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USA · Chilliwack Mountains (North Cascades)

Just like Lions

Ausgabe 2017 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 5 min Lesezeit

Just like Lions

„Da musst Du hin“, hieß es. Jahre danach baumelte ich über den Depot Falls. Während mein Schicksal an einem Baum hing, verstand ich es und war von dem donnernden Schmelzwasser, das 300 Meter tiefer – …

„Da musst Du hin“, hieß es. Jahre danach baumelte ich über den Depot Falls. Während mein Schicksal an einem Baum hing, verstand ich es und war von dem donnernden Schmelzwasser, das 300 Meter tiefer – weit genug, um fast irreal zu wirken – auf den bewaldeten Talboden traf, fasziniert. Das Donnern erinnerte mich an das Gebrüll eines Löwen, das über die Serengeti hallt. Ohne etwas zu fordern, aber dennoch so mächtig, dass jede Kreatur, groß oder klein, sofort wusste, wer hier König ist. Die Depot Falls sind das Gebrüll der Chilliwack Mountains. Ich hatte nicht um Erlaubnis gefragt. Hierher zu kommen, war meine Entscheidung, ohne Rücksicht auf Verluste.

Wie eine Gazelle, die sich beim Grasen in Sicherheit wähnt, dass das Raubtier hoffentlich sattgefressen ist, doch das kann sich in Sekundenschnelle ändern. Stunden zuvor fuhren Tim, Ashton und ich über eine uralte Holzfällerstraße, die wie eine wild bewachsene Hand aussah, deren hölzerne Fingernägel über den Autolack kratzen. Einen halben Tag später, wieder 300 Meter über dem Tal hängend, richtete ich meine Kamera auf die höheren Regionen. Hinter den Wasserfällen war das Gelände zunächst dicht bewaldet. Als ich die Zweige beiseite schob, sah ich durch das Objektiv einen teilweise schneebedeckten Sumpf. Dann tauchten um mich herum der Himmel und die Gipfel auf, allen voran die Nordwand des Redoubt.

Oft hatten wir Witze über diese Abfahrt gemacht und mit allen möglichen theoretischen Linien geprahlt, bis uns am Ende immer der Mut verließ und wir es bleiben ließen. Am zweiten Tag kletterten wir über den Sattel oberhalb des Silver Lakes und erreichten nach ein paar hundert Metern zu Fuß den Gipfel des Spickard. Die uns umgebenden Berge ragten in den wolkenlosen Himmel. Je weiter wir blickten, desto diesiger wurde es, bis Fels, Schnee und Himmel schließlich ineinander verschmolzen. Erinnerungen an frühere Touren kamen in mir hoch. Perfekter Schnee und die Schwerkraft brachten uns schnell ans Ufer des Silver Lake, dessen weiße, gefrorene Oberfläche in krassem Kontrast zum unwirklich blauen Sommerhimmel stand.

Am nordöstlichen Ende des Sees standen der Devil's Tongue (2.453 Meter) und der Toothpick wie Monolithen. Und sie waren nicht alleine. An allen Seiten bogen sich Schnee und Felsen leicht über den See. Fast kam ich mir vor wie im Inneren einer Schneekugel. Wir erreichten die oberen Hänge des Mt. Rahm (2.584 Meter) über ein schmales Couloir, dessen Felsvorsprünge gelb, rot und grün von Algen verfärbt waren. Nicht weniger als ein halbes Dutzend Wasserfälle sprudelten zu beiden Seiten über den Schnee und verschwanden unter unseren Füßen. Es war verlockend, der Richtung des Wassers zu folgen, aber wir wollten nach oben. Man weiß nie, wann man vor lauter Freude einfach nur noch schreien muss, aber hier, über dem Silver Lake, war es dann so weit.

Es war einfach zu schön hier oben, und wir konnten uns nicht mehr zurückhalten. Auf dem Mt. Rahm, dem zweiten Gipfel des Tages, entspannten wir uns erst einmal und ließen unsere Blicke von Gipfel zu Gipfel wandern. Es waren die gleichen wie am Tag zuvor, nun aber aus einer anderen Perspektive. Die Pickets, die Stuart Range, die Chilliwacks (und viele andere) lagen da wie Löwen in der Sonne – so wie wir auch. Der einzige Unterschied: Sie waren die Raubtiere, wir ihre Beute. Als ich auf dem Weg zu unserem dritten Gipfel den Custer Glacier erblickte, riss ich erschrocken meine Hände in die Luft und versuchte mich selbst zu beruhigen: „Immer langsam, jetzt ja nicht ausflippen.“

Der Gletscher sah furchtbar aus: zerschlagenes Eis und überall gefrorenes Geröll auf einer Länge von gut 800 Metern. Schnell stiegen wir zu einem sicheren Schneefeld weiter, das uns schließlich auf den Gipfel des Mt. Custer brachte. Ohne lange zu warten, stiegen wir nach einem weiteren unglaublichen Tag in den Bergen wieder in Richtung Lager ab. Am dritten Tag standen die Südseite des Redoubt (2.734 Meter) und ein Abstecher zum Depot Glacier auf unserem Plan. Mittags hatten wir die massiven Felswände des Redoubt umrundet, nur um dann vor den noch massiveren Felsen des Bear Mountain zu stehen. In der Ferne sahen wir Mt. Challenger, Mt. Baker und Mt. Shuksan, drei der ehrwürdigsten Titanen der North Cascades.

Der südliche Weg zum Gipfelkamm des Redoubt führt durch eine etwa 40 Grad steile Wand, die sich länger zog, als wir es uns vorgestellt hatten. Tim und Ashton kletterten auf den Gipfelkamm, während ich die umliegenden Bergen in zahlreichen Fotos festhielt. Die Abfahrt danach war einfach nur traumhaft – die Art von Linie, die man nicht in einem Zug hinunterfahren kann, weil man sich für die Aussicht und alles andere, was die Abfahrt besonders macht, Zeit nehmen will. Da aber alles irgendwann ein Ende hat, liefen wir nach der Abfahrt wieder zurück zum Redoubt Glacier. Als der Morgen des vierten Tages anbrach, war der Himmel bedeckt. In dieser Nacht hatte es unaufhörlich geblasen.

Das alles waren Zeichen eines Wetterumschwungs, und da wir nur noch für wenige Tage Verpflegung hatten, erschien es uns unsinnig, einen Tag im Regen zu verbringen. Also packten wir unsere Sachen und machten uns auf den Weg zurück zu den Depot Falls und dann weiter durch den uralten Wald darunter. Stunden später trotteten wir auf der Straße, die sich in einen Bach verwandelt hatte, zu unserem Auto. Wir holten ein paar Biere aus dem Kofferraum, wuschen uns am Bach die Spinnweben aus den Gesichtern und starteten unsere kleine Zeremonie wie nach jeder Tour: Auf den verdreckten Rucksäcken liegend anstoßen und entspannen. Weiter oben hörte ich immer noch das Donnern der Depot Falls.

Sie sind genau so präsent und mächtig wie die Berge, denen sie entspringen – die schroffe Wildnis der North Cascades. Immer wenn ich in diese Berge gehe, werde ich wiedergeboren, zu einem neuen Menschen. Die Verbindung zu diesen Bergen und dem ungezähmten Land ist nicht nur für mich wie eine extrem enge Freundschaft. Wir brauchen die Berge genauso, wie wir die Löwen brauchen. Selbst wenn wir nur wissen, dass sie existieren.

Just like Lions
© Jason Hummel
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© Jason Hummel
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© Jason Hummel
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© Jason Hummel

Fahrer: Tim Black, Ashton Richie

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