BACKLINE Magazin
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Schweiz · Vereina Valley (Graubünden)

Off the Beaten Track

Ausgabe 2013 · Text: Totti Lingott · Fotos: Baschi Bender · 5 min Lesezeit

Off the Beaten Track

Zehn Jahre lang konnte Peter Gujan sein Geheimnis bewahren. Irgendwo da draußen in der Wildnis – jedoch nur Minuten von Davos und Klosters entfernt – gibt es unberührte Nordhänge und Rinnen, von …

Zehn Jahre lang konnte Peter Gujan sein Geheimnis bewahren. Irgendwo da draußen in der Wildnis – jedoch nur Minuten von Davos und Klosters entfernt – gibt es unberührte Nordhänge und Rinnen, von denen Skifahrer träumen. Dieser Spot liegt in den Alpen, erinnert aber an Alaska: Endlose Hänge, mächtige Felsgipfel und keinerlei Infrastruktur wie sonst in Europa. Während der Sommermonate fallen hier die Touristen ein, gehen wandern, klettern, spazieren. Eine wohlbekannte Urlaubsregion. Im Winter ist es völlig anders. Die spektakuläre Bergregion, keine halbe Stunde Luftlinie von St. Anton, bietet keine Unterkünfte und kann nur durch eine steile Schlucht erreicht werden. Es handelt sich um das Vereinatal im Schweizer Kanton Graubünden.

Hier wird der Begriff „abgeschieden“ neu definiert. In seiner Zukunftsvision „1984“ schreibt George Orwell: „Willst du ein Geheimnis wahren, musst du es auch vor dir selbst verbergen“. Und so konnte auch der Bergführer und Schafhirte Peter Gujan sein Geheimnis nicht ewig für sich behalten. Peter erkundete das Vereinatal zum ersten Mal vor zehn Jahren, als er auf einer Alpe aushalf. Er erkannte das Skitourenpotential der beeindruckenden Landschaft und wunderte sich, warum Tourenskifahrer das Tal ignorierten. Es war nicht wirklich weit ab vom Schuss und bot klassische Routen und Erstbefahrungen: Rosställispitz, Unghürrhörner, Plattenhörner, Gorihorn, Roggenhorn.

Er verlor nicht allzu viele Worte, schnallte seine Ski an und verbrachte die kommenden Winter damit, die Hänge seines privaten, unberührten Heimatreviers besser kennen zu lernen. Äußerst selten musste er dabei eine Spur mit einem anderen Skifahrer teilen. Bis letzten April. Die Auserwählten, die erstmals seinen gut behüteten Spielplatz teilen durften, waren wie er: Sie liebten die Berge, die Geschwindigkeit und die Bewegung. Jedoch kamen sie aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen. Verwurzelt in verschiedenen Ländern brachte sie ihre Passion für den Schnee und ihr Lebensstil zusammen.

Acht Skifahrer aus aller Herren Länder trafen sich mit Peter und seinem Bergführerkollegen Gian Luck, um drei Tage die Berge und sich selbst als Gemeinschaft zu erkunden. Die Gruppe verständigte sich in einem bunten Sprachenmix mit viel Gestik, als sie bei strömendem Regen loszog. Während sie über mehrere Meter dicke Lawinenkegel stapfte, gab das Tal einen ersten Geschmack von den enormen Nassschneelawinen, die hier keine Seltenheit sind. Die Gruppe war groß und kam nur langsam voran – für ihre Zeit im Backcountry-Camp brauchten sie ziemlich viele Lebensmittel, Zelte und weitere Ausrüstung. Peter war etwas angespannt, nicht wegen der Schneeverhältnisse, sondern wegen der Erwartungen innerhalb der Gruppe.

Für ihn war die Gegend Heimatrevier, er kannte sie wie seine Westentasche, und hinter jeder Ecke lagen Erinnerungen an vorhergehende Touren. Würden diese Profiskifahrer – alle waren viel gereist und erfahrener, als er es jemals sein würde – sehen, fühlen und verstehen, was er bei seinem „ersten Mal“ hier draußen empfunden hatte? Aus dem Regen wurde Schnee, und während sie höher kamen, blinzelte die Sonne durch die Wolken und gab den Blick auf die Gipfel frei, ließ endlich die Hänge mit ihren Schneemassen erkennen. Wie Peter versprochen hatte, zeigten sich die Gipfel unberührt, unbefahren und unbekannt.

Das Basecamp lag in fast 2.000 Metern auf einem Talgrund nahe einer alten Steinhütte, die Peter in den Sommermonaten schon öfter als Unterschlupf benutzt hatte. Das einfache Gebäude lag tief begraben im Schnee, kalt, ohne Wasser und Strom. Rustikal für die einen, durchaus vertraut für andere. Als die Zelte standen und die Tür zur Hütte freigeschaufelt war, zogen wie von der Wettervorhersage angekündigt erneut dunkle Wolken auf und blieben an den Bergrücken unterhalb der Rosställispitz hängen. Es war noch genug Zeit für eine Erkundungstour, und alle konnten bei guter Sicht einige erstaunliche erste Schwünge machen – bis auf Christina, Hanna und Stian, die im Nebel eine sensationell gute Powder-Abfahrt durch mehrere Felsbänder fanden.

Das Abendessen und der Rest des Abends waren erfüllt von aufgeregten Gesprächen. Die Gruppe tauschte sich aus und wuchs zusammen. Die Sprachschwierigkeiten gerieten zur Nebensache, denn die Aufregung versinnbildlichte unverständliche Worte und verdeutlichte die Vorfreude auf den nächsten Tag. Nach einem frühen Weckruf teilte sich die Gruppe am nächsten Morgen in kleinere, sicherere Teams auf. Hanna, Paolo und Gian schafften zwölf Abfahrten in verschiedenen Hängen vom Süsser Tal bis zum Vereinapass, alle über körperlich anstrengende 2.000 Meter Meereshöhe.

Christina und Stian fuhren eine massive, nach Süden gerichtete Rinne zwischen den Plattenhörnern, die so genial war, dass sie gleich wieder hinaufstiegen, um noch die Nordseite zur Vernelahütte abzufahren. Die Rosställispitz wurde ihrem Ruf, beängstigend steil und anspruchsvoll zu sein, gerecht und hinderte Conny, David, Jacob und Peter daran, den Aufstieg an einem Tag zu meistern – nichts Ungewöhnliches, wenn man einen großen Berg so nah erlebt. Dennoch wurde ihre harte Arbeit mit einigen herrlichen Schwüngen in perfektem Schnee belohnt. Jeder einzelne machte die Erfahrung, einer anderen Herausforderung als üblich gegenüber zu stehen, und der Kernaussage dessen, was Leben im Backcountry meint: seine Freiheit, seine Möglichkeit, mit der Landschaft zu spielen und Körper und Geist in Einklang zu bringen, um letztlich Erfolgserlebnisse zu haben.

Eine Insel für die Seele. Am letzten Tag ihres Wildnis-Abenteuers machte sich die Gruppe auf den Rückweg über das Roggenhorn, von dem sie weniger ausgesetzt über unberührte Nordhänge durch das Vereinatal abfuhren. Peter führte die Gruppe. In kontrastierenden Wolken aus Licht und Bewegung tanzten ihre Schatten gen Tal. Sie schlossen ihre Runde mit dem Weg als Ziel. Nach drei Tagen in Peters Spielplatz resümierte die Gruppe das Erlebte, bevor es für jeden wieder nach Hause ging, in seine eigene Welt, mit der Familie, Freunden, Aufgaben und alltäglichen Dingen. Sie würden alle eine bleibende Erinnerung mitnehmen; ein neues Verständnis für die Schönheit und Wildnis der Natur, die nicht Tausende von Kilometern entfernt sein muss.

Peter sah in den Gesichtern der Profis, dass sie verstanden hatten, wie es ihm gegangen war, als er zum ersten Mal das Tal erforscht hatte. So weit weg und doch so nah. Ein magischer Ort, abseits aller bekannten Wege.

Off the Beaten Track
© Baschi Bender
Off the Beaten Track
© Baschi Bender
Off the Beaten Track
© Baschi Bender
Off the Beaten Track
© Baschi Bender
Off the Beaten Track
© Baschi Bender

Fahrer: Hanna Finkel, Peter Gujan, Stian Hagen, Gian Luck, Christina Lustenberger, David Sanabria, Conny Zamernik

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