USA · Olympic Mountains
Olympic Wilderness
Ausgabe 2016 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 5 min Lesezeit

Gleich bei mir zuhause, nur drei Querstraßen die 30th Street hinunter, verläuft ein Trail, der zu den Stränden der Commencement Bay führt und von dort schließlich, etwas weiter entfernt, zu den …
Gleich bei mir zuhause, nur drei Querstraßen die 30th Street hinunter, verläuft ein Trail, der zu den Stränden der Commencement Bay führt und von dort schließlich, etwas weiter entfernt, zu den Olympic Mountains. Ich bin nicht der einzige mit dieser Aussicht, eine Million anderer Häuser haben dasselbe Glück. Aber dennoch gibt es in jenen Bergen Orte, die noch nie betreten wurden, denn da drüben, auf der anderen Seite der Bucht, herrscht absolute Wildnis. Keine Wildnis irgendwo weit weg im Ausland. Keine Wildnis mit Namen, die man kaum aussprechen kann. Nein, da drüben gibt es eine Wildnis, die mich einen Benzintank kostet und die ich dann auf meinen eigenen zwei Beinen erforschen kann. Die Geheimnisse der Olympics wurden im späten 19.
Jahrhundert gelüftet, erst mit der O'Neil Expedition, dann mit der Press Expedition. In seinem Buch „Across the Olympic Mountains“ zitiert Robert Wood einen Lokalredakteur: „Einige mutige Anwohner der Meerenge werden sich einen Namen machen, indem sie die Geheimnisse der Region, die von der schneebedeckten Olympics-Bergkette umgeben ist, aufdecken.“ Die Press Expedition des Winters 1889 war die erste Unternehmung, die eine komplette Nord-Süd-Durchquerung machte. Es dauerte ganze sechs Monate, um die beschwerlichen 80 Kilometer zu erkunden. Heute durchkreuzt ein Wegenetz von rund 965 Kilometern den 3.680 Quadratkilometer großen Olympic National Park, gegründet von Präsident Franklin D. Roosevelt im Jahr 1938.
Zwischen den markierten Wegen befinden sich hohe Berge, Gletscher und Bergrücken, in denen man sich teilweise noch seinen eigenen Weg suchen muss. Ich wollte diese Wildnis schon immer auf Skien erkunden, aber um es richtig zu machen, braucht es einen Plan. Vor zwei Jahren kam Justin McGregor und mir die Idee, die Olympics von Norden nach Süden zu durchqueren. Er erzählte mir von einem Höhenweg, den er im Sommer zuvor gegangen war. Bisher träumte ich immer von einer Ost-West-Durchquerung, die den mächtigen Mt. Olympus mit einschloss, aber von einem Höhenweg von der Hurricane Ridge zum Lake Cushman war ich ebenfalls angetan.
Es dauerte nicht lange und ich hatte mir meine eigene Strecke aufskizziert, die Teile von Justins Route mit Bergen und Gletschern kombinierte, die ich gern auf Skiern befahren würde. Dabei ging es mir auch darum, bereits benannte Gletscher zu befahren, da es in einem meiner übergeordneten Projekte darum geht, alle 213 mit Namen versehenen Gletscher des Staates Washington unter den Skiern gehabt zu haben. Wenn alles klappte, würde ich Gletscher Nummer 131 bis 135 abhaken können, inklusive einiger der schwersterreichbaren des Staates. Aber nicht alles sollte nach Plan verlaufen. Der Frühling 2015 kam – er folgte auf einen der schlechtesten Winter in der Geschichte Washingtons.
Ende März 2015 betrug die Schneedecke in den Olympics gerade einmal 7% des üblichen Durchschnitts! Ein Jahr verging. Im März 2016 las ich zufällig, dass die Schneedecke bei gesunden 122% lag. Die Verhältnisse waren ideal, doch dann kam ein April wie ein Backofen und brannte sich seinen Weg in die Geschichtsbücher. Im nahen Seattle war dieser April der wärmste in 122 Jahren. Der Schnee schmolz im Rekordtempo und schon bald sah man Blumen auf den Berghängen. Noch bevor dies passierte, beschlossen Tim Black und ich, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt gingen mir mehr Gedanken als üblich durch den Kopf. Ich hatte eine kleine Krise, dachte viel über mein Leben nach. Fragen wie... „Was, wenn ich das ganze Jahr in einem Wohnmobil lebe?“
oder „Weshalb habe ich vor acht Jahren die vielversprechende Karriere als Finanzberater gegen ein Leben als Outdoorer und Fotograf eingetauscht?“ beschäftigten mich. Würde ich etwas anders machen? Nicht wirklich. Würde ich zu meinem alten Leben zurückkehren? Unwahrscheinlich. Aber ich begann zu realisieren, dass all das seinen Preis hat. Der Sicherheit eines geregelten Lebens den Rücken zu kehren ist schwerer, als ich es mir je vorgestellt hatte. Was wollte ich wirklich? War ich so von den Normen des amerikanischen Durchschnittslebens beeinflusst, dass ich mir jetzt Sorgen machte? Was auch immer mich beschäftigte, die Berge können jedes Mal die Sorgen über das Hier und Jetzt vertreiben.
Wie sehr man sich auch quält und anstrengt, es ist immer wieder der Moment, der einen antreibt, verbunden mit dem klaren Ziel vor Augen. In diesen Momenten realisiert man, dass es nur um eines geht: den Moment genießen, das Beste aus jedem Tag machen, alles geben. Und ich gab alles, als ich meinen Rucksack am Parkplatz der Hurricane Ridge auf den Rücken hievte. Verpflegung für zehn bis zwölf Tage, Kamera, vier Objektive, Batterien und Stativ, Ski, Stiefel und Stöcke, Seil, Klettergurt und vieles mehr. Die Schulterträger des Rucksacks waren so unter Spannung, dass ich Angst hatte, sie könnten jederzeit reißen. Die nächsten neun Tage machten wir über 9.000 Höhenmeter auf einer Strecke von knapp 100 Kilometern.
Wir trotzten schlechtem Wetter, überquerten über 100 Bäche, machten ein halbes Dutzend Gipfel und durchquerten eine Landschaft, die den Trip auf ewig unvergesslich macht. Robert Wood schreibt am Ende seines Buchs „Across the Olympic Mountains“: „Obwohl die Olympic Mountains nun erforscht sind, findet man immer noch den Geist des Unbekannten in ihnen. Man muss nur einen Schritt neben die markierten Wege machen und ins Backcountry gehen, schon findet man sich in dichten Wäldern oder auf nebeligen Graten wieder.“ Als ich zurück nach Hause kam, lief ich die 30th Street zwei Querstraßen weit hinunter. Dieses Mal sah ich die Olympic Mountains, die aus dem blauen Wasser des Puget Sounds aufstiegen, mit anderen Augen. Sie waren mir nicht länger unbekannt.
Aber diese Wildnis war trotz meiner Tour immer noch Wildnis. Und weder unsere Vorfahren noch wir oder zukünftige Entdecker und Bergsteiger konnten oder werden dies je ändern.





Fahrer: Tim Black



