USA · Cascade Range
Mountain Prophet
Ausgabe 2025 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 3 min Lesezeit

„Was habt ihr denn gemacht – Wasserski?“, fragte ein alter Mann in T -Shirt und Shorts. Er trug weder einen Hut, noch hatte er Haare auf dem Kopf, aber er war auf einer Mission. „Ich möchte noch ein letztes Mal den See hier hinten sehen“, erklärte er. Drei Ecken weiter konnte ich mich nicht mehr …
„Was habt ihr denn gemacht – Wasserski?“, fragte ein alter Mann in T -Shirt und Shorts. Er trug weder einen Hut, noch hatte er Haare auf dem Kopf, aber er war auf einer Mission. „Ich möchte noch ein letztes Mal den See hier hinten sehen“, erklärte er. Drei Ecken weiter konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und lachte. „Ausgerechnet Wasserskifahren“, kicherte ich. Drei Tage zuvor waren Reed Purvis und ich zum Ross Lake aufgebrochen, einem 37 Kilometer langen Stausee, der bis nach Kanada reicht und sich zum North Cascades National Park im Bundesstaat Washington hin öffnet. Unser Plan: ein Multisport- Abenteuer zum Mount Prophet.
Mit Packrafts, Paddeln, Skiern und Stöcken quer über unsere schweren Rucksäcke geschnallt, erzählte ich Reed auf dem Trail, wie der Berg zu seinem Namen kam – durch den irischen Goldsucher und religiösen Fanatiker Thomas Rowland. „Er glaubte“, erklärte ich, „dass er der Prophet Elija sei. Also wurde dieser Gipfel nach einem echten Propheten benannt!“ Ob wir wie Rowland dort unserem Schöpfer begegnen würden, stand noch in den Sternen. Der Wind schlug uns jedenfalls unbarmherzig ins Gesicht, als wir die Boote ins eisige Wasser des Ross Lake setzten. Erst am Big Beaver Creek zog er sich über die Berge zurück und ließ uns Ruhe. Den Rest des Tages wanderten wir Richtung Thirtynine Mile Camp, durch üppige Wälder und auf einem gut gepflegtem Trail.
Ein Wald der Riesen begleitete uns. Eine der mehrstämmigen Zedern hatte sicher zehn Meter Umfang! Am nächsten Morgen ging es weiter über schneelose Hänge, diesmal ohne Markierung. Stunden später stand ich endlich auf Schnee. Anders als Rowland musste ich meinen Reichtum nicht erfinden – er lag nun direkt vor mir. Über einen sich windenden Rücken spurte ich mit Fellen weiter ins Hochgebirge, bis der leichte Anstieg abrupt an einer Wand aus sonnenverbackenem Schnee endete und in ein weiteres großes Kar führte. Erst als wir uns aus diesem gefährlichen Terrain befreiten, standen wir über dem Arctic Glacier. Ich hatte beschlossen, diesen Gletscher zum Ziel eines kleinen Abstechers zu machen. Denn seit fast fünfzig Jahren hatte kein
Mensch einen Fuß darauf gesetzt – bis Reed und ich durch die Spalten manövrierten und stellenweise sogar Pulverschnee fanden. Stunden später waren wir zurück am Pass und stiegen weiter Richtung Gipfel. Ich tastete mich über einen stabilen Wechtenrücken, zog mich durch den warmen Schnee nach oben. Dahinter wartete kein Prophet. Doch die Erfüllung, die mir jeder Gipfelerfolg schenkt, raubte mir erneut den Atem. Vor mir erstreckte sich ein Streifen Himmel und Land, das sich in der Ferne in weißem Dunst verlor. Was die meisten Menschen heute vergessen haben, ist, dass wir, als es über uns nichts als den Himmel und keine Dächer gab, wussten: „Die Welt ist groß. Der Mensch ist klein.“
Minuten später sang der Schnee unter den Skiern sein Lied und tausend Höhenmeter flogen in Minuten unter uns vorbei. Meine Beine schrien jedes Mal, wenn ich sie an ihr Limit belastete. Es erinnerte mich an eine Achterbahnfahrt – daran, wie die sich verändernden Horizontlinien Signale an das vegetative Nervensystem senden, die immer wieder sagen: „Weiter geht’s!“ Der lange Marsch, nachdem wir die Schneegrenze erreicht hatten, trieb uns in die Dunkelheit – durch Mondlichtfetzen, die wie die Sonne wirkten. Im fahlen Schimmer stolperten wir aus dem Gestrüpp zurück auf den Trail, ohne die Stirnlampen auszupacken. Minuten später saßen wir am Feuer, sahen Schatten wie Geister über Äste huschen.
Am nächsten Morgen weckten uns Sonne und Vogelgesang. Wir tanzten zu ihrem Takt zurück zum Ross Lake und zu unseren Booten. Doch die erträumte Paddeletappe über spiegelglattes Wasser endete schnell. Der Wind blies erneut stark – jeder Paddelzug nach vorne schien wie einer in die Gegenrichtung. Der Kampf war hart, doch am Ende gewannen wir. Wieder an Land verstauten wir die Boote. Danach ging es ein letztes Mal zu Fuß weiter. Verschwitzt und überhitzt erreichten wir nach nicht einmal einer Stunde das Auto. Unter den Sitzen lagerten kalte Getränke. Die Dosen zischten, noch bevor der Staub sich legte. Nach dem ersten Schluck erzählte ich Reed eine Geschichte – von einem Mann, der „Wasserski!?!“ rief.





Fahrer: Reed Purvis



