USA · Stuart Range
Tour of the Enchantments
Ausgabe 2022 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 4 min Lesezeit

Die Stuart Range liegt zwischen trockener Wüste und grünen Wäldern. Eine Topografie aus steilen, verwitterten Granittürmen, von denen zehn zu den 100 höchsten Gipfeln des Staates Washington gehören, dominiert die von Gletschern geformten Täler. An jeder tief gelegenen Stelle…
Die Stuart Range liegt zwischen trockener Wüste und grünen Wäldern. Eine Topografie aus steilen, verwitterten Granittürmen, von denen zehn zu den 100 höchsten Gipfeln des Staates Washington gehören, dominiert die von Gletschern geformten Täler. An jeder tief gelegenen Stelle liegen Seen. Sie befinden sich dort, wo einst mächtige Gletscher waren. Sie sind verblassende Erinnerungen an die einstige Herrlichkeit jener Eismassen. Reste der Gletscher gibt es noch in den Höhenlagen, geschützt in dunklen Nischen zwischen Graten und Felstürmen. Hier findet man noch fünf Gletscher in der Stuart Range, die vor langer Zeit nach ihren Quellgebieten benannt wurden, wie der Icicle Creek und der Snow Creek.
Tatsächlich war es ein Landvermesser, der einst den Enchantments ihren Namen gab. Er schrieb: „Dort fand ich fünf oder sechs wunderschöne kleine Seen, die in einem wunderbaren kleinen Gletschertal gruppiert und alle mit alpinen Lärchen bewachsen sind. Aus dem höchstgelegenen – Talisman Lake – stürzte das Wasser, das er von einem kleinen Gletscher – Snow Creek Glacier – erhielt, über einen zauberhaften Wasserfall. Es war eine bezaubernde Szene. Ich nannte die Gruppe daher die „Enchantment Lakes“. Später wurde dieser Name auf die gesamte Region übertragen. Genau hier traf ich um acht Uhr morgens Carl Simpson und Matt Leitzinger.
Mit schweren Rucksäcken begannen wir den sechs Kilometer langen Aufstieg über die verschneite Straße zum Einstieg zum Colchuck Lake. Als wir die Straße verließen, führte eine zerfurchte Aufstiegsspur durch den Wald zum See. Ab hier ließen wir alle Anzeichen von Zivilisation hinter uns und spurten zum Aasgard Pass. Nach 1.700 Höhenmetern suchten wir hinter King Kongs Felsen Schutz vor der Kälte. Vor uns lag das, wofür wir gekommen waren. Die Enchantments rauben mir immer wieder den Atem, egal wie oft ich sie sehe. Es folgte eine erste Abfahrt vom Gipfel der West Annapurna. Unser Lager auf einem 2x4 Meter großen Granitbalkon war spektakulär. Vom Rand des Tals aus überblickten wir den Inspiration Lake. Wir stießen mit einem Schluck Whiskey an.
Der Sonnenuntergang und die Sterne leisteten uns Gesellschaft. Wir schliefen bald tief und ruhig ein. Gute Lager sind Balsam für die Seele. Am zweiten Tag bestiegen wir bei strahlend blauem Himmel den Dragontail Peak. Der beißende Wind vom Vortag hatte sich nach Osten verzogen. Stattdessen herrschten Stille und Gelassenheit, und unser Glücksgefühl wurde auch nicht getrübt, als wir auf drei andere Skifahrer trafen. Wenn überhaupt, dann taten mir diese Kollegen leid, denn bei Powder sind wir nicht mehr wir selbst. Und so war es auch. Als sich die nächste Nacht in den Sonnenaufgang verabschiedete, standen wir auf und machten uns für unseren letzten Tag fertig.
Zwischen Lager und Ziel lagen unverspurte Weiten, Felsvorsprünge, Bergwäldchen und weitere perfekt drapierte Seen. Stunden später stand ich auf dem Gipfel des Cannon Mountain und jubelte. Was ich sah, war nicht nur unsere Aufstiegsspur, sondern Orte, an denen ich bereits vorher gewesen war. Fenster zu vergangenen Abenteuern, aneinandergereiht wie eine Perlenkette. Wieder aufgefellt, folgten wir drei den Hauptcouloirs vom Gipfel des Cannon Mountain nach unten – keines davon übrigens das bekannte Cannon Mountain Couloir, das sich nicht am namensgebenden Berg befindet, sondern etwa zwei Kilometer entfernt an einem Nebengipfel. Doch dies konnte nicht verhindern, dass wir es unter ständigen Freudenschreien krachen ließen.
Als ich ein paar Stunden später das eigentliche Cannon Mountain Couloir bestieg, wusste ich, dass das letzte „Hurra“ des Winters noch vor mir lag. Ich konnte mir keinen besseren Abschluss vorstellen, vor allem nicht für eine derart durchwachsene Saison wie die von 2021-22. Wir warteten nicht lange und flogen wie Kanonenkugeln vom Gipfel hinunter, von einer Seite zur anderen, bis wir auf dem Plateau an der Baumgrenze zum Stillstand kamen. Man sah die Zufriedenheit in unseren Gesichtern. Doch die meisten Skitouren haben ihren Preis. Ein letztes Labyrinth aus Bäumen lag vor uns. Wir wetteten, dass wir ohne abzuschnallen durchkommen würden. Erst als ich den ersten dieser Bäume küsste, wusste ich es besser. Ich brauchte zehn Minuten, um mich zu befreien.
Zu allem Überfluss rutschte ich kurz vor der rettenden Straße auf einem verschneiten Felsen aus. Triefend wie ein nasser Hund kroch ich auf die Straße. Als ich zurück nach oben blickte, sah ich noch einmal unsere Spuren durch diese weitläufige Landschaft. Jeder hat eine andere Vorstellung davon, wie ein „bezauberndes“ Abenteuer auszusehen hat. Für mich war es eben dieses Erlebnis – die nassen Klamotten inklusive. Das einzige was jetzt fehlte, war die Kutsche aus dem Märchen, die mich die letzten Kilometer über die verschneite Straße zu meinem Auto bringen würde...





Fahrer: Matt Leitzinger, Carl Simpson



