Italien · Central Apennines
Mountains in Motion
Ausgabe 2019 · Text: Vince Shuley · Fotos: Vince Shuley · 4 min Lesezeit

Eine kühle Brise streicht über meine Haut, als ich meine Stiefel in den festen Schnee auf dem Grat grabe. Der Frühling ist in Italien früh eingetroffen, aber es bleibt noch genug Schnee, um einige …
Eine kühle Brise streicht über meine Haut, als ich meine Stiefel in den festen Schnee auf dem Grat grabe. Der Frühling ist in Italien früh eingetroffen, aber es bleibt noch genug Schnee, um einige Schwünge in den zentralen Apenninen zu machen. „Vor einer Woche hatten wir über einen Meter mehr Schnee“, sagt Lorenzo Alesi, der in diesen Bergen aufgewachsen ist. „Aber mit dem Klimawandel ist alles unberechenbar geworden.“ Auf dem Bergrücken des Monte Vettore erstreckt sich die mittlerweile schneelose Piano Grande Ebene nach Südwesten. Am nördlichen Rand liegt das Dorf Castelluccio, die höchste Siedlung der Apenninen.
Aus der Ferne sehe ich zerstörte Gebäude und Schutthalden, die Folgen einer Reihe von Erdbeben, die 2016 die Gemeinden Mittelitaliens verwüsteten. In Castelluccio ist trotz der Trümmerhaufen, die den größten Teil der Stadt bedecken, einiges los, da die Straßen jetzt ausreichend repariert und für den Verkehr freigegeben sind. Die Besitzer der seit Generationen familiengeführten Cafés arbeiten in temporären Gebäuden weiter und servieren Köstlichkeiten aus lokalem Fleisch und Käse. Ich genieße ein weiteres Panini und das mit Linsen gebraute lokale Bier – eine Spezialität der Bauern in Castelluccio – während Lorenzo dem Besitzer auf Italienisch vorsichtig einige meiner vorbereiteten Interviewfragen stellt.
„Die Menschen sind frustriert“, sagt Lorenzo über die Bewohner von Castelluccio, als wir über die Piano Grande zurückfahren... „Sie warten seit drei Jahren darauf, mit dem Wiederaufbau ihrer Häuser und ihres Lebens zu beginnen. Aber man kann keine neuen Gebäude bauen, bis die alten abgerissen und weggeräumt sind. Es war ein schmerzlich langsamer Prozess für alle von den Erdbeben betroffenen Dörfer. Sie sind besorgt, dass diese temporären Lösungen dauerhaft werden.“ Die Rückfahrt zu Lorenzos Haus führt uns durch mehrere weitere kleine Gemeinden, die alle einem verlassenen Kriegsgebiet ähneln. „Wir befinden uns inmitten der Apenninen, direkt über einer tektonischen Verwerfung“, erklärt Lorenzo.
„Die Stadt L'Aquila musste im letzten Jahrtausend fast 20 Mal wiederaufgebaut werden. Das ist hier ein Teil des Lebens.“ Unsere Gruppe trifft sich am Fuße des Skigebiets Prati di Tivo, dem Einstieg zum höchsten Gipfel der Apenninen, dem Corno Grande (2.912 Meter). Unser Bergführer Gino Perrino starrt für einen Moment auf die Wolken, die den Gipfel umhüllen, bevor er unsere Gipfelmission absagt. Er versichert mir jedoch, dass wir gutes Terrain finden werden, wenn wir die Lifte umgehen und ins angrenzende Maonetal aufsteigen. Nach etwa zwei Stunden Aufstieg machen wir an der Talstation Mittagspause, als die Sonne beschließt, für den Nachmittag doch noch einmal herauszukommen.
Fahrbares Terrain umgibt uns in allen Richtungen, und wir sehen ein paar unterschiedliche Gruppen, die bereits in den Bowls unterwegs sind. Nachdem wir ein paar eigene Linien gefunden und in überraschend tiefem Frühlingspulver Spaß hatten, kehrt unsere Gruppe fröhlich nach Prati di Tivo zurück, um eine Runde sardisches Craft Bier und Pasta mit Prosciutto zu genießen. Ich danke Gino für seine fachkundige Führung, bevor ich mich in meine Unterkunft in Pietracamela zurückziehe. Der Name Pietracamela bedeutet wörtlich „Steinkamel“, benannt nach dem großen Felsvorsprung, aus dem die Stadt zu wachsen scheint.
Die Erdbeben im Jahr 2009 haben die jahrhundertealten Gebäude in Pietracamela nicht vollständig zerstört, aber viele haben heute Risse und sind strukturell unsicher. Infolgedessen musste fast die Hälfte der Bevölkerung wegziehen. Die Schäden haben auch den Tourismus negativ belastet, da es kaum noch geeignete Unterkünfte gibt. Die Erdbeben von 2016 haben die Stadt weiter beschädigt und den Wiederaufbau verzögert. Wirklich verheerend jedoch war dann ein massiver Schneesturm, der Anfang 2017 diese Region heimsuchte. Seismische Erschütterungen sorgten damals für folgenschwere Lawinenabgänge.
In Prati di Tivo gab es wie durch ein Wunder keine Todesopfer, aber eine riesige Lawine traf das Luxusresort Hotel Rigopiano am anderen Ende der Gran Sasso-Bergkette, nachdem in vier Tagen viereinhalb Meter Nassschnee gefallen waren. Von den 28 Gästen und zwölf Mitarbeitern, die sich in der Lobby versammelt hatten, starben 29 Menschen. An unserem letzten Skitag fährt mich Lorenzo für eine Skitour entlang der Straße hoch über den Lago Camposto zum Monti Della Laga. Während wir mit Fellen aufsteigen, beschreibt er die Auswirkungen der Erdbeben auf die Skiindustrie in den zentralen Apenninen... „Wir hatten vor zehn Jahren acht Skigebiete in Mittelitalien. Jetzt haben wir drei.
Unser größtes Skigebiet, Ussita Frontignano, hatte 2009 einen neuen Sessellift installiert, der aber seit dem Beben 2016 nur noch vor sich hinrostet. Diese Skigebiete benötigen Millionen von Euro, bevor sie wieder in Betrieb gehen können, aber das hat für die Regierung keine Priorität.“ Auf dem Colle del Vento angekommen genießen wir den freien Blick über den Lago Campotosto und auf den Gran Sasso im Südwesten. Der Frühlingsschnee ist während meiner Woche in den Apenninen etwas ausgeapert, aber ich bekomme das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht, als ich hinter Lorenzo den Hang hinunterschwinge. Es gibt noch einen weiteren Ort in den zentralen Apenninen, den mir Lorenzo zeigen möchte, bevor ich zurück nach Kanada abreisen muss.
Wir fahren eine halbe Stunde nach Amatrice, den Geburtsort des italienischen Gerichts Pasta Amatriciana. Als wir durch die Stadt fahren, begreife ich, dass es noch einen anderen Grund gibt, warum mich Lorenzo hierher gebracht hat. Es gibt hier nichts mehr außer ein paar Hausfassaden, die mit Verstrebungen abgestützt wurden und auf ihren Abriss warten. Der Glockenturm der Stadt aus dem 13. Jahrhundert steht noch und kann hoffentlich als Erinnerung an die 23 Toten in Amatrice und die insgesamt 299 Opfer in der Region erhalten bleiben.





Fahrer: Lorenzo Alesi, Alice Linari



