503 Meter zu erreichen. Dann könnten wir bis zum Steingletscher Hotel, bevor es zur Sustlihütte und vom Grassengrat über die vielleicht beste Abfahrt, einen 1.500 Meter langen Nordhang, direkt ins Tal geht. Für die mehr als 30 Kilometer mit gut 5.000 Metern Aufstieg durch alpines Gelände sind jedoch ideale Bedingungen nötig.
In Engelberg angekommen sind wir etwas enttäuscht – es schneit. Christian Aschwanden, unser Guide, erklärt, dass wir unsere Tour erst in ein paar Tagen starten können, wenn sich das Wetter beruhigt hat. Stattdessen fahren wir auf den Brunni, um bei 50 Zentimetern Neuschnee durch die Bäume zu fahren. Jeden Abend prüfen wir bei einem Bier in der Ski Lodge Engelberg die Vorhersage und die Karte und diskutieren unsere Chancen für die Traverse. Da das Wetter nicht mitspielt, beschließen wir sie in kleineren Teilstücken zu erkunden. Der nächste Tag ist schön, jedoch ist für den nächsten bereits wieder Schneefall angesagt. Wir machen uns südlich des Gotthard-Tunnels auf den Weg nach Andermatt. Vom Gemsstock fahren wir einen Südhang mit perfektem Powder.
Wir steigen wieder auf und erreichen eine Scharte im Westen, wo eine lange schattige Rinne für einen zweiten perfekten Run sorgt. Nach unzähligen Spitzkehren steht uns dann eine lange, kupierte Abfahrt bis Hospental bevor. Godbout ist begeistert von seinem ersten Skitourentag in den Alpen. Für ihn als einen der besten Slopestyle-Fahrer der Welt ist es ein echter Tapetenwechsel. Nach drei aufeinanderfolgenden Knieverletzungen erfindet sich Godbout nun als Big Mountain Skifahrer neu und sucht nach mehr „Pulver und weicheren Landungen“. Für Douglas sind Skitouren ebenfalls neu. Der „Pate des Freeskiings“ führte einst die Twin-Tip-Ski-Revolution an.
Der Buckelpisten- und Freestyle-Fahrer entwickelte sich zu einem der besten Big Mountain-Fahrer, aber eine Alpenquerung wäre neu für ihn. Doch dafür sieht es leider schlecht aus, denn mittlerweile macht die Wettervorhersage unser Vorhaben endgültig unmöglich. Christian schlägt vor, dass wir stattdessen in den Bergen ein paar der Hütten besuchen und dort Ski fahren, solange die Bedingungen annehmbar sind. Schon bald sehen wir die zerklüfteten Türme des Gross Spannort am Ende des Tales. Bei der Ankunft auf einem Bergrücken bläst uns der Wind fast aus den Skischuhen. In den weiten Bowls, die geschützt im Schatten der Berggipfel liegen, finden wir schienbeinhohen Powder.
Wir folgen Christians Spur und fahren zur Kröntenhütte, in der wir von Markus Wyrsch und seiner Frau Irene begrüßt werden. Die Hütte liegt auf 1.903 Metern und ist eine von 152 Hütten, die vom Schweizer Alpenverein bewirtschaftet werden. Im Winter sind viele von ihnen bis spät im Frühjahr geschlossen. Am nächsten Morgen stehen wir früh auf. Christian legt ein flottes Tempo vor. Es ist kalt, bevor die Sonne das enge Tal erreicht, in dem uns ein echter Freeride-Spielplatz erwartet. Douglas und Godbout steigen zu einem breiten Felsen auf, wo Godbout einen breiten Hang gefunden hat, der von zwei Cliffs mit steilen Landungen durchzogen wird. Douglas wählt eine exponierte diagonale Rinne.
Er klettert zurück nach oben und erzählt uns, dass sich das Skitourengehen für ihn wie eine logische Weiterentwicklung anfühlt. Es scheint irgendwie ironisch, dass der Erfinder der Twin Tips jetzt auf einem leichten, flachen Ski mit Low-Tech-Bindung und einem Schuh mit Walk-Modus im Backcountry unterwegs ist. Douglas fährt in eine steile, exponierte Rinne ein und hat nichts an seinem Fahrkönnen verloren. Das Gleiche gilt für Godbout, der einen weiteren Sprung aus zehn Metern steht und dann in seinem unverwechselbaren Stil weiterfährt. Nach einer weiteren Runde geht es zur Tierberglihütte, von der wir am nächsten Tag das Sustenhorn erreichen wollen. Die Hütte ist unbesetzt und die Tür eingeschneit.
Die Aussicht von dem Felsvorsprung am Steingletscher ist spektakulär. Nachdem er den Eingang ausgegraben hat, bereitet Christian das Abendessen zu. Godbout ist erschöpft vom Skifahren, aber verliebt in das gemütlichere Tempo, mit dem er sich hier seine Schwünge verdient. Am Morgen ist der Himmel klar, aber der Wind bläst und wir wollen schnell über den Gletscher zum Sustenhorn. Es ist ein langer, mühsamer Aufstieg. Kurz nach Mittag erreichen wir den Gipfel. Christian zeigt uns den Verlauf der Urner gen Süden in Richtung Andermatt. Im Norden sehen wir Engelberg und den Grassengrat. Es ist eine spektakuläre Region mit grenzenlosem Skipotenzial, das man selbst mit sechs Tagen Zeit bei idealem Wetter nicht ausnutzen könnte.
Douglas, der sich in unser aller Namen ins Gästebuch einträgt, verspricht, dass wir bald zurückkommen werden, um die Skier's Haute Route zu machen. Nun aber liegt erst einmal die 700 Meter lange Abfahrt zurück zur Hütte vor uns.





Fahrer: Christian Aschwanden, Anthony Bonello, Mike Douglas, Alexis Godbout



