USA · North Cascades
The Forbidden Tour
Ausgabe 2016 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 5 min Lesezeit

Die in den 1990er Jahren zum ersten Mal begangene „Forbidden Tour“ hat sich mittlerweile zu einem echten Klassiker entwickelt im kleinen, aber feinen Kreis von Tourengehern aus dem amerikanischen …
Die in den 1990er Jahren zum ersten Mal begangene „Forbidden Tour“ hat sich mittlerweile zu einem echten Klassiker entwickelt im kleinen, aber feinen Kreis von Tourengehern aus dem amerikanischen Staat Washington. Die Route führt nicht nur durch das Herz des North Cascades National Park, ihr berühmt-berüchtigter Name „Forbidden“ zieht zusätzlich Abenteurer eher an, als dass er sie abschreckt. Auch Jeff Rich, Mike Traslin und Andy Traslin und natürlich auch ich konnten der Versuchung nicht länger widerstehen, ebenfalls einen Bissen von dieser verbotenen Frucht zu nehmen.
Wir wollten endlich herausfinden, warum die Route, die zwar keine extreme Ski-Route ist, aber doch echtes Abenteuer über drei intensive Tage in der entlegenen Ecke der North Cascades verspricht, so legendär ist. Sonnenstrahlen durchbrachen den dichten Tannenwall und warfen lange Schatten in das tiefe Tal. Mit zugekniffenen Augen blickte ich gegen das gleißende Licht und sah die Schneegrenze, die viel höher als sonst lag, weit oberhalb der Cascade River Road. Statt sie an die Füße zu schnallen, machten wir die Skier an den Rucksäcken fest. Je höher wir kamen, desto besser wurde der Ausblick. Im Süden, nur wenige Meilen entfernt, sah ich den Cascade Pass.
Gemeinsam mit der Forbidden Traverse und einem Dutzend anderer Wege ist er Teil eines Wegenetzes von gut 400 Kilometer über die Cascade Crest, vom Mount Rainier im Süden bis zum Mount Baker im Norden. Als wir am oberen Quien Sabe Glacier ankamen, liefen wir über die Schatten der spitzen Felspyramiden und zackigen Grate von Torment, Forbidden, Boston und Sahale. Mehrere Stunden vor Sonnenuntergang erreichten wir eine schneebedeckte Senke, ebneten den Untergrund und errichteten unser Camp. Spontan entschieden wir uns zu einer schnellen Tour ohne Rucksäcke zum Sahale Mountain, wo wir auf richtig schlechten Schnee trafen. Doch die wenigen Höhenmeter, die uns noch trennten, zogen uns weiter bis zu einem hochgelegenen Aussichtspunkt.
Während wir dort standen, versanken die Berge im rosafarbigen Abendglühen, das uns mit der Landschaft eins werden ließ. Die folgenden Schwünge waren so schlecht wie befürchtet, doch wir waren zufrieden: Solange die Umgebung meine Sinne berührt, ist es egal, ob ich Eis oder Powder unter den Skiern habe. Am zweiten Morgen traversierten wir zum Fuß des Sharkfin Col. Vor dem Aufstieg packten wir die Eisäxte und Steigeisen für die steile, 150 Meter lange Klettertour aus. In der Mitte der Wand hörte ich, wie Jeff, der bereits oben war, laut fluchte. Als ich zu ihm stieß, blickte ich über den Abgrund und sah seinen Rucksack etwa 30 Meter weiter unten liegen! Die Wechte, auf der er ihn abgelegt hatte, war abgebrochen.
Glücklicherweise hatte er unbeschadet den Bergschrund passiert und kam zum Liegen. Jeff grinste: „Wenigstens muss ich ihn jetzt nicht da runtertragen“ und seilte als erster ab. Nacheinander ließen wir uns zum furchterregenden Boston Glacier hinab. Als erstes stach die Nordseite des Mount Buckner, ein 50 Grad steiler Hang, ins Auge. Der Hang liegt direkt am südlichen Ende des mit Spalten durchzogenen Gletschers. 2011 war ich hier in eine Spalte gefallen – seitdem interessiert mich das Innere von Gletschern nicht mehr. Mit dem Mount Buckner im Rücken umrundeten wir den oberen Boston Glacier. Am Ende der Spaltenzone stiegen wir auf einen schmalen, 2.380 Meter hohen Sattel, den Scheitelpunkt des berühmt-berüchtigten Forbidden Glacier.
Seine Schnee- und Eismassen reichen bis zum 900 Meter entfernten Ufer des Moraine Lake. Die Kanten unserer Skier bissen sich in den Schnee. Schwung für Schwung zog uns die Schwerkraft an Spalten und Eistürmen vorbei und wir hatten Mühe, die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Dann tauchten wir in den Schatten ein. Die Früchte unserer Anstrengungen bis hierher waren süß, doch waren sie auch verboten? Es gab keine Anzeichen anderer Bergsteiger, keine Spuren. Verboten oder nicht, das alles gehörte jetzt uns. Am Ende des Gletschers hatte das ungewöhnlich warme und trockene Wetter leider vergessen, Schnee zu hinterlassen. Es wurde immer steiniger. Nach einer kurzen, nicht einfachen Abfahrt überquerten wir den Gletscherbach und errichteten unser Camp.
Als wir Essen kochten und Tee tranken, wurde die Aussicht fast schon unwirklich: Durch die Sonne war das Eis getaut, jetzt krachten Teile des Gletschers laut herunter und unterbrachen die abendliche Stille. Der nächste Morgen war wie eine Erlösung – im Winter sind die Nächte lang und kalt. Vor unserem Zelt tanzten prächtige Schatten über die klare Oberfläche des Moraine Lake. Über schneelose Felsen machten wir uns auf den Weg durch das Tal und umgingen den Gletscherbruch des Inspiration Glacier. In normalen Jahren wäre der Gletscherbruch einfach zu durchsteigen, aber 2015 war der wohl schlechteste Winter seit langem. 300 Meter weiter oben konnten wir den Inspiration Glacier über ein Flachstück queren.
Hinter uns thronte der Klawatti Peak (2.586 Meter), vor uns der Eldorado Peak (2.703 Meter). Während Jeff und ich nur bis zum Fuß des Ostgrats des Eldorado gingen, nahmen die Traslin-Brüder den Gipfel mit. Am Ende des Eldorado Glacier ging es dann den Rousch Pass hinauf, gefolgt von einer Abfahrt, die 300 Meter weiter erneut in einem Felsenmeer endete. Wir fanden noch genug Schneeflecken, um durch die Felsen zu springen, bis es wirklich nicht mehr weiterging. Auf einem steilen Zustiegsweg für Kletterer gingen wir schließlich zum Parkplatz zurück. Am Auto angekommen, plumpste ich zu Boden und warf meine Skier und den Rucksack neben mich.
Ich ließ die letzten drei Tage Revue passieren und merkte, wie mein Kopf vor Begeisterung und Freude fast zu platzen drohte. Wie bereits erwähnt, übt das Wort „Forbidden“ einen ganz besonderen Reiz auf uns Abenteurer aus. Es lockt mehr, als dass es abstößt. Für mich bedeutet es aber noch viel mehr. Diese Berge sind meine Heimat. Und laut eines Sprichwortes ist die Heimat dort, wo das Herz ist. Meines schlägt hier im Norden des Staates Washington und in seinen Bergen.





Fahrer: Jeff Rich, Andy Traslin, Mike Traslin



